The Honourable Woman © Drama Republic
"Honourable-Woman"-Schöpfer im Gespräch

Warum wir Serien über reale Kriege brauchen

 

Mitten im blutigen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erzählt Hugo Blick mit "The Honourable Woman" die Geschichte von Nessa Stein, der Tochter eines jüdischen Waffenfabrikanten, die sich um Aussöhnung bemüht. Ein Gespräch über Maggie Gyllenhaal, komplexe Frauen-Figuren und grausame Realität in Serien.

von Ulrike Klode
17.09.2015 - 08:44 Uhr

Hugo Blick
© BBC
Herr Blick, Sie haben gesagt, dass Maggie Gyllenhaal Ihre absolute Wunschbesetzung für die Hauptrolle Nessa Stein in "The Honourable Woman" war. Warum?

Sie hat eine unglaubliche physische Präsenz, und es schwingt immer diese besondere Intelligenz mit. Sie wirkt wie jemand, der tatsächlich ein Politiker auf internationaler Ebene sein könnte. Und als ich sie das erste Mal traf, war sie sehr umsichtig und darauf bedacht, nicht zu viel preiszugeben - ganz wie ein politischer Anführer. Als ich sie dann besser kennenlernte, merkte ich, wie verletzlich sie auch sein kann, und dass in ihr all das steckt, was den Charakter Nessa Stein ausmacht. Entscheidend waren also die zwei Dinge: der Politiker-Panzer außen und die Verletzlichkeit innen.

Hatten Sie sie im Kopf, als Sie die Serie geschrieben haben?

Nein, so arbeite ich normalerweise nicht - es kommt ganz ganz selten vor, dass ich bereits beim Schreiben über einen Schauspieler nachdenke. Ich konzentriere mich auf den Charakter und die Geschichte, und wenn ich mit dem Schreiben fertig bin, fange ich mit dem Casting an. Wenn ich dann einen Schauspieler treffe, bei dem ich das Gefühl habe, dass seine Art zu Denken so ähnlich ist wie die der Figur, dann ist es der Richtige für die Rolle.

Es war Maggie Gyllenhaals erste Rolle fürs Fernsehen. War es schwer, sie davon zu überzeugen, für "The Honourable Woman" den Schritt vom Kino zum TV zu wagen?

Ich hatte ziemlich mit der Politiker-Seite ihres Charakters zu kämpfen. Sie war sich unsicher, und ich denke aus zwei Gründen: weil es ein TV-Projekt war und sie bis dahin nie TV gemacht hatte. Und weil es mit seinen acht Stunden ein riesiges Projekt war. Bei einem durchschnittlichen Film von zwei Stunden kann man die Figur ganz gut erfassen und auch abschätzen, wohin sie sich entwickeln wird. Bei einem Acht-Stunden-Projekt wie "The Honourable Woman" ist das nicht möglich. Es war für Maggie also irgendwie unheimlich, sich darauf einzulassen. Und dazu kam auch noch der politische Kontext der Rolle der Nessa Stein, die die Aufgabe zu einer Herausforderung machte. Ich bin mir sicher, dass sie Zeit brauchte, um zu entscheiden, wie sie diese Figur spielen würde.

Sie haben sich mit dem Nahost-Konflikt einen echten Konflikt als Hintergrund für Ihre Geschichte ausgesucht. Warum?

Zugegeben: Die schreckliche Wahrheit ist, dass der Konflikt zwischen Palästina und Israel derzeit unlösbar scheint. Schon mein ganzen Leben lang interessiere ich mich für diese Region. Und ich war fasziniert von dieser Figur Nessa Stein, die denkt, dass sie einen Beitrag leisten kann, während die meisten Menschen von außen eher den Eindruck haben, dass da niemand mehr helfen kann. Da das zentrale Thema Versöhnung ist, fand ich es spannend, diesen Charakter zu erforschen, zu schauen, was in Nessa Stein vorgeht, während sie ihr Ziel der persönlichen Aussöhnung zu verfolgt. Sie mag vielleicht denken, dass sie in der Lage ist, den Konflikt zwischen den zwei Nationen zu lösen, doch zuerst muss sie den Konflikt in ihrer Seele lösen - und das war es, was ich erkunden wollte.

In Ihren Augen ist es also gerechtfertigt, einen solch blutigen Konflikt für Unterhaltungszwecke zu nutzen?

Ich denke nicht, dass man vor solch schwierigen Szenarien zurückschrecken sollte. Ich denke sogar, dass "The Honourable Woman" einen Kontext liefert, um die Nachrichten verstehen zu können - zur Zeit der Ausstrahlung in Großbritannien gab es diesen schrecklichen Vorfall in Gaza. (Anmerk. der Red.: Gemeint ist die Ermordung von drei Religionsschülern und der folgende 50-Tage-Krieg 2014.) Und ich denke, dass die Serie dem Publikum geholfen hat, das Umfeld, die Bedingungen und die Situation besser zu verstehen. Natürlich haben wir keine Lösungsvorschläge gemacht. Aber ich denke, wir haben ein Schlaglicht auf die menschlichen Kosten geworfen, die solch ein Konflikt mit sich bringt. Und ich denke, das hat dem Publikum geholfen, den Nahost-Konflikt aus einer anderen, einer viel persönlicheren Sicht zu sehen als vorher.  

Warum haben Sie eine weibliche Hauptrolle für die Geschichte gewählt? War das eine bewusste Entscheidung?

Ja, es war eine bewusste Entscheidung. Ich hatte vorher die Thriller-Serie "The Shadow Line" gemacht, mit der ich mich im Neo-Noir-Bereich ausprobierte. Die Serie hatte sehr viele männliche Charaktere, wie es ja bei den meisten Thrillern der Fall ist. Für mich hatte es einen gewissen Reiz, im Thriller-Genre zu bleiben, aber Frauen-Figuren zu schreiben - für Comedys hatte ich bereits oft weibliche Charakteren geschrieben. Und der Versuch, Thriller und Frauenfiguren zusammenzubringen, war erfolgreich. 

In "The Honourable Woman" gibt es viele komplexe Frauen-Figuren - zum Beispiel Atika Halibi (gespielt von Lubna Azabal, rechts), sie ist das Kindermädchen und gleichzeitig eine Freundin von Nessa Stein (Maggie Gyllenhaal, links). 

Werden Sie für Ihr nächstes Projekt wieder weibliche Hauptrollen schreiben?

Ja, das werde ich auf jeden Fall. Da lässt sich noch einiges ausprobieren.

Sie sind also noch in der Schreib-Phase?

Ja, ich bin gerade mitten in der Recherche fürs Drehbuch. Mit der Produktion werde ich Mitte oder Ende des nächsten Jahres loslegen. Es wird wieder eine Mini-Serie mit sieben oder acht Folgen werden. 

Worum geht’s?

Wieder um ein internationales Thema. Ich bin fasziniert davon, wie wir auf internationaler Ebene zusammenarbeiten und es ist spannend, dass wir im Westen - vor allem die USA und Großbritannien - es zu unserer Aufgabe machen, Völkermord in Afrika strafrechtlich zu verfolgen. Haben wir dazu überhaupt das moralische Recht, oder ist das eine neue Art von Imperialismus? Dieser Frage möchte ich nachgehen.

Sie haben mehrfach betont, dass es keine zweite Staffel von "The Honourable Woman" geben wird. Warum?

Ich bin mit dem Publikum eine Art Vertrag eingegangen, und der besagte, dass es nur diese eine Staffel geben wird. Und da werde ich doch jetzt nicht den Zuschauern zuzwinkern und sagen: "Vielleicht gibt es doch eine zweite Staffel." Es ist nur eine einzige Geschichte, die zwar im Laufe der Folgen sehr komplex und vielschichtig ist, aber am Ende wird alles aufgelöst. Dieser Abschluss war Teil meines Vertrags mit dem Publikum.

Aber wäre es nicht verlockend, in einer Welt, die man bereits fix und fertig entwickelt hat, weiter zu schreiben und die Charaktere noch weiter zu erkunden?

Sicher wäre es das. In einem anderen Fall. Aber die Figur Nessa Stein ist an ihrem Bestimmungsort innerhalb der Geschichte angekommen. Ihre persönlichen Beziehungen und ihre Beziehung zu Israel haben einen Punkt erreicht, an dem ich nichts verändern möchte, weil das die Aussage untergraben würde.

Gucken Sie eigentlich privat auch Serien? Von welcher sind Sie gerade besonders begeistert?

Gute Frage. Hm. Welche mag ich wirklich? Vermutlich erwarten Sie jetzt, dass ich eine nenne, die dem ähnlich ist, was ich mache. Aber eigentlich bin ich gerade von der dänischen Serie "Die Erbschaft" fasziniert, die so ganz anders ist, als das, was ich mache. Das ist vielleicht der Grund, warum ich sie so mag. Es geht um eine Künstler-Familie in Dänemark, deren Mutter - das eigentliche Oberhaupt der Familie - stirbt und ein überraschendes Erbe hinterlässt. Und nun geht der Streit unter den Geschwistern los. Die Serie ist einfach fesselnd, ich finde sie brilliant. 

Danke für den Tipp und vielen Dank für das Gespräch, Herr Blick!

"The Honourable Woman" läuft ab 17. September immer donnerstags um 21:05 Uhr auf dem Pay-Sender Sony Entertainment Television. Die Serie ist für vier Emmys nominiert: in den Kategorien "Beste Miniserie", "Beste Hauptdarstellerin in einer Miniserie/Fernsehfilm" (Maggie Gyllenhaal), "Beste Regie bei einer Miniserie/Fernsehfilm" und "Bestes Drehbuch bei einer Miniserie/Fernsehfilm". Die Emmy-Verleihung findet in der Nacht zu Montag deutscher Zeit in Los Angeles statt. DWDL.de berichtet aus LA.


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