Sascha Lobo © ZDF/Sebastian Semmer
Interview mit Michaela Hummel und Sascha Lobo

"Man hat einen eingebauten Publikumsjoker im Kopf"

 

Das von Doclights produzierte ZDFneo-Sozialexperiment "Manipuliert" zeigt, wie wir von den sozialen Medien beeinflusst werden. Internet-Experte Sascha Lobo und Produzentin Michaela Hummel über Breitbart, Böhmermann und den Mitläufer-Effekt.

von Torsten Zarges
18.05.2017 - 10:35 Uhr

Herr Lobo, das Fernsehen hat Tradition darin, vor den Gefahren des Internets zu warnen. Springen Sie jetzt auch auf diesen Zug auf?

Sascha Lobo: Auf dem Zug, vor ausgewählten Entwicklungen zu warnen, bin ich schon länger, weil ich es für notwendig halte. Denn man sollte die Besprechung der negativen Folgen nicht den Kulturpessimisten überlassen. Was mir am meisten fehlt, ist eine intensive Beschäftigung mit den Mechanismen der Beeinflussung in sozialen Medien – ohne gleich alles zu verteufeln. Was die Sendung leistet, ist Aufklärung über die Dinge, die schief gehen können – mit dem Ziel, eine positive, souveräne Nutzung des Internets zu fördern. Keine Abwehr des Neuen, sondern eine Hilfe, es richtig zu benutzen.

Schon vor der Ausstrahlung wird das Format im Netz diskutiert. Fürchten Sie nicht, dass die Netzcommunity Ihnen Verrat vorwirft?

Lobo: Ich kann mich kaum erinnern, jemals etwas gesagt oder getan zu haben, das kein Feedback bekommen hätte. Darauf lege ich es ja auch meistens an. Ich versuche, dieses Feedback konstruktiv in Richtung einer Debatte zu lenken.

 

Frau Hummel, warum haben Sie sich nach Sozialexperimenten wie "Auf der Flucht", "Der Rassist in uns" oder "Plötzlich Krieg?" nun mit der Manipulation durch soziale Netzwerke beschäftigt?

Michaela Hummel
© SHPG/Sabine Finger
Michaela Hummel
: Ich habe einen Grund in meiner eigenen Familie. Ein Teil meiner US-amerikanischen Verwandtschaft nutzt als einzige Informationsquelle "Breitbart News". Als wir im Herbst anlässlich der Präsidentschaftswahlen vor Ort waren, habe ich gemerkt, was das mit Menschen macht. Natürlich habe ich versucht, Sachargumente vorzubringen, konnte damit aber überhaupt nicht mehr landen. Die ganze Diskussion innerhalb der Familie war extrem emotional.

War der Sender auch sofort vom Thema angetan?

Hummel: In unserer langjährigen Zusammenarbeit mit ZDFneo ist es uns als Doclights ja mehrfach gelungen, mit den Sozialexperimenten einen gesellschaftlichen Diskurs anzustoßen. Dafür drängt sich auch dieses Thema auf. Insofern sind wir schnell ins Gespräch gekommen. Und als ich Sascha Lobo vorgeschlagen habe, ging die Tür noch schneller auf.

Lobo: ...was nicht normal ist. Manchmal geht sie dann auch schnell zu. (lacht) Das hängt immer ein bisschen vom Medium ab.

Wie stark waren Sie an der Entwicklung des Formats beteiligt?

Lobo: In den letzten Jahren gab es einige Angebote, an Fernsehsendungen intensiver mitzuwirken – ich habe alle abgelehnt. Zuletzt habe ich 2009 ein Doku-Format mit Arte gemacht. Dass es so lange gedauert hat, hängt mit meiner merkwürdigen Doppelrolle zusammen: Einerseits bin ich Protagonist vor der Kamera, andererseits aber auch mit einer gewissen inhaltlichen Expertise ausgerüstet. Nicht jede Produktion ist bereit, diese Doppelrolle zu akzeptieren. Doclights war dazu bereit, und gleichzeitig habe ich gespürt, dass es spätestens mit der Social-Media-gestützten Wahl von Twitter-Präsident Trump höchste Zeit ist, die Missbrauchsmechanismen sozialer Medien auch im Fernsehen zu erklären.

Welche Rolle hat für Sie dabei der Sender ZDFneo gespielt?

Lobo: Es ist kein Geheimnis, dass ich vom öffentlich-rechtlichen Umgang mit dem Netz nicht immer restlos begeistert bin. Aber bei ZDFneo hat vor allem Jan Böhmermann mit seiner intelligenten Mischung aus Fernsehen und Internet eine Schneise geschlagen. Auch wenn ich nicht immer seiner Meinung bin, finde ich die Selbstverständlichkeit gut, mit der da jetzt ein TV-Protagonist selbst im Netz kommuniziert. Daher erscheint mir ZDFneo als Umfeld ziemlich passgenau.

In der Sendung zeigen Sie an verschiedenen Experimenten, wie beeinflussbar wir bei der Meinungsbildung sind oder wie schnell wir auf "Fake News" hereinfallen. Waren Sie beim Dreh selbst davon überrascht?

Hummel: Wir haben fast ein Jahr lang aufwendig recherchiert. Gerade zum Thema "Hate Speech" habe ich eine Menge Sachen gesehen, die ich äußerst krass fand. Da fällt wirklich jede Grenze. Diese Grenzenlosigkeit hat mich manchmal echt mitgenommen.

Lobo: Wie der Mitläufer-Effekt theoretisch funktioniert, war mir vorher klar. Aber dass das in unseren Experimenten so überdeutlich erkennbar geworden ist, hat mich schon irritiert. Man stellt einer Gruppe von Menschen eine schwierige Frage. Wenige wissen die Antwort, und diejenigen, die sie nicht wissen, richten sich eins zu eins nach der Antwort mit den meisten Likes. Man hat offenbar einen eingebauten Publikumsjoker im Kopf. Die Leute glauben, dass schiere Masse eine Qualität in Bezug auf die Wahrheit hat. Und das gilt mehr oder weniger stark für alle, für mich auch.

Zeigen Sie das Problem nur auf oder liefern Sie auch Lösungsvorschläge?

Lobo: Die Fernsehmacher wollten gern, dass man möglichst überall eine konstruktive Lösung findet – nur leider gibt es die in manchen Bereichen einfach nicht. Da muss ich dann sagen: Gut und schön, wenn ihr versucht, weniger Daten auf Facebook einzustellen – aber in Wahrheit schnurz, weil die Mechanismen dahinter viel tiefer greifen, als ihr es euch vorstellen könnt. Was wir im Bezug auf soziale Medien den Zuschauern an die Hand geben, ist die Botschaft: Macht euch bewusst, dass es eine Reihe verschiedener Beeinflussungsmechanismen gibt, die auf diese oder jene Weise funktionieren! Leider kann man dann immer noch drauf reinfallen, wenn man nicht jedes Mal aufpasst.

Dann reicht eine einmalige Sendung doch gar nicht aus, oder?

Hummel: Neben der ganzen Sendung gibt es auch einzelne Clips, die auf manipuliert.zdfneo.de eingestellt sind. Insofern ist "Manipuliert" nicht nur ein einmaliger Aufschlag, sondern wird Bestand haben und kann immer wieder angeklickt werden. Mit "Der Rassist in uns" haben wir die Erfahrung gemacht, dass es drei Jahre später immer noch im Gespräch ist und in Schulen zur Anschauung genutzt wird.

Lobo: Zusätzlich zur sendungsbegleitenden Seite auf ZDF.de habe ich die Debattenseite manipuliert.de ins Netz gestellt. Dort kann man immer wieder nachschlagen, wie der Mitläufer- oder der Wahrheitseffekt in sozialen Medien genau wirkt. Wir erläutern über 40 dieser kognitiven Verzerrungen mit weiterführenden Links – deutlich mehr, als in einer Stunde Fernsehsendung möglich ist.

Frau Hummel, Herr Lobo, herzlichen Dank für das Gespräch.

"Manipuliert" läuft am Donnerstag um 23 Uhr bei ZDFneo und eine Woche später, am 25. Mai, um 0:05 Uhr im ZDF.

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