© Jola Rent
Geschäftsführer von Jola-Rent im Interview

Grüner Drehpass? "Das ist zum Teil auch ein Hype"

 

Joachim Langen ist Geschäftsführer von Jola-Rent, der externe Dienstleister vermietet Geräte für TV-Produktionen. Im Interview erklärt er, weshalb er dem "Grünen Drehpass" skeptisch gegenübersteht und wieso das "grüne Drehen" in seiner täglichen Arbeit noch kein echtes Thema ist.

von Timo Niemeier
16.10.2018 - 16:45 Uhr

Herr Langen, einige Sender und Produktionsfirmen haben sich in jüngster Vergangenheit das Thema "grünes Produzieren" auf die Fahne geschrieben. Sie verleihen bei Jola-Rent Fahrzeuge für TV-Produktionen sowie Generatoren und mobile Küchen. Kommt das Thema auch bei Ihnen an?

Joachim Langen: Es ist ganz selten, dass zum Beispiel bei den Generatoren nach einem Dieselpartikelfilter gefragt wird. Und auch dann nur, weil es eine kommunale Auflage gibt - unter anderem in Berlin. Da geht es dann meist um Abgaswerte und die Lautstärke. Bislang ist noch kaum jemand auf mich zugekommen, der das wollte, um einfach nur "grün" zu produzieren.

Wieso ist das so?

Die Diesel-Generatoren sind viel günstiger als ein klassischer Stromanschluss, der ja erst von Experten einer Drittfirma eingerichtet werden muss. Wenn die Sender es wirklich ernst meinen mit der Nachhaltigkeit, müssten sie erst einmal pauschal den höheren Preis kalkulieren. Die Stadt Köln ist da übrigens schon sehr weit. Die Vorgabe lautet: Ab dem dritten Drehtag an einem Ort, ist ein solcher Stromanschluss zu verwenden - und kein Generator. Der öffentliche Druck kommt da nicht von den Sendern, sondern von den Anwohnern über die Kommune.

Und wie sieht es bei den Fahrzeugen oder dem Catering aus?

Es geht alles über den Preis, vor allem beim Catering. Da ist es den meisten egal, dass Bio auch möglich wäre. Bei unseren Masken- und Garderoben-LKW hat auch nur selten jemand gefragt, welche Abgasnorm die haben. Da geht es immer nur um die Frage: Darf ich damit in die Stadt oder nicht? Das wird alles streng nach wirtschaftlichen Kriterien entschieden. Wir selbst haben da schon relativ viel gemacht und haben vor einiger Zeit angefangen mit Mehrfach-Schauspieler-Aufenthalten.

Das sind dann die großen Anhänger am Set, in denen sich die Schauspieler während den Pausen aufhalten. Warum die Mehrfach-Aufenthalte?

Die Überlegung war ganz einfach: Wir nehmen diese großen Anhänger, auch wenn sie nicht jeder fahren darf, und haben dann auch nur ein Fahrzeug mit einem Motor, das diese Anhänger durch die Gegend zieht. Damit ersetzen wir vier Wohnmobile, die viel mehr Umweltschäden erzeugen. Da tun wir auch etwas für die Umwelt, auch wenn es eigentlich eine Entscheidung aus wirtschaftlichen Gründen war.

"Der "Grüne Drehpass" wird inflationär vergeben, das schreckt mich eher ab. Die Hürde ist viel zu niedrig."

Die Filmförderungen engagieren sich stark im Bereich des "grünen Produzierens", die Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein vergibt einen "Grünen Drehpass" an solche Produktionen, die besonders nachhaltig arbeiten. Was halten Sie davon?

Der "Grüne Drehpass" wird inflationär vergeben, das schreckt mich eher ab. Die Hürde ist viel zu niedrig. Es kann nicht Sinn und Zweck sein, eine solche Auszeichnung zu vergeben, wenn fast jede zweite Produktion das ausgestellt bekommt. Ich glaube, das ist zum Teil auch ein Hype. Da werden dann, etwas überspitzt formuliert, Dinge ausgezeichnet wie ein Verzicht auf Plastikbecher. Und im nächsten Moment wird bei jedem Dreh an jedes Crew-Mitglied eine Trinkflasche oder eine Alu-Tasse verteilt. Alleine die verursachen bei der Herstellung vermutlich mehr Energie und Schadstoffe als Einwegflaschen.

Da müsste dann jemand darauf achten, dass diese Trinkflaschen oder Tassen eingesammelt werden, damit sie bei der nächsten Produktion wiederverwendet werden.

Richtig. Sie werden derzeit aber eher wie ein Drehgeschenk verwendet. Da ist es natürlich blödsinnig zu behaupten, man drehe grün. Da sind andere Dinge wichtiger, die zum Teil aber noch gar nicht angegangen werden können. Die Idee hinter dem "Grünen Drehpass" ist ja gut, aber da müssen jetzt die Zügel angezogen und die Hürden heraufgesetzt werden. Wenn man eine ernsthafte Umwälzung sehen und feststellen kann, wäre das sicherlich eine tolle Sache.

Warum können gewisse Dinge noch nicht angegangen werden?

Weil es in den Kalkulationen der Sender noch nicht eingerechnet ist. Wenn dort nicht kalkuliert wird, dass ich etwas brauche, das im Zweifel etwas teurer ist, dann können die Produktionsfirmen nicht die Leidtragenden sein. Die Sender sind diejenigen, die die Sachen in Auftrag geben. Und wenn die grün möchten und auch wirklich dahinter stehen, dann müssen sie dafür Geld in die Kalkulation bringen. Nur dann macht es Sinn. Das kleine Produktionsunternehmen kann kein Geld ausgeben, das es später vom Sender nicht zurückbekommt.

"Die Sender sind diejenigen, die die Sachen in Auftrag geben. Und wenn die grün möchten und auch wirklich dahinter stehen, dann müssen sie dafür Geld in die Kalkulation bringen."

Sie sehen die Bringschuld beim Thema Nachhaltigkeit also vor allem bei den Sendern als Auftraggeber?

Den Dienstleistern den "schwarzen Peter" zuzuschieben, wäre mehr als frech. Wer kürzt denn die Drehtage und macht so unnötige Umzüge am Drehtag notwendig? Dadurch haben wir Motivumzüge ohne Ende, da wird auch eine Menge Energie verschleudert. Wer hofiert denn Schauspieler und macht so unnötige Flüge zwischen zwei Drehtagen notwendig? Und wer ist nicht bereit, mehr Geld für Generatoren mit Dieselpartikelfilter zu zahlen und wer will nicht das Bio Catering in die Kalkulation mit aufnehmen? Es gibt zahlreiche Beispiele. Bei Gemeinschaftsproduktionen mehrerer Sender fahren Mitarbeiter von allen Unternehmen durch die Weltgeschichte und wollen natürlich auch alle am Set sein, um ihr eigenes Fähnchen hochzuhalten. Diese Liste ist unendlich fortzusetzen wenn man alle Gewerke betrachtet.

Teilweise heißt es, dass es ein "Beschaffungsproblem" gäbe. Die externen Dienstleister hätten gar nicht so viele umweltfreundliche Geräte und Fahrzeuge, wie die Produzenten nachfragen würden.

Was soll ich denn machen? Das Problem mit den Generatoren habe ich schon erklärt. Ich kann auch nicht in einen Elektro-LKW investieren. Erstens gibt es da keine vernünftigen LKW, selbst große Unternehmer wie Amazon sind da noch am Experimentieren. Derzeit scheitert es noch an der Nutzlast. Solange die Industrie es nicht schafft, technisch LKW mit einer vernünftigen Reichweite bei gleicher Nutzlast zu produzieren ist das Thema Fahrzeuge vom Tisch. Zumal auch nach wie vor nicht ganz klar ist, welchen Schaden Batterien überhaupt anrichten. Wie lange hält so etwas und was verursacht so eine Batterie eigentlich in der Herstellung? Wenn ich mir irgendwo auf der Welt Rohstoffe unter erbärmlichen Bedingungen besorgen muss, um Batterien herzustellen, dann sind fossile Brennstoffe vielleicht doch noch eine gute Alternative.

Herr Langen, vielen Dank für das Gespräch!

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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