Stephen Frears A Very English Scandal © BBC One
DWDL.de-Gespräch mit Stephen Frears

"Das britische Fernsehen ist hervorragend genug"

 

Stephen Frears ist ein britischer Fernsehmacher, der sich mit Werken wie "High Fidelity" auch international einen Namen gemacht hat. Im Gespräch verrät er, wieso sein Emmy-nominierter Mehrteiler "A Very English Scandal" ins Fernsehen gehört und nicht ins Kino.

von Kevin Hennings
19.09.2019 - 16:54 Uhr

Mr. Frear, Sie haben ihre Vorliebe für Drama in der Vergangenheit bereits in Filmen wie "High Fidelity", "Lady Vegas" und "Philomena" präsentiert – auch in "A Very English Scandal" wird es hochemotional. Warum dieser extreme Hang zur Rührseligkeit?

Ich suche meine Projekte seit jeher danach aus, wie gut die Geschichte ist und wie sehr sie mich berührt. Filmemachen ist für mich eine Kunstform, die im besten Fall aufwühlend ist. Das Buch von John Preston, auf dem die Serie basiert, ist genau das – aufwühlend. Russel T. Davies hat Prestons Buch ideal in ein Skript verwandelt, weshalb mir die Entscheidung, "A Very English Scandal" zu machen, nicht sonderlich schwer fiel.

Wie viel Drama bringt der Regisseur in die Szene ein und wie viel der Darsteller?

Im Idealfall spiegelt der Darsteller genau das wieder, was die Autoren und der Regisseur sich vorher überlegt haben. Das eine funktioniert nicht ohne das andere.

Dann scheint es so, als ob Hugh Grant genau verstanden hätte, was Sie von ihm wollten. Seine Performance ist hervorragend.

Hugh und ich waren in mehreren Sichtweisen auf dem gleichen Nenner. Wir beide kennen die Geschichte, das Buch und die Aussage das Ganzen. Es kam zu keinem Zeitpunkt zu einem Missverständnis zwischen uns beiden. Ich wusste auch schon bevor er das erste Mal ans Set gekommen ist, dass er der Richtige für diese Rolle ist. Er sieht sogar ein bisschen so aus wie Jeremy Thorpe. Hugh ist einfach ein fantastischer Schauspieler, der an den richtigen Stellen Humor einsetzen kann und dabei nie vergisst, die Dramaturgie zu halten – genauso wie Thorpe damals.

In "A Very English Scandal" geht es vordergründig um Thorpes heimliche Homosexualität, die im Vereinigten Königreich damals noch strafbar war - das verbinden Sie mit einer gehörigen Prise Humor. Wieso haben Sie sich nicht für ein reines Drama entschieden?

Weil es das objektiv betrachtet nicht ausschließlich ist. Das komplette Spektakel um Thorpes Fall und seine Verschwörung zum Mord ist derart absurd, dass die Serie unfreiwillig komisch geworden wäre, hätten wir bestimmte Akzente nicht gesetzt. Thorpe war wie gesagt ein witziger Mann und eine rein dramatische Inszenierung hätte nicht funktioniert. Natürlich mussten wir aber auch aufpassen, dass es nicht zu lustig wird. Doch das gefällt mir an meiner Arbeit mit am meisten: Wir müssen stets den Balanceakt zwischen allen Nuancen finden. Ich hoffe also, dass jeder, der reinschaut, etwas zum Lachen hat und auch darüber schockiert ist, wie verrückt die Situation damals war.

Warum fiel die Entscheidung auf eine dreiteilige Mini-Serie und nicht auf einen Kinofilm?

Diese Entscheidung wurde nicht von mir getroffen. Jedoch finde ich es ideal so, wie es nun gelaufen ist. Es gab anfangs aber gewisse Pläne und wären die durchgegangen, wäre "A Very English Scandal" im Kino wohl untergegangen und hätte mit seiner Überlänge, die er braucht, viele potenziell Interessierte abgeschreckt. Im Fernsehen bei BBC One ist diese Produktion schlicht perfekt aufgehoben. Dort werden zumal auch die Kerninteressierten angesprochen, die den Skandal damals sogar noch mitbekommen haben, so wie ich. Das ist ein Teil unserer britischen Geschichte.

Und Sie sind ein Teil unserer Filmgeschichte. Was hat sich in diesem Geschäft seit ihrem ersten Kurzfilm im Jahr 1968 am meisten geändert?

Ich verstehe es immer nicht, wenn jemand sagt, dass es früher besser gewesen ist. In meinen Augen wurde fortführend alles simpler. Einen Film zu machen geht heute deutlich einfacher von der Hand, weil du für jedes kleine Detail einen Experten zur Verfügung gestellt bekommst. Früher war das deutlich mühseliger.

Wie sehen Sie das klassische Fernsehen im Vergleich zu Streamingangeboten wie Netflix und Co.?

Ich habe kein Netflix und kann deswegen nicht all zu viel dazu sagen. Für die ältere Generation macht das lineare Fernsehen also noch recht viel Sinn.

Wieso haben Sie kein Netflix?

Das britische Fernsehen ist hervorragend genug.

Danke für das Gespräch, Mr. Frears.

 

Der Sony Channel zeigt alle drei Folgen von "A Very English Scandal" am Donnerstag, 19. September ab 20:15 Uhr. Zudem stehen Sie über die üblichen Dienste auch zum Abruf bereit.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen
Montags: Aktuelles aus dem Milliardengeschäft Sport - präsentiert von Eurosport zum Sports-Update Dienstags: Neuigkeiten aus der Fernseh- und Medienlandschaft Österreichs zum Austria-Update Mittwochs: Very british: Die News der Woche aus UK - präsentiert von ITV Studios Germany zum UK-Update Donnerstags: Die aktuellen Meldungen der Audio-Branche - präsentiert von Radio NRW. zum Audio-Update Freitags: Die wichtigsten Medien-Nachrichten aus den Vereinigten Staaten zum US-Update Samstags: Ulrike Klode schreibt, was sie in ihrer Serienwoche bewegt hat zu Meine Woche in Serie Sonntags: Fernsehkritiker Hans Hoff über Aufreger und Programmperlen zum Hoff zum Sonntag
Mit den Newslettern der DWDL.de-Redaktion sind Sie werktäglich bestens informiert. Für die Rundum-Versorgung abonnieren Sie einfach alle Angebote oder wählen den für Sie passenden Newsletter...
Name:
E-Mail:
Frage: 4 weniger 3 =

Ich möchte die folgenden Newsletter erhalten:
Sie können sich jederzeit wieder abmelden. Beachten Sie unsere Datenschutzerklärung.