Andreas Gerhardt © Sport1
DWDL.de-Interview über den Medienstaatsvertrag

Gerhardt: "Es wird schwierig, noch etwas umzusetzen"

 

Die Länder beraten über den Medienstaatsvertrag und gleich mehrere kleine TV-Sender haben sich zusammengetan, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. DWDL.de sprach mit Andreas Gerhardt, Director Distribution/Regulierung von Sport1, über Wünsche, Kritik und Realismus.

von Alexander Krei
12.08.2019 - 10:00 Uhr

Herr Gerhardt, was macht Sport1 eigentlich schützenswert?

Sport1 ist ein Sender mit einer großen Sportvielfalt, der nicht nur große Highlight-Sportrechte verwertet, sondern aus Deutschland heraus über 60 Sportarten und Wettbewerbe mit einem extrem hohen Produktionsvalue von alleine im Free-TV rund 1.500 Livesport-Stunden überträgt – unsere live gesendeten Talk- und News-Formate noch gar nicht mitgerechnet. Wir leisten uns eine der größten Sportredaktionen im deutschsprachigen Raum. Dadurch tragen wir viel zur Medienvielfalt auf dem deutschen Markt bei, auch wenn das für manch Außenstehende auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar sein mag.

Die Verantwortungsträger in der Politik wissen also gar nicht, was Sie machen?

Im Bereich des Rundfunklobbyismus herrschen einige dominante Themen vor, beispielsweise die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Dadurch wird vieles überstrahlt, insbesondere was kleinere Anbieter am Markt angeht. Aus diesem Grund müssen wir Politikern unsere Anliegen immer wieder aufs Neue verständlich machen. Wenn die merken, was wir und unsere Kollegen von Discovery, Viacom, Welt und Tele 5 machen, dann werden die Augen meistens groß. Wir hoffen sehr, dass dieser Eindruck auch nachhaltig hängen bleibt.

Warum genau haben Sie sich mit Blick auf den Medienstaatsvertrag mit anderen Anbietern kleiner Sender zusammengetan?

So unterschiedlich wir als Anbieter inhaltlich sind, aber auch in der Gesellschafterstruktur, so haben wir doch ein gemeinsames Ziel: Es geht ja nicht nur um eine Angebots-, sondern auch um eine Anbietervielfalt. Dieses Ziel können wir schlagkräftiger verfolgen, wenn wir uns zusammenschließen. Wenn ein Einzelner kommt, dann wird mit etwas Glück vielleicht mal die Tür geöffnet. Aber man hört uns doch mehr zu, wenn wir zu fünft auftreten und auf diese Weise ein Gegengewicht bilden zu den großen Sendergruppe und den Öffentlich-Rechtlichen. Insbesondere der Zugang zu und die Auffindbarkeit auf Plattformen ist für uns Anbieter in Zukunft existentiell, um unser Geschäftsmodell betreiben zu können.

Aber kann es sich denn eine Plattform überhaupt leisten, beliebte Sender wie Sport1 oder Welt nicht auszuspielen?

Meiner Meinung nach kann sich das keine Plattform leisten – und trotzdem tun wir uns im Umgang mit den Plattformen viel schwerer als die großen Gruppen. Da dauert es zwar auch oft mehrere Jahre, bis die Verträge verhandelt sind, aber sie besitzen eben aufgrund ihrer Position ein wesentlich größeres Druckmittel. Das zeigt sich etwa an der Art und Weise, wie Zahlungsrückflüsse laufen, oder im Pay-TV-Geschäft. Daher ist der Schutz der Anbietervielfalt so wichtig. Dafür braucht es einen regulatorischen Schutz über den Medienstaatsvertrag um die bestehende Vielfalt in Deutschland zu erhalten. Der Schutz der Anbietervielfalt sollte im Medienstaatsvertrag als solcher angelegt sein.

Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach der zweiten Anhörung zum Medienstaatsvertrag aus?

Dass überhaupt ein Medienstaatsvertrag auf den Weg gebracht wird, ist essenziell. Deshalb muss er jetzt auch unbedingt umgesetzt werden. Keinesfalls sollten wir jetzt so viele Punkte in Frage stellen, um das Ziel, den Medienstaatsvertrag bis zum Jahresende zu beschließen, nicht zu gefährden. Der Entwurf umfasst ja auch bereits viele gute Aspekte wie die Einbeziehung von Benutzeroberflächen und Intermediären, die grundsätzliche Auffindbarkeit des Rundfunks auf Plattformen oder dass Türen für eine privilegierte Auffindbarkeit von Rundfunk geöffnet werden – das ist ein Punkt, der von unserer Seite sehr stark forciert worden ist. Es gibt aber auch Punkte, die in unseren Augen nachbesserungsbedürftig sind.

Zum Beispiel?

Zugangs- und Belegungsvorschriften dürfen nicht zwischen infrastrukturgebundenen und nicht infrastrukturgebundenen Plattformen unterscheiden. Eine solche Differenzierung ist für mich nicht verständlich. Dort, wo für den grundgesetzlich geschützten Rundfunk eine Knappheit hat oder ein Engpass entsteht – egal ob tatsächlich, technisch oder faktisch, weil eine Plattform eben nur bestimmte Sender will und andere ausschließt – muss eine Möglichkeit gegeben sein, dass jemand eingreift. Im Regelfall sollte das zentral über die ZAK laufen. Eine Belegung im Wesentlichen nur von öffentlich-rechtlichen Programmen und Vollprogrammen mit regionalen Fenstern ist nicht sachgerecht und widerstrebt dem dualen System. Es muss für alle Programme, auch Spartenprogramme, die Möglichkeit geben, hier gesicherten Zugang zu erhalten und belegt zu werden über eine Vielfaltsentscheidung der Landesmedienanstalten.

Wie ist es um die Auffindbarkeit bestellt?

Die privilegierte Auffindbarkeit in ihrem jetzigen Entwurf ist im Grundsatz sehr gut. Sie darf aber ebenso nicht dazu führen, dass die Stellung der öffentlich-rechtlichen Anstalten und der Vollprogramme manifestiert wird. Es muss für alle Programme die Möglichkeit geben, Teil der privilegierten Auffindbarkeit zu sein, auch für Spartenprogramme und die Anbietervielfalt muss dabei auch ein wesentliches Kriterium sein.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, Ihre Punkte durchzusetzen?

Würde ich nicht dran glauben und dafür kämpfen, dann müsste ich mir einen anderen Job suchen. (lacht) Natürlich ist Realismus vorhanden. Es wird schwierig, noch etwas umzusetzen. Aber deshalb werden wir nicht müde, unsere Forderungen zu artikulieren.

Bitkom, ANGA, eco und ZVEI positionieren sich aktuell öffentlich gegen den Entwurf des Medienstaatsvertrages. Wie sehen Sie deren Kritik?

Dass Plattformen und Internetunternehmen in diesem Bereich eine größtmögliche Flexibilisierung wollen, ist verständlich. Plattformen, die Rundfunk verbreiten oder darstellen und den Rundfunk damit auch als Grundlage für ihr Geschäftsmodell nutzen, müssen aber gewisse Rahmenbedingungen erfüllen. Die bestehenden Plattformen in Deutschland erfüllen übrigens bereits einen sehr hohen Regulierungsstandard, weshalb wir denken, dass die neuen Regelungen auch diese Plattformen vor globalen Internetgiganten schützen.

Wie sieht nun der weitere Fahrplan aus?

Wir werden aktiv an einer VAUNET-Stellungnahme mitarbeiten. Gleichzeitig wollen wir auch noch eine eigene Stellungnahme abgeben, in der wir uns für die Anbietervielfalt stark machen. Natürlich möchten wir später auch den politischen Dialog führen.

Es wurden lange Zeit Fehden zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten ausgefochten. Wurde darauf aus Ihrer Sicht zu viel Zeit verwendet, weil ja nun ganz andere Herausforderungen anstehen?

Es stimmt, dass dieses Thema die medienpolitische Debatte sehr lange dominiert hat. Dabei sind andere Themen untergegangen. Wenn wir jetzt über Plattformregulierung reden, dann geht uns das alle an. Da müssten wir Hand in Hand mit den Öffentlich-Rechtlichen, aber auch mit den großen Privatsender-Gruppen gehen. Denn Anbietervielfalt heißt ja nicht: Weg mit RTL – um Gottes willen. Eigentlich müssten wir uns sehr viel stärker als bisher verbünden. Da wurden leider wichtige Chancen verpasst.

Darf das als Kritik an VAUNET verstanden wissen?

In keinem Fall, denn es war ja durchaus gut und wichtig, dass wir uns als Private gegen die Öffentlich-Rechtlichen positioniert haben, auch wenn das duale Rundfunksystem vom Grundsatz her aus meiner Sicht – mit Augenmaß – unbedingt erhalten werden sollte. Auch in vielen anderen Punkten leistet VAUNET stets sehr gute Arbeit.

Ist in anderen Ländern die Situation für kleine Sender besser?

Tatsächlich haben es kleine Sender in den allermeisten anderen Ländern leichter als in Deutschland. Das können Netzwerke wie Discovery sicher noch besser beurteilen, die weltweit große Player sind, aber in Deutschland einen vergleichsweise geringen Marktanteil haben. Einerseits hängt das mit den sehr starken Öffentlich-Rechtlichen zusammen, andererseits auch mit den beiden großen Privatsender-Gruppen, die es in vergleichbarer Stärke weltweit kein zweites Mal gibt. Das ist das Ergebnis harter Arbeit, bedeutet aber, dass sie ihre Marktmacht gegenüber Plattformen leicht ausspielen können. Letztlich bedeutet diese Aufteilung übrigens auch, dass wir in Deutschland nur zwei große Vermarkter haben, die den Werbemarkt fast komplett unter sich aufteilen, was es für uns zusätzlich schwer macht.

Wie wichtig ist das klassische Fernsehen für Sport1 noch? Immerhin verweisen Sie gerne auf die digitalen Plattformen...

Wir sind mit Sport1.de, unseren Sport1 News und Video Apps und unseren Social-Media-Kanälen eines der führenden digitalen Sportmedienunternehmen. Ein ganz großer Teil unserer Erlöse liegt dennoch in diesem rund einen Prozent hohen Marktanteil, den wir im Fernsehen erzielen. Auf der Weiterentwicklung unseres digitalen Angebots liegt natürlich ein großer Fokus, aber das Fernsehen wird weiterhin eine große Rolle spielen. Aus diesem Grund werden wir ganz sicher noch lange in den klassischen Verbreitungswege vertreten sein, weil die Leistungswerte von Streaming- und OTT-Plattformen teilweise gar nicht oder nur mit Verzögerung gemessen werden. Satellit und Kabel sind daher weiterhin vorerst alternativlos.

Herr Gerhardt, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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