© UFA/Marcus Höhn
Nach Abgesang auf die Privatsender

"Indiskutabel": Nico Hofmann greift Produzentenallianz an

 

Der Vorsitzende der Deutschen Produzentenallianz, Alexander Thies, äußerte sich beim Produzententag in Berlin sehr abfällig über das Privatfernsehen. Verbandsmitglied und UFA-CEO Nico Hofmann kontert im DWDL.de-Gespräch mit scharfer Kritik: Arrogant, verleumderisch und anachronistisch seien diese Bemerkungen.

von Thomas Lückerath
16.02.2018 - 18:45 Uhr

Herr Hofmann, „Streaming-Anbieter werden Privatsender verdrängen“. Mit der Aussage hat Alexander Thies, Vorsitzender der Produzentenallianz, am Donnerstag in Berlin überrascht. Teilen Sie diese Endzeitstimmung?

Definitiv nicht. Mich hat die Aussage von Alexander Thies schockiert, anders kann ich das gar nicht sagen. Wir reden hier vom Vorsitzenden eines bedeutenden Verbandes. Man stelle sich vor, dies hätte der amerikanische Produzentenverband gegenüber den Networks geäußert, wäre das mit seiner Abdankung geendet.

Welchen Sinn macht es dann für die UFA noch Teil der Deutschen Produzentenallianz zu sein? Ihr Kollege Wolf Bauer ist ja auch schon länger ein Kritiker des Verbandes…

Wolf Bauer und ich haben in den vergangenen Monaten sehr konstruktive Gespräche mit der Produzentenallianz geführt. Meine Gespräche waren allerdings fast ausschließlich mit Christoph Palmer, mit dem mich schon die nachhaltige Stärkung des Produktionsstandortes Baden-Württemberg verbindet. Ich weiß, dass er mit Vernunft und Bedacht handelt. Aber das entschuldigt nicht die Entgleisung des Verbandsvorsitzenden von Donnerstag, die ich offen gestanden für indiskutabel halte.



Sie wirken wirklich angegriffen von den Äußerungen.

Die Aussage hat mich geärgert, weil sie zu einer Zeit kommt, in der sowohl Frank Hoffmann und Bernd Reichart für die Mediengruppe RTL Deutschland als auch Wolfgang Link für die ProSiebenSat.1 TV Deutschland nachhaltig in deutsche Fiction investieren und das mit Budgets, die so hoch sind wie noch nie in der Geschichte der jeweiligen Sendergruppen. Da wurde eine Energie entfacht, die zum Teil auch schon beim Publikum angekommen ist, wenn man sich die Fiction-Offensive bei RTL anschaut. Und viele andere Projekte sind in der Produktion, auch bei den DailySoaps kommt wieder Bewegung rein. Die deutsche Produktionslandschaft profitiert derzeit davon, dass beide private Sendergruppen erkannt haben, dass sie erheblich mehr in eigene Auftragsproduktionen investieren müssen.

"Es gibt eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen an die neuen Teilnehmern im Markt und dem, was sie bislang beitragen."

Wurde aber auch Zeit, könnte man sagen.

Ja, auch aus meinen Gesprächen mit ProSiebenSat.1 habe ich den vergangenen Monaten aber das Gefühl mitgenommen, dass es einen großen Appetit auf Inhalte gibt. Wir erleben derzeit bei allen Sendern die Erkenntnis, dass eigene, exklusive Programme dem Einkauf von Lizenzware vorzuziehen sind. Deswegen ist die Aussage von Alexander Thies zum jetzigen Zeitpunkt, wo sich alle derart bemühen - und das weit über das, was derzeit schon im Programm sichtbar ist - eine komplette Verkennung der Energie im Markt. Seine Aussagen folgen einfachen Formeln, die schnellen Applaus versprechen, aber eigentlich arrogant dem Markt gegenüber sind.

Aber auch Sie haben ja wie andere deutsche Produzenten vor einigen Jahren auch auf die ersten Aufträge der neuen Streaming-Dienste gehofft…

Wir arbeiten ja bei „Deutschland 86“ auch gut mit Amazon zusammen, aber es gibt eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen an die neuen Teilnehmern im Markt und dem, was sie bislang beitragen. Das lässt sich ja anhand der Auftragsvolumnia vergleichen. Die UFA macht nach wie vor über 90 Prozent des Umsatzes mit den klassischen Partnern und ich sehe auch nicht, dass wir da in absehbarer Zeit zu einem 60:40-Verhältnis kommen werden.

Thies bescheinigte den Privatsendern bei der Veranstaltung in Berlin Innovationsverhinderung. Produzieren die Privatsender also vielleicht viel, aber nicht viel Innovatives?

Wir haben ja alle unsere Lektionen gelernt. Die UFA mit „Deutschland 83“. Das Projekt hätte es ohne Frank Hoffmann und RTL nicht gegeben. Die Fortsetzung gibt es dank Amazon, aber involviert waren hier Christoph Schneider, ebenso Frank Hoffmann und meine Wenigkeit. Ich sehe in den vielfältigen neuen Produktions- und Distributionsmodellen, die wir gerade erleben, keine Innovationslosigkeit. Inhaltlich haben wir und RTL aus der Serie viel gelernt. Aus den gewonnenen Erkenntnissen ist bei Philipp Steffens die aktuelle Fiction-Offensive entstanden. Ich bin da wahnsinnig stolz z.B. auf „Saint Maik“ und den von uns entdeckten Daniel Donskoy. Ich wage an dieser Stelle auch mal die Prognose, dass er die nächsten vier Jahre nur noch zwischen Berlin und Los Angeles pendelt und die Rollen seines Lebens spielt. Hier haben wir zusammen mit RTL ein junges neues Gesicht entdeckt. Wie kommt ein Verbandschef dazu, in diesen Zeiten gebotene Langeweile zu beklagen und Endzeitstimmung auszurufen? Seine Aussagen über die Streaming-Anbieter, die die Privatsender verdrängen, ist arrogant.

Inwiefern?

Dass von zig Millionen Fernsehhaushalten gewohnte und frei empfangbare Fernsehprogramm durch diverse zusätzlich zu bezahlende Dienste ersetzt zu sehen, ist doch schon eine Annahme, die an der wirtschaftlichen Realität vorbeigeht. Das ist die Arroganz derer, die genug Geld haben und sich alle neuen Dienste leisten können. Dennoch: Nehmen wir an, es würde zu der von Alexander Thies erwarteten Verdrängung kommen, würde das zehntausende Arbeitsplätze in der deutschen Produktionslandschaft betreffen, die derzeit entgegen seines Eindrucks gut zu tun hat. Wir reden über einen existierenden Markt mit Milliardenumsatz. Wie kann der Vorsitzende der Deutschen Produzentenallianz seinen eigenen Mitgliedern den Schaden wünschen? Das ist verleumderisch.

"In einer Welt der vielfältig ausgestalteten Koproduktionen ist es anachronistisch unnötige Grenzen hochzuziehen."

Nun reden bei der Berlinale alle gerne über Prestige-Projekte. Vielleicht fußt die Erwartungshaltung auf der Fokussierung auf die besonderen Großprojekte?

Wir freuen uns auch über Großprojekte, egal ob mit neuen oder bekannten Partnern. Ich bin gerade erst aus Los Angeles zurückgekommen, wo wir viele Gespräche über das Serienprojekt mit Michael Haneke geführt haben. Da sprechen wir von einem Projekt mit Ausnahme-Budget. Darüber wird dann viel gesprochen, aber das ist auch für die UFA nicht das Tagesgeschäft und für viele Mitglieder der Produzentenallianz gibt es auch ein wesentlich wichtigeres Brot & Butter-Geschäft.

Welche Konsequenzen ziehen Sie jetzt?

Ich habe Christoph Palmer im Namen der UFA, immerhin eine der größten Firmen in der Produzentenallianz, eine Email geschrieben und mitgeteilt, dass er mit meinem Gegenwind rechnen muss. Mich ärgert, dass wir gerade eine so differenzierte und komplexe Entwicklung für die Kreativen im Fernsehgeschäft erleben, die pauschal verdrängt wird. Es gibt „Babylon Berlin“ von Sky und ARD, wir haben „Deutschland 86“ mit Amazon und Free-TV-Auswertung. „4 Blocks“, eine meiner Lieblingsserien, die erst bei TNT Serie lief und dann bei ZDFneo. Und wir selbst haben gerade erst eine Produktion mit HBO Europe, TNT Serie und Mobra Film angekündigt. In einer Welt der vielfältig ausgestalteten Koproduktionen ist es anachronistisch, unnötige Grenzen hochzuziehen.

Herr Hofmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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