Wie gut ist sie denn nun, die Serie? Es ist die vermutlich entscheidende Kernfrage bei jeder Serienkritik, die manche Leser*in auch erst einmal schnell zum Ende scrollen lässt. Insbesondere die Kreativen hinter den Produktionen wollen - wenn die Headline es nicht schon hergibt - meist erst einmal wissen: Verriss oder Lob? Oder aber, man beginnt die Serienkritik gleich damit - weil eine andere Frage mindestens so spannend ist. 

Also: „Club der roten Bänder - die nächste Generation“ ist nach Sichtung der ersten beiden Episoden, die beim Kölner Seriencamp am Dienstagabend ihre Premiere feierten, eine wirklich gelungene Neuinterpretation des Überraschungserfolgs von einst. Und das ist bei diesem Projekt die mindestens so spannende Frage: Wie haben sie es nun eigentlich gemacht? Eine Neuinterpretation also, keine Neuauflage. Andere Charaktere & Geschichten, gleiche Emotionalität. 

Damit lässt die neue Serie den Erfolg des alten „Club der roten Bänder“ unangetastet. Niemand wird ersetzt, nichts wird wiederholt. Das so nahe liegende Verlangen nach direkten Vergleichen lässt sich nicht erfüllen. Adrian Spring und Kirsten Loose haben es mit ihren Drehbüchern geschafft, den Spirit dieser besonderen Marke zu extrahieren und auf neue Konstellationen zu übertragen. Keine Fortsetzung also, keine Wiederholung.

In einem eigenen Tempo findet sich ein neuer „Club der roten Bänder“. Was sofort auffällt: Er ist etwas älter. Das gespielte Alter des neuen Casts ist 15 Jahre und aufwärts; kein Hugo im Koma. Wir lernen kennen: Nora (Mariama Jobe), Charlie (Greta Krämer), Yannik (Yoran Leicher), Elias (Voicu Dumitras) und Philip (Jona Levin Nicolai). Ein stimmiges Ensemble.

Nun fällt es schwer das Spiel von Erkrankungen und ihren Auswirkungen zu bewerten, die einem selbst nicht vertraut sind. Sagen lässt sich aber: Es ist glaubwürdig, und das ist zentral für die besondere Stimmung der Serie, in Szene gesetzt von Felix Binder und Aki Wegner. Heute wie damals ist es eine sehr emotionale Geschichte, die eben nur funktioniert, wenn kein Spiel bzw. keine Rolle irritiert. Dann dauert es nicht lang und man ist drin in den sich minütlich stärker miteinander verwebenden Charakteren, deren Einführung mühelos gelingt, auch wenn die Figur des Philipp zunächst noch nicht so komplex eingeführt wurde wie andere.

Club der roten Bänder © Seriencamp / Jo Hannes Klingelhlfer Premiere beim Seriencamp in Köln: Alter und neuer "Club" vereint

Mehrfach war es bei der Premiere im Kino so still, dass man sich kaum an die knisternde Chipstüte traute. Der Krankenhaus-Alltag zwischen Humor und Tumor, mal heiter, mal lebensbedrohend. Und man toppt das diesmal sogar noch: Neben dem Wunsch zu leben, geht es - harter Tobak - auch um den expliziten Wunsch zu sterben. „Die nächste Generation“ bleibt dem Kern des früheren Vox-Erfolgs treu, führt behutsam aber kompromisslos an durchaus extreme Fragen heran. 

Das war damals der große Verdienst, den jetzt die Neuinterpretation auch zu erfüllen scheint. Und trotzdem ist das beinahe wohlig in Szene gesetzte Krankenhaus auch die Bühne für laute Lacher, etwa wenn die an krebserkrankte Nora sich im Gespräch mit einem neu gewonnenen Freund nicht traut, erstmals eine Perücke anzuprobieren - aus Angst davor, was andere sagen - und ihr Gegenüber, erblindet, nur kontert: „Jackpot!“

Die neuen Folgen, sie sollen im Spätsommer/Frühherbst zuerst bei RTL+ veröffentlicht werden. Vielleicht aber findet man, motiviert durch den linearen Erfolg von „Der Lehrer“, bei RTL Deutschland sogar den Mut, diese Neuinterpretation einer gefeierten Serie mit voller Aufmerksamkeit und Vorfreude auf eine lineare Premiere zu programmieren. Wie damals kann „Der Club der roten Bänder“ auch heute ein familiäres Lagerfeuer werden.

Die Produktionsfirma Bantry Bay und Produzentin Gerda Müller, sowie Producerin Lisa Bayer und Junior Producer Nick Julius Schuck (jener Hugo aus der Original-Serie), können durchatmen. Es hätte wirklich viele Möglichkeiten für ein Scheitern dieses neuen Anlaufs gegeben, sie haben es trotzdem gewagt. Eine Entscheidung, die manche Figur der neuen Serie erst noch treffen muss.