Der „Club der Roten Bänder“ hat einst alle Preise gewonnen, bekam noch einen Kinofilm und war ein abgeschlossenes Projekt. Wie kommt man auf die Idee, da noch einmal ranzugehen?
Hauke: Nach der langen Zeit hatte ich das Gefühl, dass sich eine Beschäftigung mit dem Club wieder lohnen könnte und mir die Frage gestellt, ob wir einen heutigen Zugang finden könnten für eine ganz neue Geschichte. Also habe ich Gerda angerufen und gefragt, ob sie sich vorstellen kann, dass wir uns gemeinsam noch einmal Gedanken darüber machen.
Gerda: Und das passiert eher selten, dass dich ein Sender anruft und fragt, ob man nicht Lust hätte. Sie werden erahnen: Ich hatte Lust! Aber nach dem Anruf hat es in mir direkt gearbeitet: Ich fand die Idee mutig.
Hauke: Wir haben dann erst einmal die Rahmenbedingungen abgesteckt.
Was meinen Sie damit?
Hauke: Was wir nicht wollten: Keine Fortsetzung oder Erzählung, wie es den Charakteren von damals heute geht. Wir wollten einen neuen Ansatz, der den ersten „Club“ in seiner Abgeschlossenheit nicht nochmal aufbohrt. Das hatte etwas Wunderbares und war in sich abgeschlossen. Aber wir hatten das Gefühl, die DNA dieser Geschichte und die emotionale Mechanik ist etwas, was uns vielleicht heute wieder gut tun würde.
Gerda: Ich war erleichtert, dass Hauke schon recht klar in dem war, was er wollte und was nicht. Wir waren uns beide sicher, dass wir uns nicht mit dem alten Club vergleichen wollen. Es gab Gedanken, ob wir einen Pfleger erzählen oder einen jungen Arzt, der aus dem damaligen Club kam. Wir haben viel gebrainstormt.
Hauke: Die wichtigsten Weichenstellungen mussten wir bei diesem Projekt schon vor dem ersten Drehbuch vornehmen. Was macht den Club aus, welche Töne wollen wir anschlagen? Was ist für uns gesetzt, wenn wir gleichzeitig neu erzählen. Mit dem Pitch und Staffelbogen haben wir dann gespürt, „das könnte was werden“ und als mir dann Solveig Willkommen, die das Projekt redaktionell aufgesetzt hat, die erste Fassung des Drehbuchs zu lesen gegeben hat, war mir klar: Der Knoten ist gelöst. Sie haben die Fallhöhe ja schon beschrieben. Da klopft das Herz dann schon mehr, wenn man dann zum ersten Mal etwas zu lesen bekommt. Man hat Respekt vor dem Vermächtnis der Marke.
© RTL / Kai Schulz
Der neue Cast des "Club": Elias (Voicu Dumitras), Philipp (Jona Levin Nicolai), Charlie (Greta Krämer), Nora (Mariama Jobe) und Yannik (Yoran Leicher)
Der neue „Club der roten Bänder“ stammt aus neuen Federn. Wie kam es dazu?
Gerda: Wir waren uns einig, dass wir die Crew des alten Club vorab informieren wollen und auch Jan-Martin Scharf und Arne Nolting, die ja drei Staffeln und den Film geschrieben haben, fragen. Aber sie hatten keine Zeit. Und dann kommen einem Talente in den Sinn. Ich habe Adrian Spring vorgeschlagen, wir haben uns kurz abgestimmt und uns mit der Redakteurin Solveig Willkommen und ihm getroffen. Das war sehr berührend. Adrian kannte alle Staffeln vom Club und im Gespräch habe ich es gespürt. Es war eine reine intuitive Entscheidung, dass er der Richtige ist. Und das hat er dann auch eingelöst.
Was ist denn die besondere DNA des „Club der roten Bänder“ von denen Sie eben sprachen?
Gerda: Für mich sind es zwei Zutaten. Es ist eine Emotionalität, die zum Weinen bringt und im nächsten Augenblick der Humor, der es erträglich macht. Wenn die an Leukämie erkrankte Nora sich sorgt, mit ihrer Perücke furchtbar auszusehen, und ausgerechnet ihren erblindeten Freund Yannik um Rat fragt, ist seine Antwort nur: „Jackpot“. Weil es für ihn schlicht keine Rolle spielt, wie sie damit aussieht. Das ist diese Club-Magie.
Hauke: Da würde ich in jedem Fall zustimmen. Ganz entscheidend ist auch, dass wir die jugendlichen Figuren dabei ernst nehmen. Wir erzählen sehr schwierige Lebenssituationen und Schicksalsschläge, die glaubwürdig vermittelt werden, weil Cast und Drehbuch so gut miteinander funktionieren. Der „Club“ traut sich dann auch wieder, die Emotionen vielleicht ein bisschen mehr aufzudrehen als es vor allem im deutschen Fernsehen sonst die Regel ist. Ob wir lachen oder weinen, der Club macht die Tore weit auf. Und die Musik von Jens Oettrich ist wieder toll!
Gibt es Dinge, die Sie unbedingt ändern wollten bei der neuen Generation?
Gerda: Wir haben uns - das klingt jetzt so banal - über Krankheitsbilder unterhalten und dabei wurde uns klar, dass wir anders als vor zehn Jahren auf alle Fälle auch psychischen Erkrankungen mehr Sichtbarkeit geben wollen. Auch, weil durch die Corona-Pandemie nochmal ein anderes Licht auf die Herausforderungen dieses Themas geworfen wurde. Wir sind als Gesellschaft einige Schritte weiter gekommen im Verständnis dieser Erkrankungen und wollten das auch in den Fokus rücken.
Hauke: Es ist bei der Mehrzahl der Krankheiten, die wir erzählen, so, dass man es den Leuten nicht an der Nasenspitze ansieht. Und ich finde, das ist auch die Botschaft, die die Serie in sich trägt. Du kannst den Leuten nicht in den Kopf gucken, jeder hat sein Päckchen zu tragen, sein Schicksal zu meistern und darauf kann man auf unterschiedliche Weisen reagieren. Der Club war - und ist auch diesmal - ein Appell für mehr Empathie.
Gerda: Und wenn man überlegt, was man erzählen will, war das automatisch auch eng verbunden mit der Frage wie viele Figuren wir erzählen. Wieder sechs? Oder nur fünf? Wir haben uns da schrittweise gemeinsam herangetastet.
Hauke: Wir wollten vermeiden, dass man bei der neuen Generation 1:1-Vergleiche zu Charakteren des alten Clubs anstellt. Ich glaube, dass man das bei der ersten Folge sehr schnell merkt. Wir haben dann eher diskutiert, wie wir eine kleine Hommage an die alte Geschichte einbauen können. Aber nur so, dass es für die neue Serie keine Voraussetzung ist, den alten Club zu kennen.
Nach dem Buch ist das Casting die nächste große Hürde bei einer Serie, deren Charaktere so jung sind, dass man viel Vertrauen in neue junge Köpfe haben muss…
Gerda: Es war ein intensiver und aufwendiger Prozess. Aber gleichzeitig vielleicht sogar auf eine Art auch einfacher als damals, weil das Feld der Young Adult-Geschichten deutlich weiter geworden ist. Ich will nicht soweit gehen und behaupten, dass wir damals Vorreiter waren, aber seit dem ersten „Club“ sehen wir viel mehr Young Adult-Storys und damit verbunden auch viel mehr sichtbares Talent. Es gab viele eCastings und dann haben wir gemeinsam mit unserem Regie-Duo Felix Binder und Aki Wegner unsere Favoriten festgelegt und Konstellationscastings geplant.
Hauke: Da war es ein Vorteil, dass wir mit Felix und Aki auch zwei Leute dabei hatten, die die DNA des alten Clubs kennen. Das war ein wichtiger Austausch.
Gerda: Es gab für mich einen Magic Moment als der Cast aus einer Leseprobe kam und wie eine Gruppe guter Freunde zusammenstand auf dem Parkplatz vor dem Produktionsbüro - da habe ich sie mir so angeschaut und wusste: Das ist unser neuer Club.
Der „Club“ nimmt sich sehr schwieriger Themen an. Der Tod ist grundsätzlich präsent in einem Krankenhaus, aber diesmal gehen Sie sogar noch einen Schritt weiter: Ein 17-Jähriger, der lieber sterben würde als zu leben. Da muss man erstmal schlucken.
Gerda: Der Junge, unser Elias, ist seit dem neunten Lebensjahr an der Dialyse. Eine Transplantation hat erneut nicht funktioniert. Das geht einem sehr nah, seine Gedanken authentisch und nachvollziehbar geschrieben und gespielt. Ja, da spitzt sich noch einmal zu, was den Club immer schon ausgezeichnet hat. Aber nicht für den Effekt, um Grenzen zu überschreiten, sondern als Anliegen, sich auch mit unbequemen Fragen zu beschäftigen.
Hauke: Wir sprachen schon darüber. Dafür muss man seine Figuren ernst nehmen, damit wir als Zuschauer das mitgehen.
Jetzt reden wir die ganze Zeit darüber, wie besonders diese Neuinterpretation einer preisgekrönten Serie ist. Doch dem neuen Cast; war dem die Verantwortung dieses Erbes bewusst oder juckt die das gar nicht?
Gerda: Unterschwellig war allen klar, dass das ein besonderes Projekt ist. Das Gefühl haben wir schon mit unserer Aufregung für die Sache vermittelt, denke ich (lacht).
Hauke: Ich fand, dass sie erstaunlich lässig mit den Erwartungen umgegangen sind. Ehrlich gesagt glaube ich, dass den meisten erst bei der Premiere beim Seriencamp die Legacy der Marke so richtig bewusst wurde. Wie schön, dass auch der komplette Cast des alten Clubs gekommen ist. Für sie war die Serie ja auch karrieretechnisch eine sehr wichtige Produktion. Das war bei der Premiere ein tolles Treffen und Kennenlernen der besonderen Art. Wie große Geschwister, die den jüngeren die besten Wünsche mit auf den Weg geben. Das waren Momente, die hatten eine gewisse Magie.
Da hilft es sicherlich, dass es keine Neuauflage, eher eine Neuinterpretation der Serie ist und niemand in seiner Rolle ersetzt wurde…
Gerda: Sie hatten in der Kritik zur Serie die schöne Überschrift: „Gleiche DNA, neuer Herzschlag“. Das trifft es sehr gut.
Die neue Serie hat nur sechs Folgen statt zehn bei den früheren Staffeln. Ich erahne budgetäre Gründe. Wo musste man am Tempo anziehen um trotzdem wieder diese Tiefe hinzubekommen?
Hauke: Wir mussten nicht am Tempo anziehen. Die Figuren wachsen einem schnell ans Herz. In der alten Serie gab es ja auch Bottle Episodes, die weitgehend für sich standen und eingeschoben wurden. Wir haben ein bisschen verdichtet erzählt, aber geben jeder Szene für sich den Raum, den sie braucht.
Gerda: Ich sehe das auch aus einer anderen Perspektive: Wir haben die Chance bekommen, sechs Folgen zu erzählen! Und mit dem Wissen sind wir auf Adrian zugegangen, der zusammen mit Kristen Loose dann den Staffelbogen entwickelt hat. Und wenn man damit von Anfang an in die Entwicklung geht, dann erzählt man so wie es sich richtig anfühlt. Es ist komprimierter und kompakter, aber von den Kreativen nie anders gedacht.
Hand aufs Herz: Hätten Sie den originären Club heute beauftragt, wenn es nicht schon eine bekannte IP gewesen wäre?
Hauke: Auch vor zehn Jahren hätte man sich vermutlich nicht an den Stoff gewagt, wenn er nicht in Spanien schon so ein Riesenerfolg gewesen wäre. Ich erinnere mich noch an die Woche vor der Premiere bei Vox. Damals war ich nicht auf dem Projekt, aber die Aufregung war spürbar. Weil man wusste: Die erste eigenproduzierte Serie bei Vox und dann noch über Kinder im Krankenhaus…Aber es hat den Nerv getroffen.
Wurde die Serie jetzt eigentlich für RTL+ oder für Vox gemacht?
Hauke: Sie wurde für unser Publikum gemacht, das sie dort schauen soll, wo es ihm am besten passt. Es gibt Serien in unserem Slate, die sind ganz eindeutig fürs Streaming konzipiert und andere, die sich ganz klar an linearen Sehgewohnheiten orientieren. Für den Club greift diese Unterscheidung nicht so klar. Das galt aber bei der alten Serie auch schon. Formal war sie schon damals so erzählt, wie man es von Streamingserien kannte – und war trotzdem ein linearer Hit.
Aber auf welchem Datum, auf welchem Launch liegt jetzt die ganze Aufmerksamkeit? Zählt der Start bei RTL+? Oder fokussiert man sich dann auf die Ausstrahlung bei Vox?
Hauke: Mit dem Start auf RTL+ können wir früh Aufmerksamkeit für die Serie schaffen und Fans aktivieren. Die lineare Ausstrahlung bei VOX kann dieses Momentum anschließend aufnehmen. Beide Starts spielen deshalb für uns eine wichtige Rolle. Die Medienwelt hat sich seit dem Start des alten Clubs komplett gewandelt. Damals wurde Monate vorher mit der Betrailerung angefangen.Das war die Zeit auch von Serien wie „Deutschland 83“. Da waren einzelne Projekte länger im Gespräch, man teilte sich die Aufmerksamkeit nicht mit so vielen Anbietern und Serienstarts wie heute. Es ist herausfordernder geworden, Aufmerksamkeit zu generieren.
Gerade deshalb wundere ich mich, dass man dann nicht versucht, alles auf einen Launchtermin zu fokussieren. Wann will man wie die Aufmerksamkeit erreichen? Wann würde man z.B. dieses Interview veröffentlichen?
Hauke: Ich glaube, dass das Momentum von Word of Mouth für unseren linearen Erfolg heutzutage wichtiger ist als die Frage, wann eine Feuilletonkritik erscheint,um das mal etwas zu überspitzen. Aufmerksamkeit entsteht heute über viele unterschiedliche Wege. Der Start auf RTL+ bietet uns diese Chance. Diese Aufmerksamkeit wollen wir dann bestmöglich auch für die lineare Ausstrahlung mitnehmen. Time will tell.
Letzte Frage: Ermutigt der jüngste Erfolg der „Lehrer“-Fortsetzung jetzt möglicherweise auch die Neuinterpretation des „Club der roten Bänder“ wieder zu mehr Serien im linearen Programm?
Hauke: Mit „Der Lehrer“ haben wir auf einem ungelernten Sendeplatz und mit einer Marke, die mehrere Jahre nicht sichtbar war, einen tollen Erfolg im linearen Programm hingelegt. Das ist strategisch kaum überzubewerten. Ich glaube trotzdem, dass auch das von der Kraft einer gelernten Marke profitiert hat. Aber natürlich schauen wir, wie wir diese Beobachtung in Zukunft für uns nutzen können. Der „Club“ geht in diese Richtung. Und wenn wir damit jetzt ein weiteres Ausrufezeichen setzen würden, dann werden wir sicher auch unsere Schlüsse daraus ziehen.
Herr Bartel, Frau Müller, herzlichen Dank für das Gespräch.
"Der Club der roten Bänder - die neue Generation" ist bei RTL+ abrufbar und ab dem 8. September dienstags um 20.15 Uhr in Doppelfolgen bei Vox zu sehen.
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