Florian Wieder und Jens Bujar © Lodge of Levity
DWDL.de-Interview

Florian Wieder und Jens Bujar: "Große Firmen gibt es genug"

 

Im vergangenen Jahr haben Florian Wieder und Jens Bujar ihre Produktionsfirma Lodge of Levity gegründet. In Konkurrenz zu anderen sehen sie sich dennoch nicht, wie sie im DWDL.de-Interview erzählen. Jetzt startet ihre erste Show bei Magenta TV.

von Alexander Krei
29.05.2019 - 13:26 Uhr

Herr Wieder, Herr Bujar, mit ihrer vor einem Jahr gegründeten Produktionsfirma Lodge of Levity waren Sie gerade beim ESC involviert, jetzt produzieren Sie in Hürth eine kleine Show für die Telekom. Größer könnte die Diskrepanz kaum sein, oder?

Florian Wieder: (lacht) Da gibt es tatsächlich Unterschiede – alleine schon, was das Wetter angeht. Aber beides sind Leidenschafts-Projekte, daher macht uns das eine so viel Spaß wie das andere.

Aber das Beispiel zeigt vermutlich gut, mit welcher Bandbreite Ihre Firma am Markt agiert, oder?

Jens Bujar: Das hat nichts mit Größe zu tun, ganz im Gegenteil. Wir sind in der komfortablen Situation, viele Anfragen zu haben, dass wir gezielt auswählen können, was wir machen. Projekte wie der Eurovision Song Contest sind profitabel, aber es ist schön auch andere Projekte umsetzen zu können, bei denen man nicht aufs Geld schaut. Da geht’s dann eher ums Herz und um die Seele.

Was macht Ihre Firma konkret aus?

Bujar: Wir haben versucht, das Thema Contentproduktion anders anzugehen. Die grundlegende Struktur solcher Unternehmen ist seit den 60er Jahren nahezu unverändert, aber moderne Zeiten erfordern andere Lösungen. Deshalb sind wir ziemlich flexibel in der Art und Weise wie wir arbeiten. Es gibt Projekte wie den ESC-Vorentscheid, bei dem wir mit Partnern zusammenarbeiten, aber auch Projekte wie jetzt "Artikel 5", das wir zum Beispiel komplett alleine produzieren – einfach auch, um Know-How und die besten Leute fuer dieses Format zusammenzubringen. In anderen Märkten ist das längst so ueblich. Dass eine Firma ein Format von der Wiege bis zur Bahre alleine umsetzt, ist im britischen und US-Markt nicht so üblich wie hier. Da werden Cluster gebildet von Leuten, die sie in ihrer Kompetenz perfekt ergänzen.

Wieder: Selbst wenn man einem Sender eine gute Idee pitcht, heißt das nicht, dass es auch die beste Produktionsfirma dafür ist. Wir wollen es anders machen als die Großen und möchten uns lieber die geeigneten Partner suchen, um in Abstimmung mit dem Sender das beste Produkt auf die Beine zu stellen. Uns selbst sehen wir nicht in Konkurrenz zu anderen Produktionsfirmen, sondern viel mehr als kleines, feines Kreativ-Team.

"Es ist Fluch und Segen in einem riesigen Laden zu arbeiten."
Jens Bujar

Wie soll die Firma in den nächsten Jahren wachsen?

Bujar: Wir haben gar nicht den Plan, infrastrukturell groß zu werden. Große Firmen gibt es genug. Die sind inzwischen so absurd groß geworden, dass man ohnehin schwer hinterherkommt. Daher bleiben wir lieber eine kleine, flexible Flotte von Speedbooten, die sich für bestimmte Projekte zusammentut. Beim nächsten Projekt kann die Konstellation schon wieder eine ganz andere sein. Damit rennen wir bei den Sendern offene Türen ein, weil die sich natürlich auch die Frage stellen, ob wirklich immer die kompetentesten Personen an einem Format arbeiten. Genau das aber können wir liefern.

Herr Bujar, Sie haben lange in großen Unternehmen wie die UFA oder Constantin Entertainment gearbeitet. Ist es nicht einfacher, diese Strukturen im Rücken zu haben?

Bujar: Es ist Fluch und Segen in einem riesigen Laden zu arbeiten, weil sehr viel Energie nach innen geht, um sich abzustimmen. Ich habe das Gefühl, dass es in der aktuellen Zeit hilfreich ist, viel Energie in die Inhalte zu geben und nicht so viel in die Struktur. Natürlich fehlen einem zunächst einige Ressourcen, aber die kann man sich am Markt suchen. Gleichzeitig gibt es extreme Freiheiten und die Möglichkeit, sich viel stärker auf die wirklich wichtigen Dinge zu konzentrieren.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit entstanden?

Wieder: Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren, haben uns bei Harald Schmidt kennengelernt. Im Laufe der Jahre ist eine große Freundschaft entstanden, und immer wieder haben wir ganz viele Sachen zusammengesponnen. Aus diesem Spaß reifte mit der Zeit die Idee, wirklich etwas daraus zu machen, weil wir ein sehr kreatives Kollektiv sind. So ging alles los.

Bujar: Es war uns beiden sehr wichtig, die Kontrolle über alle Teile einer Produktion zu haben und nicht nur an einem Teil zu arbeiten. In meinem beruflichen Leben hat sich noch nie etwas so stimmig angefühlt wie jetzt.

Wieder: Ich selbst komme ja aus der gestalterischen Profession. Nach fast 30 Jahren in der Branche bleibt es einfach nicht aus, dass man sich für die Inhalte interessiert, für die man das ganze herstellt. In all den Jahren habe ich mich sehr intensiv mit den Formaten auseinandergesetzt, um ihnen etwas Visuelles überzustülpen, das gut zum Konzept passt. Dadurch entstand die Ambition, mich auch inhaltlich stärker einzubringen.

Jetzt startet Ihr neues Format "Artikel 5". Worum geht’s?

Bujar: Es handelt sich um eine satirische Comedyshow, bei der wir uns in jeder Folge ein einzelnes Thema vornehmen. Da geht es beispielsweise um Wohnungsnot oder kriminelle Clans. Vielleicht klingt das erst mal unsexy. Aber in Zeiten, in denen die Leute in einem medialen Dschungel extrem vielen Meinungen ausgesetzt sind, habe ich das Gefühl, dass es richtig ist, etwas Unterhaltsames zu machen, das eine helfende Hand sein kann. Wir geben keine Meinung vor, sondern präsentieren mit unserem Moderator Micky Beisenherz Fakten, aus denen sich die Zuschauer eine eigene Meinung bilden können. Und soviel kann ich verraten, Micky macht das grandios. Und weil die Fakten zum Teil schwer verdaulich sind, machen wir es mit Humor. Gewissermaßen das Stückchen Zucker zur bitteren Medizin.

Artikel 5© Lodge of Levity

Wie wollen Sie das visuell rüberbringen?

Wieder: Oft fehlt ja der Mut, auch visuell neue Wege zu gehen. Aber gerade weil "Artikel 5" kein klassisches Fernsehformat ist, bot sich die Chance, die Show optisch etwas anders daherkommen zu lassen. Das Set hat die Form eines Auges, womit eine gewisse Symbolik verbunden ist, weil wir mit dem Format ja auch daran interessiert sind, den Zuschauern die Augen zu öffnen. Es ist quasi ein modernes, architektonisches Kunstobjekt, das vermutlich sogar außerhalb des Fernsehstudios funktionieren würde.

Ungewöhnlich ist auch die Verbreitungsstrategie.

Bujar: Wir wollen auch hier einen neuen Weg einschlagen und haben mit der Deutschen Telekom einen fantastischen Partner gefunden, der mit Magenta TV unsere Hauptplattform ist. Da herrscht gerade eine Aufbruchstimmung, die sich für uns extrem gut anfühlt. Dazu haben wir die Möglichkeit erhalten, mit Amazon Prime Video Direct und Pantaflix noch zwei Einnahmequellen ins Boot zu holen.

Ohnehin sind es gerade spannende Zeit für Produzenten, oder?

Bujar: Es ist wirklich eine tolle Zeit für die Branche. Während wir hier in den Nobeo-Studios unsere Sendungen produzieren, zeichnet Chris Tall nebenan für Amazon auf. Alleine daran lässt sich doch erkennen, was gerade auf dem Markt passiert. Mittelfristig können diese Plattformen viel mehr als das lineare Fernsehen kann. Das macht es für uns besonders spannend.

Herr Bujar, Herr Wieder, vielen Dank für das Gespräch.

"Artikel 5" ist ab dem 30. Mai donnerstags bei Magenta TV zu sehen.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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