Fast die Hälfte des Februars ist um, doch die Januar-Quoten beschäftigen die Branche noch immer. Seit DWDL.de vor fast zwei Wochen über ungewöhnlich deutliche Marktanteilsschwankungen im Kinder-Segment berichtete, herrscht Aufregung: Wie kann es sein, dass die größten Kindersender einen plötzlichen Einbruch ihrer Quoten verzeichneten und mit zusammen knapp über 41 Prozent so schwach performten wie selten zuvor, während gleichzeitig andere Sender, allen voran der Nachrichtensender ntv, in der Zielgruppe der 3- bis 13-Jährigen einen auffällig kräftigen Aufschwung verzeichneten.
Auch wenn sich etwa das Plus der ARD mit der auch bei den jüngsten Zuschauerinnen und Zuschauern mit der quotenstarken Handball-EM erklären lässt und RTL nicht zuletzt von einigen Familienfilmen wie "Rapunzel – Neu verfönt" oder den "Minions" in dieser Altersklasse profitierte, so bleiben die Verluste der Kindersender in dieser Größenordnung trotzdem ein Rätsel. Eines, das sich augenscheinlich auch jetzt, mit etwas Abstand, noch nicht lösen lässt.
Während die AGF Videoforschung offiziell keine Anomalie zu erkennen vermag, müsste der Januar-Einbruch folglich mit programmlichen Entscheidungen zu erklären sein. Doch abgesehen von der Tatsache, dass Disney in der Morgenschiene inzwischen auf Comedy- statt Kinderserien setzt, deutet nichts auf gravierende Veränderungen hin, die eine plötzliche Abkehr der Kids von Kindersendern erklären ließe. Offiziell will sich keiner der Kindersender zu den jüngsten Marktanteilen äußern. Aus den Häusern ist jedoch zu vernehmen, dass es mit Beginn des Jahres zu keinen nennenswerten Programmänderungen gekommen ist.
Auch die Ad Alliance von RTL Deutschland, die den größten deutschen Kindersender Toggo vermarktet, will sich lieber nicht äußern und verweist stattdessen "für eine fachliche Einordnung" wieder zurück an die AGF, dem Gemeinschaftsunternehmen der großen deutschen Sender, das die Quotenmessung bekanntlich bei der GfK beauftragt. Es ist ein ungewöhnliches Schweigen, das sich dieser Tage vernehmen lässt – und wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, die so wichtige Quotenmessung nicht zu beschädigen.
AGF will "langfristige Akzeptanz sichern"
Dabei liegt das Problem im vorliegenden Fall auf der Hand. AGF-Chefin Kerstin Niederauer-Kopf verwies schon vor zwei Wochen darauf, dass die Kinder-Zielgruppe "aufgrund ihrer vergleichsweise kleinen Fallbasis und der fortschreitenden Fragmentierung der Nutzung eine hohe statistische Schwankungsanfälligkeit" aufweise. Sicher, je weniger Kinder lineares Fernsehen nutzen, desto schwieriger wird es auch in den Panel-Haushalten, die Nutzung in dieser Zielgruppe zu messen – erst recht zu Randzeiten. Den massiven Einbruch von Dezember auf Januar, allen voran verbunden mit dem fast schon sensationellen ntv-Aufschwung, erklärt das dennoch freilich nur bedingt.
© AGF
Kerstin Niederauer-Kopf
Doch auch wenn sich die Zahlen im Februar offensichtlich wieder etwas beruhigt haben, wird die Branche wohl kaum umhinkommen, eine offene Debatte über die TV-Quoten zu führen. Sicher, die hiesige Messung ist in vielen Belangen stark – und manch andere Länder beneiden die hiesigen Sender gar um die Menge an Daten, die Tag für Tag gemessen werden. Doch angesichts der zunehmenden Verlagerung auf non-lineare Angebote scheint das System zumindest in spitzen Zielgruppen und zu Randsendezeiten zunehmend an seine Grenzen zu stoßen. Der Januar sollte der Branche mindestens ein Warnschuss sein.
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