Herr Henke, was macht eigentlich ein „Tatort“-Koordinator?

Eigentlich gibt es den Titel gar nicht. (lacht) Er ist ein Widerspruch in sich selbst, weil die ARD föderal aufgebaut ist. Die einzelnen Landesrundfunkanstalten sind für ihre „Tatort“-Folgen komplett verantwortlich. Die Belange des „Tatortes“ werden innerhalb der Fernsehfilmkoordination, die WDR- Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff leitet, behandelt. Seit dem vergangenen Jahr bin ich Mitglied des "Tatort-Markenboard“. Ein Team, das sich aus verschiedenen Bereichen der ARD-Programmdirektion zusammensetzt und die Interessen der Marke vertreten. Hinsichtlich der Inhalte und der Machart der „Tatorte“ verantworte ich, abgesehen von den WDR-„Tatorten“, formal nichts. Aber die Fernsehfilmchefs der ARD müssen sich mit mir abstimmen und über grundsätzliche Fragen sprechen, beispielsweise in welche Richtung sich der „Tatort“ weiterentwickeln soll. Dass der schöne Titel des „Tatort“-Koordinators verwendet wird, ist aber nicht zuletzt der Tradition geschuldet.

Inwiefern?

Mein Vorgänger Gunther Witte war der Erfinder des „Tatorts“ - die Idee ist 1969 am Decksteiner Weiher in Köln geboren worden. Er trug später den Titel „Tatort“-Koordinator, der auf mich vererbt wurde. Das zeigt im Grunde die Kraft des föderalen Systems der ARD: Der „Tatort“ wäre nicht so erfolgreich, wenn er nicht so autonom wäre. Die Sender und die Redaktionen erhalten die Reihe mit ihrer regionalen Ausrichtung, den Dialekten und dem unterschiedlichen Krimi-Verständnis am Leben. Die Kraft kommt, wie schon erwähnt, aus der Vielfalt unseres Systems. Wenn es eine Zentralredaktion gäbe, bestünde die Gefahr, immer in dieselbe Richtung zu marschieren. Insofern muss ich darüber schmunzeln: Zwar gibt es Momente, in denen man in einer koordinierenden Funktion Autonomiebestrebungen begegnet, aber letztlich ist genau das die Lebensversicherung für den „Tatort“.

 

Mehr als 40 Jahre Laufzeit sind ja auch ein schöner Beweis dafür.

Es gibt die schöne Geburts-Geschichte, die ich meinen Film-Studenten gerne erzähle. Das ZDF war vor mehr als 40 Jahren mit seinem „Kommissar“ überaus erfolgreich und die ARD wollte dem natürlich etwas entgegensetzen. Gunther Witte und sein damaliger Chef Günter Rohrbach, der mit Anfang 80 ja immer noch produziert, gingen in Trenchcoats am Decksteiner Weiher spazieren – und plötzlich sagt Witte: „Ich hab's!" So wurde der Tatort zu Köln erfunden. Anfangs waren die Kollegen in der ARD sehr skeptisch und wollten gar nicht mitmachen. Es gab auch gar keine konsistente Vorstellung davon, was der „Tatort“ überhaupt sein sollte. Es wurde zum Beispiel ein Dokumentarfilm über Verbrechen in Mannheim angeboten und Herr Witte musste erst mal erklären, dass es sich um Fiction handeln soll. Es wurde auch ein Papier erarbeitet, in dem man festlegte, dass der Ermittler nicht erst nach über einer Stunde zum ersten Mal im Film auftaucht.

Kann man sich heute kaum noch vorstellen...

In Ihrem Alter lacht man darüber. Es gibt mittlerweile viele Autoren und Regisseure, die viel jünger sind als der „Tatort“ – ihnen muss man das Konzept natürlich nicht mehr erklären, weil sie die Filme ihr Leben lang gesehen haben. Ich stelle fest, dass sie ganz eigene Vorstellungen haben, was z.B. damit zusammenhängt, dass von ihnen oft amerikanische Serien favorisiert werden. Das stellt aber kein Problem im Blick auf dieses 'urdeutsche Krimiformat' dar, weil der „Tatort“ ganz modern sein kann und dadurch die unterschiedlichsten Bedürfnisse an den Kriminalfilm befriedigt.

Gibt es denn ein System, nach dem die „Tatorte“ ausgestrahlt werden? Eine bestimmte Reihenfolge ist mich für jedenfalls nicht erkennbar.

 Wir versuchen so zu produzieren, dass eine Kontinuität entsteht. Trotz aller vorausschauenden Planungen können wir letztlich nur das ausstrahlen, was fertig gestellt ist. Natürlich achten wir dabei auch auf die Dosierung: Der Zuschauer will nicht zwei Mal hintereinander dasselbe Kommissarsteam sehen und dann für den Rest des Jahres nie wieder. Um neue Teams einzuführen, verhält es sich dagegen etwas anders: Im Falle der neuen Dortmunder Ermittler haben wir z.B. zwei Stücke hintereinander gedreht, um sie im Herbst beim Publikum mit nicht zu großem Abstand zwischen beiden Folgen etablieren zu können. Dazu kommen noch andere Fragen: Wie gehen wir mit dem Hochsommer und der Ferienzeit um? Wie sind die Österreicher und die Schweizer zu integrieren? Bei den Schweizern Kollegen, die sich jetzt wieder an der Tatort-Reihe beteiligen, ist der SWR Sender-Pate. Er gewährleistet die Kommunikation zur ARD und den Austausch über unsere Standards. Es gibt aber auch immer wieder Gespräche über Protagonisten und Sperrverträge. Wenn Sie bei uns Kommissar sind, dürfen Sie ja nicht woanders noch eine Reihe als Kommissar haben...

… so wie das bei Joachim Król der Fall war, der ja zuvor den „Lutter“ im ZDF verkörperte. Dass er schon einmal einen Kommissar mimte, spielte bei seiner Besetzung für den „Tatort“ aber keine Rolle, oder?

Es handelt sich dabei ja um einen Wechsel eines herausragenden Schauspielers. Er hat die „Lutter“-Reihe zugunsten des hr-Tatortes aufgegeben. Solche Sperrklauseln sind aus mehreren Gründen sehr sinnvoll.