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"Cry Wolf": Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters

 

Familiendrama meets Sozialstudie: "Borgen"-Autorin Maja Jul Larsen gibt in ihrer neuen Serie jeder Figur eine eigene Wahrheit. Das macht es so einfühlsam und spannend, wenn "Cry Wolf" einen Fall von Kindesentzug nach angeblicher häuslicher Gewalt durchexerziert.

von Torsten Zarges
05.07.2020 - 08:13 Uhr

Wenn das Jugendamt ins Innerste einer Familie eingreift, um das Kindeswohl zu sichern, dann ist das fast immer mit Leid und Drama verbunden. Juristisch heißt es "Inobhutnahme", wenn ein Kind den Eltern entzogen wird. Häusliche Gewalt ist einer der häufigsten Gründe, Meldungen von Schulen, Kindergärten oder aufmerksamen Nachbarn meist der Auslöser für eine Ermittlung von Amts wegen.

Bei uns in Deutschland hat die Zahl der Inobhutnahmen in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen – von um die 30.000 auf über 52.000 pro Jahr. Entzogen werden zu 35 Prozent 16- bis 18-Jährige, darunter doppelt so viele Jungen wie Mädchen. Jenseits der Statistik kann Fiction solche Schicksale greifbar machen. Vor allem, wenn sie so stark und einfühlsam ist wie "Cry Wolf".

Der dänische Achtteiler – im Original "Ulven Kommer" – erzählt von der 14-jährigen Holly, deren Familie zerbricht, als sie in einem Schulaufsatz mit drastischen Worten die Gewalttätigkeit ihres Stiefvaters beschreibt. Das Jugendamt in Gestalt des engagierten Sozialarbeiters Lars Madsen schenkt Hollys Version Glauben und bringt sie und ihren 7-jährigen Bruder Theo vorübergehend bei Pflegeeltern unter. 

Dea und Simon, Hollys Mutter und Stiefvater, bestreiten die Vorwürfe vehement: Der Aufsatz sei nichts weiter als die Fantasie eines rebellierenden Teenagers. Während sie juristisch gegen den Entzug der Kinder vorgehen, taucht auf einmal kompromittierendes Videomaterial von Lars im Internet auf. Für den Soziarbeiter wird die Untersuchung immer schwieriger und irgendwann ist auch er nicht mehr sicher, wer von den Beteiligten die Wahrheit sagt.

Headautorin Maja Jul Larsen, die schon an "Borgen", "The Legacy" und "Follow the Money" mitgeschrieben hat, liefert mit ihrer ersten eigenen Serie eine feinfühlige Gegenüberstellung der verschiedenen Blickwinkel. Fast so, als ginge es um die Dokumentation eines wahren Falls mit echten Menschen, hütet sie sich davor, indiskret Gefühle auszuschlachten oder einseitig Partei zu ergreifen. Damit führt sie den Zuschauer zugleich lustvoll in ein umso größeres emotionales Spannungsverhältnis: Wir erleben die offensichtlich verstörte, wortkarge Holly (Flora Ofelia Hofman Lindahl), die Lars gegenüber langsam auftaut – und glauben ihr. Dem gutmütigen Bär von Sozialarbeiter (Bjarne Henriksen, bekannt als Außenminister und Vize-Premier aus "Borgen") glauben wir intuitiv sowieso. Aber auch Dea (Christine Albeck Børge) und Simon (Peter Plaugborg) haben so aufrichtige, liebevolle Szenen, dass wir sie nicht der Lüge verdächtigen würden.

Auch wenn "Cry Wolf" in Stil und Tempo eher leise und behutsam daherkommt, verhandelt es die ganz großen Fragen. Nicht nur: Wer sagt die Wahrheit? Sondern auch: Was heißt es, eine Familie zu sein? Und: Kann man Kindern immer mit Grundvertrauen begegnen – im Sinne der alten Grönemeyer-Songzeile "Sie berechnen nicht, was sie tun"? Jul Larsen, die ihre Serienidee auf der Berlinale 2019 gepitcht hatte, spricht von den "Lügen, die wir uns selbst und anderen erzählen" und von der "Komplexität, das Richtige zu tun". Die Stärke des Ergebnisses liegt darin, dass es neben der verdichteten Innensicht eines Familiendramas auch noch eine kritische Analyse des Sozialsystems mitliefert. Hinterfragt wird die Macht einer Institution wie dem Jugendamt, die erheblichen Einfluss auf das Leben von Familien ausüben kann. 

Die renommierte dänische Filmemacherin Pernille Fischer Christensen ("Astrid", "Eine Familie") bereichert ihr TV-Regiedebüt mit einer ganz eigenen reflektiven Tiefe, die aus der präzis-kraftvollen Bild- und Tongestaltung entsteht. "Wir sind nicht David Simon", sagte sie in einem Interview, als "Cry Wolf" im Frühjahr für den offiziellen Wettbewerb der Series Mania ausgewählt wurde. Soll heißen: Die Serie bildet keine pure Untersuchung des Systems ab, sondern erlaubt sich erzählerische Freiheiten, die mit der zuvor beschriebenen Manipulation des Zuschauers zu tun haben. 'Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters', ist hier wörtlich zu nehmen. Auch visuell hat jede Figur ihre eigene Wahrheit und einen Hauch von Mysterium, den man erst in späteren Episoden durchdringen wird.

"Cry Wolf" läuft ab Oktober bei DR1 in Dänemark und wird international von DR Sales vertrieben. Die deutschen Rechte sind noch nicht vergeben.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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