ARD-Serie "Charité" © ARD/Nik Konietzny
DWDL.de-Interview mit "Charité"-Drehbuchautorin

Darauf einen Cognac auf Rezept

 

Mit dem ersten Drehbuch gleich zur großen ARD-Produktion: Sabine Thor-Wiedemann hat mit der Historien-Serie "Charité" das geschafft, wovon viele träumen. Ein Gespräch über aufwändige Recherchen, Dialoge aus der Kaiserzeit und Alkohol als Arzneimittel.

von Ulrike Klode
17.03.2017 - 16:45 Uhr

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Eine Krankenhausserie, die sich von den üblichen deutschen Krankenhausserien absetzt: Die sechsteilige ARD-Produktion „Charité“ spielt im Jahr 1888 und im Mittelpunkt stehen Ärzte und Krankenschwestern des Berliner Krankenhauses, allen voran die späteren Nobelpreisträger Robert Koch, Emil von Behring, Paul Ehrlich und die junge Krankenschwester Ida Lenze. Sönke Wortmann führte Regie. Wir haben mit Sabine Thor-Wiedemann gesprochen, die Ärztin und Medizinjournalistin ist - und die gemeinsam mit Dorothee Schön das Drehbuch geschrieben hat.

Drehbuchautorin Sabine Thor-Wiedemann
© Sabine Thor-Wiedemann
Frau Thor-Wiedemann, welcher Teil von Ihnen ist zufriedener mit der Serie „Charité“: die Medizinerin oder die Drehbuchautorin?

Ich habe nach wie vor ein Problem damit, mich als Drehbuchautorin zu sehen, weil das ja das erste Mal ist, dass ich sowas gemacht habe. Aber ich muss sagen, ich bin zum einen als Medizinerin sehr zufrieden, weil ich finde, dass die Detailtreue insgesamt sehr groß ist. Und ich bin zufrieden, wie historisch genau wir gearbeitet haben, auch was die ganzen medizinischen Sachverhalte angeht. Es sind zwar ein paar kleine Schnitzer drin, aber ich denke, die bemerkt kaum jemand. 

Und was ist mit der Drehbuchautorin?

Als Drehbuchautorin bin ich natürlich unheimlich stolz drauf, dass diese Drehbücher so gut gelungen sind. Ich meine, ich habe viel Schreibpraxis, ich arbeite seit 25 Jahren als Journalistin - aber Dialoge sind was ganz anderes. Jeder von uns weiß, wie grauenhaft das für den Zuschauer ist, wenn ein Dialog nicht sitzt. Und ich denke, da hat es viel ausgemacht, dass wir zu zweit waren: Dorothee Schön ist eine erfahrene Drehbuchautorin, sie hat mir viel beigebracht. Wenn man zu zweit ist, liest man sich das gegenseitig vor, und dann gehen die Diskussionen los: ‚Sag mal, so redet doch kein Mensch.‘ Wir sind nämlich so vorgegangen, dass jeder von uns verschiedene Szenen geschrieben hat und beim Zusammenführen der Szenen haben wir uns gegenseitig Feedback gegeben. Was bei uns eine wichtige Frage war: Wie haben die Leute Ende des 19. Jahrhunderts wohl gesprochen? Wir haben natürlich zeitgenössische Bücher gelesen, aber dann gedacht: So können wir die Leute nicht reden lassen, das sind lange Schachtelsätze. Das kann man heute keinem mehr zumuten, außerdem ist das ein Wortschatz, der heute einfach nicht mehr bekannt ist. Deswegen haben wir uns immer wieder mit der Frage auseinandergesetzt: Klingt das jetzt so, wie wir glauben, dass sie sich unterhalten haben oder nicht?

Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen? Sie zeichnen ja zum Beispiel von Emil von Behring ein sehr klares Bild als ehrgeizigen und kränkbaren Charakter.

Ja, wir wissen natürlich nicht, ob das Bild in jedem Detail stimmt. Aber abgesehen von der Literatur, die wir über ihn finden konnten, haben wir einen fruchtbaren Kontakt gehabt zu einer Behring-Forscherin, die in Marburg an der Emil-von-Behring-Bibliothek arbeitet, Frau Dr. Enke heißt sie. Sie schreibt an einer großen Behring-Biografie. Mit ihr standen wir die ganze Zeit in Kontakt, sie hat uns auch daran teilhaben lassen, wenn sie im Rahmen ihrer Arbeit neue Dokumente ausfindig gemacht hat. Von ihr wissen wir zum Beispiel, dass Behring Opium genommen hat. Weil sie in irgendwelchen Unterlagen Rezepte gefunden hat - Privatrezepte für Opium, die er sich selbst ausgestellt hat. Das ist etwas, das bisher nicht bekannt war. 

Ah, genau an diesem Punkt in der Serie hatte ich überlegt: Ist das jetzt eine dramaturgische Entscheidung oder wissen die Autorinnen wirklich, dass er Opium genommen hat?

Wir wissen, dass er sich selbst Opium-Rezepte ausgestellt hat. In welchem Umfang und mit welchen Hintergrund, das wissen wir nicht. Es ist bekannt, dass er unter neuralgischen Schmerzen gelitten hat, dass er es also sicher als Schmerzmittel benutzt hat. Dazu muss man auch wissen, dass in der Zeit Opium nicht verpönt war. Es galt als normales Schmerzmittel - das haben Leute bedenkenlos verordnet bekommen. Das Suchtpotenzial hat man zwar gekannt, aber nicht so ernst genommen. Es ist also nicht erfunden, dass Behring wirklich Opium genommen hat. Ob man es wirklich als Sucht bezeichnen kann, das ist natürlich im Bereich der Spekulation. 

Das heißt, für Behring haben Sie großen Rechercheaufwand betrieben - war das für die anderen historischen Figuren wie Robert Koch, Rudolf Virchow oder Paul Ehrlich auch so?

Ja, wir haben einen riesigen Aufwand betrieben. Wir haben erst kürzlich unser Archiv aufgelöst - weil wir jetzt an einem neuen Projekt arbeiten - und wir haben Kubikmeter von Büchern rausgeschafft. Darüber hinaus ist es ein wahnsinniger Glücksfall, dass das gesamte Archiv der Charité aus allen 300 Jahren erhalten ist - wenn man bedenkt, was im Krieg los war.  

Wow - alles noch da?

Ja, das ist natürlich einfach toll, dass man das alles noch hat. Im Archiv der Humboldt-Universität sind die gesamten Charité-Verwaltungsakten erhalten. Man kann noch die Personalakte von Ehrlich einsehen, man sieht, wie Verwaltungsdirektor Spinola Urlaub bewilligt hat und jedes Mal auch wieder vermerkt hat: „Doktor Ehrlich - rechtzeitig aus dem Urlaub zurückgekehrt.“ Auch das war eine Aktennotiz wert. Es ist allerdings ein ziemlich komplizierter Vorgang, das zu finden. Es gibt in dem Archiv nämlich sogenannte Findebücher, und weil die nicht alle chronologisch geordnet sind, muss man suchen, was man gebrauchen kann. Das heißt, wir mussten all diese Spalten durchfahren und gucken, was in unseren Zeitraum fällt. Wir haben wirklich staubige Nüstern gehabt, weil wir Tage lang in diesem Archiv gesessen haben.

Sie haben vorhin gesagt, dass ein paar Schnitzer drin sind, was das Medizinische angeht. Welche sind das denn?

(Lacht) Einmal ist zum Beispiel von Schmerzen im linken Unterbauch die Rede ist bei der Appendizitis, natürlich sind dafür eigentlich Schmerzen im rechten Unterbauch charakteristisch. Ich weiß nicht, wie das da reingekommen ist - das habe ich bestimmt nicht geschrieben. Zum Teil waren die Texte für die Schauspieler aber auch schwierig zu lernen, weil sie das Fachvokabular nicht kennen. Da sind dann Sachen mal falsch ausgesprochen worden oder falsch verstanden worden. Aber wir haben die Rohschnitte gesehen, und da konnte man so etwas noch durch Nachsynchronisation ausbügeln. 

Das sind also Fehler, die behoben werden konnten. Aber gab es auch Sachen, wo Sie Kompromisse machen mussten, wo Sie gesagt hätten: Wenn man das jetzt rein medizinisch betrachtet, ist das Quatsch, aber wir machen das jetzt mal der Handlung wegen?

Nein, dass da jetzt etwas dabei ist, bei dem man sagt, das ist ja hanebüchen - das kann ich eigentlich nicht sagen. 

Und glauben Sie, dass es wichtig war, dass Sie eben auch Medizinerin sind, um dieses Drehbuch schreiben zu können?

Ja, ich glaube schon. Es ist zwar genau wie bei Journalisten, man muss kein Mediziner sein, um guten Medizinjournalismus zu machen, man kann sich Experten suchen, die einem das so erklären, dass man das auch als Laie versteht. Aber ich glaube, es war schon ein Vorteil für die Richtigkeit der medizinischen Vorgänge. Wobei ich natürlich auch nicht aus dem Stegreif weiß, wie Medizin im 19. Jahrhundert funktioniert hat. Zum Beispiel: Mit der Narkose - wie weit waren die da eigentlich? Wie hat das funktioniert mit dieser Chloroform-Tropfnarkose? Das muss man sich auch als Medizinerin alles erarbeiten. Aber es gibt ja Lehrbücher aus der Zeit und es gibt auch Autobiografien aus der Zeit, in denen das ganze medizinische Prozedere beschrieben ist. Außerdem haben die Ärzte damals sehr viele Fallberichte veröffentlicht, die waren viel ausführlicher, als sie es heute sind. Und da finden sich dann auch skurrile Sachen - also dass man damals noch Cognac rezeptiert hat, zum Beispiel.   

Ach, echt? Ich dachte, das wäre nur ein Hausmittel gewesen.

Nein, man konnte Alkohol rezeptieren, auch Portwein und so, direkt als Medikament. Und in der Charité gab es eine Art Giftschrank mit alkoholischen Getränken, die für die Patienten als Medikament ausgegeben wurden.  

Medizinische Kompromisse mussten Sie also nicht machen, sagen Sie. Gab es denn Kompromisse, die Sie aus historischer Sicht machen mussten?

Das Problem ist, dass wir nur sechs Mal 48 Minuten haben. Wir hatten natürlich Stoff für viel mehr, und im Sinne des vorangehenden Erzählens mussten ein paar Arabesken rechts und links weggefallen, die wir interessant fanden, um den Zeitgeist zu zeigen. Zum Beispiel aus dem Privatleben der Protagonisten - was damals en vogue war, wie man gesellschaftlich verkehrte, was man für Interessen hatte. Das ist dann manchmal weggefallen, weil die Handlung vorangehen musste und weil man sich konzentrieren musste auf diesen Ort Charité, der ja die Hauptrolle spielt.

Waren Sie beim Dreh selbst auch vor Ort? 

Wir waren zweimal bei den Dreharbeiten in Prag. Und wir waren dann total beruhigt, als wir alles gesehen haben. Es wirkte alles so wertig. Bei den Szenerien, die in diesem alten Militärarchiv aufgebaut waren, hatte man das Gefühl, hier entsteht wirklich was haptisch Hochwertiges. Wir waren sehr beeindruckt. Und es war beruhigend zu sehen, dass die Bilder so sind, wie wir sie in unserer Fantasie gesehen haben. 

Hatten Sie denn Sorgen, dass das anders aussehen könnte?

Naja, man weiß ja nicht, wie das am Ende wird. Man weiß nicht, welcher Kameramann, welcher Regisseur es machen wird. Wie gut die Darsteller und die Ausstattung sein werden, wie gut Kostüm und Maske sein werden. Wir kennen ja viele Beispiele, wo möglicherweise ein gutes Buch da war - aber in der Verfilmung sind dann da Leute, die aufgestellt wirken, die wie verkleidet aussehen und die auch nicht gut spielen. Oder wo einfach, sagen wir mal, kein Feeling rüberkommt. Und ich finde, hier ist es gut gelungen. Wir sind ziemlich zufrieden. 

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