Herr Schorn, in dieser Woche wird der Deutsche Radiopreis verliehen. Sie selbst wissen, wie es ist, wenn man ihn gewinnt. Geht es an so einem Abend ums Gewinnen oder ist es am Ende einfach ein großes Klassentreffen?

Es sind die Radio-Oscars, die bedeutendste Auszeichnung der Branche. Und das sage ich nicht nur, weil ich selbst mal einen bekommen habe. Diese Preisverleihung würdigt und macht Leute sichtbar, die man sonst meistens nicht sieht. Das Besondere beim Radiopreis ist auch: Wer nominiert ist, kommt, niemand lässt sich das entgehen.

Der Radiopreis zeigt ja auch die Vielfalt dieses Mediums. Worin liegt diese Besonderheit von Radio in einer Welt, in der Podcasts wie Pilze aus dem Boden schießen?

Die Stärke von Radio ist sicherlich die Vertrautheit, die Nähe, bei vielen Programmen auch die Regionalität. Wie oft habe ich schon gesagt bekommen: "Wenn ich dich im Radio höre, dann weiß ich, ich bin zu Hause." Genau das ist die große Kraft des Mediums: einen Heimathafen zu bieten, eine emotionale Beziehung herzustellen, wie es kein anderes Medium schafft. Dazu kommt die leichte Verfügbarkeit. Ich brauche kein kostspieliges Empfangsgerät und kein Abo. Vor allem muss ich mir keine Gedanken um die Playlist machen. Einfach einschalten beziehungsweise die App starten und es läuft. Und der Erfolg des Mediums ist nach wie vor überragend. 52 Millionen Menschen in Deutschland hören jeden Tag Radio und das durchschnittlich über vier Stunden.

Viele Sender sind sehr formatiert. Wie findet man als Moderator in solchen Programmen seine eigene Handschrift?

Mir ist es eigentlich schon immer ganz gut gelungen, ob im Radio oder im Fernsehen, die Fläche, die mir zur Verfügung gestellt wird, mit meiner eigenen Note zu versehen. Eine Formatierung ist ja grundsätzlich erstmal nur ein Rahmen, der dem Publikum eine verlässliche Orientierung bietet. Eine Abweichung davon kann es besonders, überraschend und außergewöhnlich machen. "Wer wird Millionär?" etwa ist im Ursprung ein mit Grafik- und Musikeffekten stark durchformatiertes Quiz, das sich dennoch sehr schnell zur Günther-Jauch-Show entwickelt hat. Auch in einem strengen Format ist Persönlichkeit nicht nur möglich, sondern vielleicht sogar umso wichtiger.

 

"Natürlich hätte ich es mir bequem machen und einfach bis zur Rente bleiben können. Nur hätte ich das meinem jüngeren Ich nicht erklären können."

 

Sie selbst haben jetzt den WDR-Hörfunk nach 25 Jahren verlassen. Wie schwer fiel Ihnen diese Entscheidung?

Ich bin glücklich und voller Dankbarkeit, über eine so lange Zeit gemeinsam mit tollen Kolleginnen und Kollegen ein großartiges Programm bei 1Live und WDR 2 machen zu dürfen. Das hat mich geprägt und sicherlich war auch ich prägend für die beiden Sender. Mir rief mal jemand in Weeze beim Parookaville-Festival quer über den Platz zu: "Thorsten, danke für die schönen Stunden." Und das kann ich wirklich nur zurückgeben. Mit der Hörerschaft ist eine ganz besondere Verbundenheit entstanden. Als junger Moderator im NRW-Lokalfunk wollte ich gerne den Sprung zum WDR schaffen. Und nach 25 wundervollen Jahren bin ich jetzt wieder auf dem Sprung und freue mich auf das, was kommt.

Also kein Abschiedsschmerz?

Es gibt kurioserweise ein sehr schnelles Comeback, wenn ich am Donnerstag mit der Radiopreis-Verleihung auch auf WDR 2 zu hören bin. Natürlich hätte ich es mir bequem machen und einfach bis zur Rente bleiben können. Nur hätte ich das meinem jüngeren Ich nicht erklären können. Außerdem bleibe ich dem WDR doch an anderer Stelle erhalten, etwa als Kommentator des Kölner Rosenmontagszuges im Ersten. Ich begreife mich also ganz klar auch weiterhin als Teil der öffentlich-rechtlichen Welt, allein durch meine Mitwirkung beim Eurovision Song Contest. Der Grund, dass ich nun woanders Radio machen werde, ist einfach die Chance, die sich bietet, ein neues Programm mitentwickeln und gestalten zu können. Natürlich war es mir wichtig, auch nach einem Vereinswechsel weiterhin in der Champions League zu spielen.

Wohin zieht es Sie?

Am 14. September startet beim bundesweiten RTL Radio die "Schorn-Show", wochentags von 10 bis 15 Uhr, mit meiner Kollegin Andrea Ostermann und mir. Man hat uns beide so ein bisschen miteinander verheiratet. Um uns besser kennenzulernen, haben wir uns während eines Urlaubs auf Mallorca getroffen. Beim Brainstorming für erste Ideen am Strand haben wir bei uns beiden viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Als nächstes suchen wir die Unterschiede, weil die es für die Moderation ja umso spannender machen.

Thorsten Schorn bei RTL Radio © RTL "Vereinswechsel": Marc Haberland, Geschäftsführer RTL Audio Center Berlin, Moderator Thorsten Schorn und Nina Gerhardt, CEO RTL Radio Deutschland

Was haben Sie vor?

Es wird am Anfang vielleicht so sein wie eine Einweihungsparty bei Freunden, die frisch umgezogen sind. Da fehlen Möbel, Bilder hängen auch noch keine an der Wand und man sucht lange nach dem Flaschenöffner. Und trotzdem hat man zusammen eine gute Zeit und kommt gerne wieder.

Und was wird aus den Straßenumfragen, die Sie bislang bei WDR 2 regelmäßig gemacht haben?

Die wird es natürlich weiterhin geben. Vermutlich liegt es in meiner kölschen DNA, gerne mit Wildfremden ins Gespräch zu kommen. Umfragen werden redaktionell oftmals unterschätzt und als Praktikanten-Übungsfläche betrachtet. Ich halte sie als Programmelement für höchst wertvoll, weil sie auf ihre ganz eigene Weise für Multiperspektivität und Dialog sorgen. Außerdem kommen die lustigsten Sachen dabei heraus.

 

"Insbesondere in herausfordernden Zeiten hat Radio hat auch die Aufgabe, einfach ein guter Tagesbegleiter zu sein."

 

Das Versprechen lautet "Feel Good Music". Haben Sie keine Lust mehr auf schlechte Nachrichten? 

Mich hat dieses Konzept, das es in den USA und im Vereinigten Königreich bereits erfolgreich gibt, direkt angesprochen und gereizt mitzumachen. Natürlich ist Radio eine wichtige Informationsquelle und selbstverständlich gibt es bei RTL Radio ausführliche Nachrichten. Doch insbesondere in herausfordernden Zeiten hat Radio hat eben auch die Aufgabe, einfach ein guter Tagesbegleiter zu sein. In der Küche meiner Oma in Bottrop lief früher immer Radio Luxemburg auf einem kleinen Transistorradio. Sie mochte die Leichtigkeit, die dieses Programm versprochen hat ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Eine Fröhlichkeit, die ansteckend war, im Grunde schon damals das, was wir heute "Feel Good Music" nennen. In ihrer Küche hat etwas gefehlt, wenn das Radio nicht eingeschaltet war. Und dass ich jetzt beim Nachfolger ihres Lieblingsprogramms gelandet bin, hätte sie wohl sehr gerührt.

RTL Radio versucht neuerdings, Radio und Fernsehen miteinander zu verbinden. Hilft es, beide Welten zu können?

Tatsächlich hat RTL jemanden gesucht, der sich mit Radio auskennt und gleichzeitig in der Fernsehwelt von RTL zuhause ist. Ich bin seit 3.000 Folgen die Stimme von "Shopping Queen" und war der Spielleiter bei "Denn sie wissen nicht, was passiert". Ich fühle mich hier also schon sehr heimisch, ohne dass das T in RTL jetzt deshalb gleich für Thorsten steht.

Wo liegen die Schnittmengen zwischen Radio und Fernsehen?

RTL ist Europas führende Unterhaltungsmarke und das ist auch im Radio spürbar. Bei uns werden alle berühmten Persönlichkeiten zu hören sein, die das Publikum aus Fernsehen und Streaming kennt und liebt. Auch eine "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Spoiler-Rubrik wollen wir machen. Letztlich kann alles, was im Bewegtbild passiert, zu einem Teil des Radioprogramms werden. Selbstverständlich gilt das ebenso für die starken Inhalte von ntv und den RTL-Magazinen. Die Bereitschaft bei den Fernsehredaktionen, auch fürs Radio zu liefern, ist jedenfalls riesengroß.

Sie sprachen gerade die 3.000 Folgen von "Shopping Queen“ an, das Jubiläum steht kurz bevor. Wie blicken Sie auf all die Jahre?

Ja, 3000 Folgen, und ich habe sie wirklich alle gesehen. Vor dem Start war ich noch verwundert, warum Vox ausgerechnet mich für eine Mode-Sendung anspricht. Dann habe ich schnell erkannt, worin die Besonderheit des Formats liegt: Dass der Off-Sprecher ins Spiel eingreift und mit den Protagonistinnen und Guido spricht. Damit ist eine völlig neue Ebene aufgemacht worden, bei der Sprachaufnahme nennen wir das die Perspektiv-Spur. So eine kreative Spielwiese bei der Vertonung gibt es kein zweites Mal. Wenn im Studio laut gelacht wird, wissen alle anderen immer, dass heute Shopping Queen im Haus ist.

Warum macht es den Leuten nach all den Jahren so viel Spaß, anderen beim Einkaufen zuzuschauen? 

Es bleibt eine geniale Spielidee basierend auf einer Frage, die sich uns allen täglich stellt: Was ziehe ich heute an? Bei den Kandidatinnen ist dabei eine riesige Spielfreude zu erleben und ihnen zuzusehen, ist einfach höchst unterhaltsam. Und der wohl wesentlichste Grund für den Erfolg sind natürlich die Kommentare von Guido Maria Kretschmer. Er sprudelt und ich bewundere ihn, wo er diese ganzen Sprüche immer herholt. Seinetwegen haben wir hier einen TV-Dauerbrenner.

Es ist also kein Ende in Sicht?

Da geht noch was. Ich habe es ausgerechnet: Zur 10000. Folge ist Guido gerade mal 94 Jahre alt. Und ich süße 83.

Herr Schorn, vielen Dank für das Gespräch.