Murmann Käßbohrer © btf
Interview über "How to sell drugs online (fast)“

"Die Serie ist sozusagen in Google Hangouts entstanden"

 

Mit "How to sell drugs online (fast)" ist die nächste deutsche Netflix-Serie online gegangen. Wir sprachen mit den Showrunnern und btf-Geschäftsführern Matthias Murmann und Philipp Käßbohrer über ihr erstes fiktionales Werk und die Erfahrungen mit Netflix.

von Thomas Lückerath/Alexander Krei , Cannes
31.05.2019 - 15:30 Uhr

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Wie kamen Netflix und die btf überhaupt zusammen?
 
Matthias Murmann: Wir kommen ja beide eigentlich aus dem Fiktionalen. Das haben wir studiert und sind dann damals über „Roche & Böhmermann“ in die Fernsehunterhaltung reingestolpert. Das betreiben wir unverändert mit großer Lust. Wir haben aber parallel schon immer Konzepte für fiktionale Projekte entwickelt. Die Idee zu „How to sell drugs online (fast)“ war eine der Ideen, auf die wir uns dann fokussiert haben.
 
Philipp Käßbohrer: Zufällig hat Netflix zu der Zeit auf dem deutschen Markt nach neuen Stoffen gesucht und war sehr offen. Wir haben Kontakt aufgenommen und gesagt wir hätten da was. Bei „How to sell drugs online (fast)“ war uns ohnehin klar: Kein deutscher Sender würde das machen. Hier brauchen wir einen progressiven Partner. Sonst bekommen wir den Stoff nicht so umgesetzt, wie wir uns das vorstellen.


 
Mit wem haben Sie denn dazu bei Netflix verhandelt? Das deutsche Büro eröffnet jetzt ja in Berlin. Wer hat das grüne Licht gegeben?
 
Philipp Käßbohrer: Herr und Frau Netflix. Mehr dürfen wir darüber nicht sagen, oder?
 
Matthias Murmann: Also ursprünglich war es Kai Finke, der uns die Türen geöffnet und uns mit Brian Pearson (Head of Co-Productions and Acquisitions EMEA, Anm. d. Red.) bekannt gemacht hat. Der fand die Prämisse der Serie sofort geil, aber weil es ein reines Netflix Original und keine Koproduktion werden sollte, wurde unser Projekt in die Original Content Unit übergeben.
 
Philipp Käßbohrer: Die damals noch nicht in Amsterdam war und wir somit in einen engen Austausch mit dem Netflix LA Team gingen. Unser Projekt hat sich dann parallel zum Original Content Team in Amsterdam entwickelt.
 
Wann nahm „How to sell drugs online (fast)“ denn seinen Lauf, um da mal einen zeitlichen Horizont zu verstehen? Angekündigt wurde die Serie im Herbst 2018…
 
Philipp Käßbohrer: Da waren wir bereits am Drehen.
 
Matthias Murmann: Also das erste Mal gepitched haben wir Netflix die Idee im Sommer 2017. Die Prämisse war offenbar so überzeugend, dass wir im Anschluss das Go fürs Development bekommen haben.
 
Philipp Käßbohrer: Von Oktober bis Dezember 2018 haben wir dann gedreht und jetzt ist die Show online. Für ein fiktionales Programm ging das alles ziemlich schnell. Vor allem der Sprung von der Abgabe der Bibel zur tatsächlichen Produktion.
 
Matthias Murmann: Wir haben die Produktion aus diversen Gründen anderthalb Monate vorgezogen. Da kamen wir schon kurz ins straucheln. Aber letztlich hat alles geklappt.

"Wer immer alles gleich macht, kann nichts Neues schaffen."
Matthias Murmann

Was hat Sie da ins Straucheln gebracht?
 
Philipp Käßbohrer: Wir mussten gleichzeitig schreiben und vorbereiten.
 
Matthias Murmann: Wir hatten aus dem Development ein Pilot-Buch plus Outlines für die Staffel, aber die eigentlichen Bücher, das Casting, auch das Team hinter den Kulissen war noch längst nicht entwickelt bzw. aufgestellt. Das musste dann alles sehr schnell gehen. Und das zu einer Zeit, in der in Deutschland unfassbar viel produziert wurde. Viele Kolleginnen und Kollegen waren da sehr beschäftigt. Der Markt war ziemlich abgegrast.
 
Beim Ergebnis kann man sagen: Erfolgreich rekrutiert. Was hat dann trotz der Hochkonjunktur geholfen, die Leute zu bekommen?

Philipp Käßbohrer: Grundsätzlich haben wir schon mal ein gutes Team bei der btf und ein gewachsenes Netzwerk an Freien, mit denen wir über Jahre eng zusammengearbeitet haben. Jemanden wir Lars (Regisseur Lars Montag, Anm. d. Red.) kennen wir schon ewig. Arne (Feldhusen) hingegen haben wir erst durch die Serie kennengelernt, auch wenn wir uns schon lange gegenseitig gut finden. Wir haben den Großteil des Teams über Sympathie fürs Projekt und die btf zusammenbekommen. Trotzdem musste unser btf-Team mit vergleichsweise vielen Externen arbeitet. Um das zu koordinieren war uns klar, dass die Rolle der Showrunner für das Projekt entscheidend ist. Die externen Kolleginnen und Kollegen, die sich beruflich sehr gut mit der professionellen Fiction-Produktion auskennen mussten sich mit den Nerds auf Augenhöhe begegnen, die sich inhaltlich mit der digitalisierten Welt unserer Hauptfiguren auskennen. Das war eine große Herausforderung.
 
Matthias Murmann: Der Satz, den wir immer wieder hören, wenn wir mit dem freien Markt zu tun haben und jemand zum ersten Mal mit uns zusammenarbeitet, ist „Das haben wir so noch nie gemacht“. Für uns ist dieser Satz immer ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wer immer alles gleich macht, kann nichts Neues schaffen.
 
Wie war denn die Zusammenarbeit mit Netflix? Vor Jahren schwärmten alle von der kreativen Freiheit in der Arbeit mit Streamingdiensten. Inzwischen aber haben die ja auch eigene Redaktionen…
 
Matthias Murmann: Es gab, völlig wertfrei, auf jeden Fall sehr viel Kommunikation. Man kann das aber nicht pauschalisieren. Beim Casting hatten wir beispielsweise große Freiheit. Wir durften junge, teils völlig unbekannte Gesichter casten.
 
Philipp Käßbohrer: Uns wurde kein Schauspieler nahegelegt, weil der schon mal auf einem Plakat abgedruckt war. Es ging nur um die Fähigkeiten. Dass Bjarne in Deutschland sowas wie ein Star ist, hat Netflix erst viel später von ihren Marketingleuten erfahren.
 
Und inhaltlich?
 
Matthias Murmann: Das war ein intensiver Austausch. Für uns war es eine interessante Erfahrung, zu verstehen wie das amerikanische System funktioniert. Strukturell und handwerklich.

Philipp Käßbohrer: Dabei hatte man immer das Gefühl, dass wir alle am gleichen Strang ziehen. Das war sehr angenehm. Und die ein oder andere inhaltliche Auseinandersetzung mit Partnern ist für ein kreatives Projekt ja sehr gut, weil man so seine eigene Vorstellungen schärft. Eine internationale Producerin auf der Serie zu haben, half außerdem den Blickwinkel der internationalen Netflix-Zuschauerschaft nicht zu vergessen. Trotzdem konnten wir Netflix oft überzeugen. Letztlich ist Netflix ja bewusst, dass eine originelle deutsche Serie international erfolgreicher sein kann als eine amerikanisierte Serie, die in Deutschland gedreht wird.

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