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Markus Schäfer © all3media
all3media-CEO Markus Schäfer im Interview

"Die Konsolidierung ist noch nicht abgeschlossen"

 

Zu all3media Deutschland gehören unter anderem Filmpool und Tower Productions. CEO Markus Schäfer spricht im DWDL.de-Interview über den Konzernausbau, mögliche Übernahmen, den abnehmenden Scripted-Reality-Trend und die Folgen des Markteintritts von Netflix und Amazon.

von Timo Niemeier
05.06.2018 - 09:20 Uhr

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Herr Schäfer, all3media Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren neu aufgestellt und ist gewachsen. 2017 wurde South & Browse übernommen und mit Bon Voyage ein Start-up für Filme und Serien gegründet. Wie weit sind Sie inzwischen mit der Neuaufstellung des Konzerns, sowas ist ja auch immer ein stetiger Prozess.

Markus Schäfer: Ich glaube, "stetiger Prozess" trifft es ganz gut. Abgeschlossen ist so etwas nie. In einer Unternehmensentwicklung gibt es höchstens Meilensteine oder Kapitel. Die strukturellen Veränderungen sind inzwischen abgeschlossen, der inhaltliche Ausbau aber ist ein laufender Prozess. Gerade auch im Hinblick auf das sehr dynamische Marktumfeld, da meine ich vor allem den Markteintritt großer digitaler Player wie Netflix und Amazon. Das hat einen Impuls in den Markt gegeben, der unglaublich spannend ist. Aber es sind nicht nur diese beiden Unternehmen: Heute gibt es viel mehr Auftraggeber als früher.

Noch spielen Amazon und Netflix für all3media Deutschland aber keine wesentliche Rolle.

Natürlich sind die Volumina, die von den Öffentlich-Rechtlichen und Privaten an die Produzenten gegeben wird, noch sehr viel größer. In Deutschland produzieren wir derzeit weder für Netflix noch für Amazon. International sieht das anders aus, da arbeiten wir bereits gut zusammen. Es ist ja bekannt, dass es bei den Diensten in Deutschland jeweils eine Handvoll Eigenproduktionen gibt. Die wirtschaftliche Bedeutung für den Produzentenmarkt ist, das kann man faktisch ganz nüchtern konstatieren, noch nicht sehr groß, trotzdem wären wir natürlich gerne dabei. Aber viel wichtiger: Der Trigger, der von Netflix und Amazon ausgeht, ist sehr spannend und führt unter anderem dazu, dass die etablierten Anbieter noch einmal genau überlegen, ob sie eher auf Lizenzware oder doch auf lokale Eigenproduktionen setzen.

Und was ist Ihre Erkenntnis? Was machen die Sender?

Die Tendenz geht hier klar zur Eigenproduktion. Langfristig glaube ich, dass dieser Effekt sich aber nicht nur in der High-End-Fiction am Markt niederschlagen wird, da wird mehr nachkommen, auch im Nonfiktionalen, und auch im Bereich niedrigerer Produktionsvolumina. Und dafür stellen wir uns gerade bestmöglich auf. Im Moment investieren die Streamingdienste eher noch ins Fiktionale, deshalb haben wir mit Bon Voyage auch eine Produktionsfirma für Fiction-Inhalte gegründet. Und das, was die Kollegen dort derzeit entwickeln, ist genau das, was gemeinhin als High-End bezeichnet wird.

Noch hat Bon Voyage allerdings noch nicht so viel umgesetzt.

(lacht) "Nicht so viel", das haben Sie nett gesagt. Konkret ist da – noch – gar nichts umgesetzt worden. Aber das liegt in der Natur eines Start-Ups. Wir haben uns mit Amir Hamz, Christian Springer und Fahri Yardim zusammengetan, weil die Kollegen viele gute und interessante Ideen haben, für die es durchaus sehr konkretes Interesse im Markt gibt. Die Entwicklungszyklen in der Fiction sind nun einmal lang, da sind zwei Jahre keine Seltenheit. Aber die Entwicklung schreitet gut voran, ich erwarte, dass wir hier bald erste Produktionen vermelden können.

Der gesamte all3media-Konzern macht rund 50 Prozent Fiction und 50 Prozent Non-Fiction. In Deutschland ist das anders, vor allem durch Tower Productions und die vielen Stunden, die filmpool entertainment herstellt. Soll sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern? Sind mehr Fiction-Inhalte geplant?

Da ist die Frage, wie wir die filmpool-Programme definieren. Sind sie Nonfiction oder Fiction? filmpool entertainment ist da in gewisser Hinsicht ein Hybrid und deshalb ist das schwer zu vergleichen mit der Gesamtgruppe. In den USA ist die Trennung zwischen Fiction und Nonfiction zum Beispiel viel klarer. Wenn wir das einmal ausblenden und uns auf die "klassische Fiction" konzentrieren, haben Sie recht: Bei den Serien oder Fernsehfilmen sind wir sicherlich weniger stark unterwegs als im Nonfiktionalen. Aber die internationale Nachfrage nach fiktionalen Inhalten – auch aus Deutschland - wird wachsen. Das bietet völlig neue Möglichkeiten und daran wollen wir partizipieren. Daran arbeiten wir intensiv.

Wie?

Ich gehöre zu der Kategorie Mensch, der erst über die Eier gackert, wenn sie gelegt sind. Das ein oder andere Thema wird da aber in nicht so ferner Zukunft spruchreif.

Das heißt, es könnte auch weitere Übernahmen geben?

Wie gesagt, das ist ein stetiger Prozess, der nie abgeschlossen ist. Wir sprechen an vielen Stellen, teilweise auch schon konkret, und schauen uns vieles an. Wir sind da in einer wunderbaren und positiven Vorwärtsbewegung, die zu weiteren Ergebnissen führen wird.

Aber die verschiedenen Labels bleiben bestehen und werden nicht zusammengeführt?

Unsere föderale Aufstellung ist mir ein großes Anliegen und macht unsere Stärke aus. Wir werden daher die unterschiedlichen Labels erhalten, egal welchen Ursprung sie haben. Ich bin von der motivatorischen Wirkung und der kreativen Power von unabhängigen Labels überzeugt. In der ganzen Gruppe gibt es weltweit mehr als 27 Marken, die allesamt sehr eigenständig sind. Das ist unsere Philosophie. Wir als all3media konzentrieren uns auf die Weiterentwicklung der Gesamtstruktur unserer Gruppe und übernehmen administrative Aufgaben. Ich denke, der Erfolg gibt uns recht. Die Gruppe wächst im zweistelligen Prozentbereich.

Welche Rolle spielt all3media Deutschland im Gesamtkonzern?

Als gesamte Gruppe bewegen wir uns derzeit gut in Richtung einer Milliarde Dollar Umsatz. Großbritannien ist unser größter Markt, da kommen wir her und sind dort auch Marktführer. Dahinter spielen die deutsche Gruppe , wie auch unsere Gesellschaften in den USA, eine wesentliche Rolle. all3media Deutschland, zu dem auch das holländische Geschäft gehört, trägt einen nicht unerheblichen Teil zum Konzern-Umsatz bei.

"Die wirtschaftliche Bedeutung für den Produzentenmarkt ist, das kann man faktisch ganz nüchtern konstatieren, noch nicht sehr groß, trotzdem wären wir natürlich gerne dabei."

Markus Schäfer über Netflix und Amazon

In den letzten Jahren hat eine Konsolidierung des Produzentenmarktes stattgefunden. Geht dieser Trend weiter?

Auf dem globalen Markt gab es mit Endemol Shine, ITV/Talpa und uns einige große Transaktionen. Das Ganze geht ja nun noch eine Ebene höher, warten wir mal ab, was mit Fox und Disney passiert. Ich erwarte, dass wir da noch mehr sehen werden. Auf nationaler Ebene sehe ich wenige Möglichkeiten für große Zusammenschlüsse, das wird eher global passieren. Die Konsolidierung ist noch nicht abgeschlossen.

2017 hat Guillaume de Posch, damals Co-CEO der RTL Group, in einem Interview bei uns gesagt, dass sich keine dieser Mega-Fusionen gelohnt hätte. Vor allem nicht, weil kein neues, weltweites Hit-Format dadurch entstanden sei. Ich nehme an, da würden Sie widersprechen?

Ob sich das gelohnt hat müssen Sie die Gesellschafter und Investoren fragen. Wenn man ein "The Voice" oder, wenn man ein wenig in der Historie zurückgeht, ein "Idol" oder "Big Brother" im Portfolio hat, ist das natürlich ein Game-Changer. Natürlich dreht sich immer alles um den nächsten globalen Hit, weil das auch der Branche guttun würde - ähnlich wie der Markteinstieg von Netflix und Amazon. Nur: Hier gibt es keine Garantien. Man kann das nicht erzwingen oder strategisch herbeiführen. Die Breite und Größe einer Gruppe erhöht allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Hit gefunden wird. Trotzdem kann ich es  natürlich nicht ausschließen, dass der nächste weltweite Superhit von einem kleinen Indie-Produzenten kommen.

Und dann gibt es ja nie die Garantie, dass ein Format weltweit funktioniert...

Der Erfolg eines Formats in einem bestimmten Land lässt sich nicht immer nach Deutschland übertragen. Wir haben zum Beispiel das Format "Gogglebox", das ein schöner Erfolg im englischen Markt ist, in Deutschland probiert und es hat nicht funktioniert. Das lässt sich einfach nicht ausschließen, aber dennoch ist ein Vorteil des Kataloggeschäfts: Man kann Fehler der Kollegen vermeiden und deren Lerneffekte nutzen.

Es ist also einfacher, ein bestehendes Format in einem anderen Land zu adaptieren als ein neues Format zu entwickeln?

Wenn Sie da mit Arne Kreutzfeldt von Tower sprechen, ist seine Meinung ganz klar: Die Adaption eines bestehenden Formats ist nahezu genauso aufwändig wie eine Eigenentwicklung. Da steckt viel Arbeit drin, Tower Productions kann im Segment Non-Fiction auf die zwei großen Kataloge von BBC Studios und all3media zurückgreifen, entwickelt aber auch viel selbst. Alle anderen Labels in unserer deutschen Gruppe dagegen sind getrieben von Eigenproduktionen. Im Fiction-Segment war der Import von Formaten lange Zeit ein Nischenthema, aber ich glaube, dass das nun noch einmal interessant wird. Die all3media hat hier einen umfangreichen Katalog, filmpool fiction hat zum Beispiel mit "Unschuldig" ("Innocent") gerade die erste Adaption eines UK-Formats für die ARD abgeschlossen. Die Nachfrage der Sender steigt.

Auf der zweiten Seite lesen Sie, warum sich Markus Schäfer von ARD und ZDF mehr Unterstützung in der Vermarktung wünscht, wieso man nun eine neue Digital-Unit gründet und wie er filmpool entertainment im derzeit abflachenden Scripted-Reality-Trend aufgestellt sieht.

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