Kaspar Pflüger © Sat.1
DWDL.de-Interview mit Sat.1-Chef Pflüger

"Mund abwischen, Ärmel hochkrempeln, neu angreifen"

 

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Aber „Promis Privat“ sieht auch nicht nach der Lösung Ihrer Probleme aus…

Abwarten. Wir erzählen jetzt parallel zu „Promi Big Brother“ die passenden Geschichten und gucken uns das dann genau an. Im September kommt mit „Nächste Ausfahrt Liebe“ ein sehr frisches Dokutainment-Format für diesen Sendeplatz um 18:00 Uhr. Und um 19:00 Uhr bleibt „Genial daneben - Das Quiz“. Das wir ebenfalls ständig weiterentwickeln. Anfang 2020 kommt dann außerdem die Mutter aller Reality-Formate zurück: „Big Brother“.

Wie wird „Big Brother“ am Sat.1-Vorabend aussehen? Sie feiern den 20. Geburtstag des Formats. Zwischen damals und heute hat sich das Format ja stark entwickelt…

Wir wollen mit „Big Brother“ 2020 die Brücke zu schlagen zwischen den Fans, die sich an das Original erinnern können und jenen, die damals vielleicht noch gar nicht geboren waren. Die Faszination des Ursprungsformats ist einer ganzen Generation ja gar nicht mehr bekannt und wir werden zeigen, dass das Format auch in unserem digitalen und interaktiven Zeitalter eine große Relevanz entfalten kann.



Ein „Big Brother“ wie damals? Oder eher so wie man es zuletzt kannte?

Beim Originalformat „Big Brother“ geht es im Vergleich zum morgen startenden „Promi Big Brother“ mehr um den Experiment-Charakter. Was macht das mit Menschen, wenn sie 100 Tage beobachtet zusammenleben? Wir werden aber natürlich nicht 1:1 das „Big Brother“ von vor 20 Jahre erzählen, weil das Publikum heute viel ungeduldiger ist. Die Anforderungen an Taktung und Dichte haben sich verändert. Wir machen „Big Brother“ 2020 ganz zeitgemäß.

Eher als „Big Brother“ am Vorabend kommt Ende August die „Akte“ zurück. Glauben Sie, dass Fernseh-Deutschland das Magazin vermisst hat?

Wir haben den Anspruch, ab dem 26. August mit der neuen „Akte“ und Moderatorin Claudia von Brauchitsch gehaltvollen Magazin-Journalismus mit Relevanz anzubieten. Sat.1 fehlte ein investigatives, aber gleichzeitig emotional erzählendes Magazin, das sich sehr auf starke MAZ-Strecken fokussiert. Vor diesem Hintergrund positionieren wir die „Akte" am Montagabend um 22.15 Uhr neu mit journalistischem Kern. Es ist keine Heimat für in Watte gepackte Schicksalsgeschichten. Wir wollen die „Akte“ zur Dachmarke für Informationsprogramme unter eigener Flagge ausbauen, zum einen weiterhin bei Event-Dokumentationen zur besten Sendezeit. Zum anderen wird es auch die Marke für unsere Sondersendungen, quasi unser „Brennpunkt“. Unsere frisch aufgebaute, eigene Inhouse-Redaktion steht in den Startlöchern und hat große Lust, auch wieder mehr auf aktuelle Ereignisse zu reagieren.

Nicht nur in der Unterhaltung auch in der Information ist bei den großen Privatsendern gerade alles in Bewegung. Spontaner, häufiger live. Wer hätte das vor einem Jahr gedacht…

Schauen Sie, das Privatfernsehen bedient ja zwei Zielgruppen. Einmal das Publikum, das für uns natürlich der Kern aller kreativen Überlegungen ist. Aber wir haben auf der anderen Seite auch unsere Werbekunden, die natürlich ihre garantierte Reichweite möchten und auch haben sollen. Wir müssen also die Balance finden zwischen dem Geschmack des Publikums und dem Wunsch der Werbekunden. Und über all die Jahre seit Beginn des Privatfernsehens hat sich dadurch eine große Verlässlichkeit in der Programmierung entwickelt, die nicht nur den Zuschauern, sondern auch den Werbekunden wichtig war, weil sie Orientierung und Sicherheit bedeutete. Aber die Welt unseres Publikums ist geprägt von immer mehr Reizen und Angeboten. Alles ist neu, alles aktuell. Der Wettbewerb hat sich weiterentwickelt.

Mit welcher Konsequenz für Sat.1?

Wir müssen unseren Zuschauerinnen und Zuschauern beweisen, dass wir auch überraschend sein können. Dass wir uns noch mehr trauen, aus unserem Positionierungskorsett auszubrechen. Das erste Halbjahr 2019 war für Sat.1 sicher nicht in jeder Hinsicht super. Aber das Privatfernsehen in Deutschland wurde ja regelrecht wachgeküsst und beflügelt durch Ideen, Mut und Risiko. Wenn Joko und Klaas mit ihren berühmten 15 Minuten, die ja in keiner Programmzeitschrift standen und für die es auch keine Kampagne gab, so enorme Reichweiten holen, zeigt das die Kraft des Fernsehens, wenn wir sie richtig ausspielen.

Allerdings müssen Sie natürlich 24 Stunden Programm am Tag anbieten und man kann es sich nicht zu jeder Zeit leisten, zu überraschen…

Richtig, anders als Plattformen müssen wir Programm für 365 Tage im Jahr anbieten und dabei natürlich zu vielen Zeiten auch verlässlich sein. Aber vielleicht hat diese Routine von uns Fernsehmachern irgendwann auch dazu geführt, dass die Suche nach Verlässlichkeit über das sich so rasant ändernde Zuschauerverhalten gestellt wurde. Das gilt vor allem für die Deutsche Fiction, das hat gerade bei Sat.1 zu einem ganz anderen Umgang mit dem Genre geführt.

Inwiefern?

Es betrifft vor allen Dingen die deutsche Serie. Wir haben in Umsetzung und Stoffauswahl sicher nicht alles richtig gemacht in den letzten Jahren, aber darüber hinaus war das Problem, dass wir für Sat.1 die letzten Jahre immer Serien mit dem klassischen „Fall der Woche“ als idealen Ausgangspunkt gesehen haben. Das funktioniert dann bestenfalls über zehn oder zwölf Wochen, man kann es wunderbar wiederholen – und im nächsten Jahr kommt man dann mit einer weiteren Staffel zurück. Und alle sind happy. Das meine ich mit Planbarkeit und Verlässlichkeit. Das war lange auch fürs Publikum ein attraktives Angebot, aber wir müssen akzeptieren: Das ist in der heutigen Zeit, in der das Publikum für immer neue fiktionale Formate und Storys auf so vielen Plattformen aktivierbar ist, nicht mehr aufregend genug. Danach stellt sich niemand mehr die Uhr – und das braucht lineares Fernsehen aber.

Eine überraschend ehrliche, klare Analyse.

Das ist ein hartes Learning der vergangenen Saison, glauben Sie mir. So wichtig wie diese Planbarkeit für uns wäre und so stark, wie wir in der Vergangenheit in diesem Denken verhaftet waren, müssen wir umdenken. Wie viele Procedurals wollen wir denn noch probieren, egal ob bei uns oder bei der Konkurrenz, bevor wir erkennen, dass das zwar für uns und in den Programmablauf gut passen würde, aber das Publikum andere Erwartungen hat? Und das Publikum ist hier in letzter Konsequenz der Chef, der die Richtung vorgibt.

Was bedeutet das jetzt für die Zukunft der Fiction bei Sat.1?

Wir wollen uns fokussieren und starke Emotionen wecken, dabei auch Grenzen austesten. „Heiter“ ist ein Attribut, das lange gerne genutzt wurde, aber ich muss heute entweder explizit lustig, explizit spannend oder explizit dramatisch sein. Wir brauchen „zwingendere“ Programme, wir müssen durchdringen können. Das wollen wir mit konsequenten Thriller-Reihen und erklärten Comedyserien wie „Die Läusemutter“ oder „Think Big“ schaffen. Das mag nicht jedermanns Sache sein, aber Sat.1 muss nicht mit jedem Programm allen gefallen. Bei seriellen Stoffen fokussieren wir uns lieber auf Event-Miniserien, also horizontale Stories über wenige Folgen. Nicht die Langlebigkeit über alles stellen. Was hilft mir die Überlegung, ob ich eine dritte oder vierte Staffel machen könnte, wenn bei der ersten keiner zuschaut?

Aber das bedeutet dann auch: Weniger Fiction-Sendeplätze aber für Besseres?

Ich will weder von weniger sprechen noch von besser. Sondern von anders. Wir müssen anders arbeiten. Und es nützt mir nichts, einen Sendeplatz für Deutsche Fiction zu reservieren um ihn dann mit zu vielen Wiederholungen füllen zu müssen. Dann sorgt Verlässlichkeit für Langeweile. Lieber flexiblere Programmierungen, mehr Erstausstrahlungen und weniger Wiederholungen – eine insgesamt sinnvolle Strategie.

Herr Pflüger, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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