Seit über einer Woche steht nun fest, dass "Boah, Bahn!" keine zweite Staffel erhalten wird. Vor dem Hintergrund der jüngsten Debatte über Sicherheitsmängel bei der Deutschen Bahn hagelte es Kritik an den mit sieben Millionen Euro bezifferten Kosten der Comedyserie mit Komikerin Anke Engelke, die mit kurzen Episoden im vergangenen Herbst augenzwinkernd vom Alltag des Zugpersonals erzählte und auf diese Weise das ramponierte Image des Staatskonzerns aufpolieren sollte. Kritik an der Marketingaktion wies die Bahn zwar zurück, gleichzeitig stellte das Unternehmen klar: "Eine Fortsetzung der Kampagne passt nicht in die Zeit."
Doch auch wenn das Aus für "Boah, Bahn!" inzwischen beschlossene Sache ist, könnte die Mini-Serie den Konzern auch in der nächsten Zeit noch begleiten. Hintergrund ist ein Streit um deren Entstehung, über den am Dienstag zuerst "Horizont" berichtete. Auch DWDL.de recherchierte in den vergangenen Wochen zu dem Fall, der die Branche auch deshalb noch beschäftigen dürfte, weil darin zwei Kölner Produktionsfirmen eine zentrale Rolle einnehmen, die in der Vergangenheit mit Grimme- und Fernsehpreisen prämiert wurden; zwei Unternehmen also, die ihr Handwerk verstehen.
Konkreter Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzung ist ein Mann, der als Headautor bei "Boah, Bahn!" geführt wird. DWDL.de ist der Name des Mannes bekannt. Die Produktionsfirma WTF – eine Tochter der Kölner bildundtonfabrik (btf) – führt ihn im Zusammenhang mit dem Drehbuch auf, an dessen Entwicklung noch weitere Personen beteiligt gewesen sein sollen. Daneben erzählte Serien-Star Anke Engelke in der Vergangenheit immer wieder öffentlichkeitswirksam von ihren Praktika, die sie bei der Bahn absolvierte - und die möglicherweise auch als Inspiration für die Entwicklung der Serien-Figuren dienten.
Vor allem aber die Rolle des Headautors wirft Fragen auf, weil er zuvor bereits an einem anderen Serienprojekt beteiligt war: Einer Comedyserie, noch dazu angelegt als Mockumentary, über das Personal eines Zuges. Unter dem Arbeitstitel "Sänk ju for travelling with Deutsche Bahn" entwickelte Vitamedia Film, Produktionsfirma hinter den beachteten Doku-Formaten "Zum Schwarzwälder Hirsch" und "Herbstresidenz", nach eigener Darstellung ein Serienkonzept – zunächst im Auftrag des Kölner Privatsenders RTL.
Über Monate hinweg soll der Autor zusammen mit dem Vitamedia-Team gemeinsam an dem Projekt gearbeitet haben, darunter auch im Rahmen eines mehrtägigen Writers' Rooms. Bis Frühjahr 2024 entstanden auf diese Weise Outlines, Staffelbögen und Drehbuchfassungen. Und auch in der Folge wurde, so stellt es Vitamedia dar, weiter an Setup, Figuren und Büchern getüftelt. Bis RTL im Oktober 2024 überraschend die weitere Entwicklung der Serie beendete.
Vollends vom Tisch war das Format gleichwohl nicht, denn nach Angaben der Produktionsfirma wurden später mit einem anderen Sender Gespräche über eine Weiterentwicklung des Stoffs geführt, der schließlich ein Jahr nach dem RTL-Rückzieher konkretes Interesse an einer Fortführung gezeigt haben soll – exakt zu dem Zeitpunkt, als plötzlich "Boah, Bahn!" erschien, das nach Auffassung von Vitamedia-Geschäftsführer Sascha Gröhl auffällige Parallelen zum eigenen Projekt aufweist. Dieser neuerliche Anlauf wiederum wurde nach Veröffentlichung der Bahn-Serie mit Anke Engelke gekippt.
© IMAGO / Panama Pictures
Sascha Gröhl
Ein Urteil gibt es nicht, doch Gröhl wertet das Verhalten des Autors als Eingeständnis. "Dass nach der Anhörung vor Gericht eine Unterlassungserklärung unterschrieben und sämtliche Prozesskosten übernommen wurden, spricht für sich", sagt er zu DWDL.de und fragt: "Macht man das, wenn man von der eigenen Unschuld überzeugt ist?" Nun mag es in der Branche freilich vorkommen, dass mehrere Firmen an ähnlichen Ideen arbeiten – und in einer Comedyserie über die Deutsche Bahn das Zugpersonal in den Mittelpunkt zu stellen, erscheint nicht völlig abwegig. Das räumt auch Sascha Gröhl ein. "Natürlich kann man unabhängig voneinander auf die Idee kommen, eine Serie über die Deutsche Bahn zu machen", sagt er.
Aber: "Sich aus allen denkbaren Genres ausgerechnet für eine Mockumentary zu entscheiden, aus allen möglichen Settings das Kammerspiel fast ausschließlich im Zug zu wählen, aus allen Perspektiven genau das Zugpersonal ins Zentrum zu setzen, die Serie als Ensemble-Comedy anzulegen, teils identische angelegte Figuren, Schauspielerbesetzung, Mechaniken und sogar Gags zu verwenden – diese Präzision ist für mich erklärbar, wenn man unsere Unterlagen kannte. Und diese Unterlagen kannte unser ehemaliger Headautor. Der einen umfangreichen Geheimhaltungsvertrag unterschrieben hatte."
Der Produzent verweist auf ein angeblich 48-seitiges Dokument, in dem sein Anwaltsteam Dubletten zwischen beiden Projekten aufgezeigt haben soll. "Hier geht es um einen Fall, bei dem mehrere Beteiligte - wie btf/WTF und auch die Deutsche Bahn - profitiert haben, obwohl sie das aus unserer Sicht niemals hätten dürfen", argumentiert Gröhl. "Es geht um die zentrale Frage: Hätte diese Serie so möglicherweise niemals veröffentlicht werden dürfen?"
"Es geht um die zentrale Frage: Hätte diese Serie so möglicherweise niemals veröffentlicht werden dürfen?"
Sascha Gröhl
Auf DWDL.de-Nachfrage will Vitamedia das Dokument mit den angeblichen Dubletten allerdings nicht vorlegen, weshalb die konkreten Doppelungsvorwürfe im Unklaren bleiben. Das macht dann auch eine Einschätzung schwer, wie ähnlich sich die beiden Projekte letztlich wirklich sind. Gleichwohl ist es ein schwerwiegender Vorwurf, den Sascha Gröhl erhebt. Der beschuldigte Autor hat sich auf Anfrage von DWDL.de bislang nicht dazu geäußert.
Auch von der WTF und ihrem Gesellschafter, der btf, gibt es kein offizielles Statement. Der genaue zeitliche Ablauf der Zusammenarbeit mit dem Autor kann damit nicht geklärt werden. Stattdessen versuchte eine Kanzlei in den zurückliegenden Tagen, eine Berichterstattung zu verhindern und drohte in diesem Zusammenhang mit rechtlichen Schritten. Dabei dürfte in der Auseinandersetzung nicht zuletzt die Frage entscheidend sein, ob und wann man bei WTF Kenntnis davon hatte, dass der "Boah, Bahn!"-Headautor zuvor bereits für eine andere Produktionsfirma an einer Comedyserie über die Bahn arbeitete - hierfür liegen allerdings keinerlei Beweise vor.
"Horizont" berichtet am Dienstag zudem, dass die Rolle des Mannes - anders als es der Titel "Headautor" vermuten lässt - "nicht in der kreativen Federführung gelegen" habe, sondern er stattdessen "im administrativen und organisatorischen Bereich" tätig war. Der Titel wäre in diesem Fall also mindestens irreführend.
Entsprechend verwundert zeigt sich Sascha Gröhl. Dass ein Headautor nur wenige Wochen vor Drehbeginn für Formatierungsarbeiten verpflichtet wurde, widerspreche aus seiner Sicht "jeder Produktionsrealität". Auch die Tatsache, dass der Autor die besagte Unterlassungserklärung unterschrieb und sämtliche Prozesskosten übernahm, "spricht für sich", argumentiert er. Für den Vitamedia-Geschäftsführer geht es gleichwohl um mehr: "Wenn Geheimhaltungsvereinbarungen am Ende keinen Schutz mehr bieten, dann ist nicht nur mein Fall betroffen. Dann hat die gesamte Branche ein Problem."
Die Deutsche Bahn bestätigte unterdessen gegenüber "Horizont", dass WTF dem Konzern verschiedene Ideen vorgestellt habe. "Damit fungierte WTF nicht nur als reine Filmproduktion, sondern genauso auch als Urheber der kreativen Ideenentwicklung und -umsetzung", wird ein Bahn-Sprecher zitiert. Über den Zeitpunkt des ersten Kontakts äußerte sich die Bahn dagegen nicht.
Ob bei der nun getroffenen Entscheidung, "Boah, Bahn!" nicht fortzusetzen, möglicherweise auch der jüngste Streit um die Ideengeber eine Rolle spielte, ist nicht bekannt. Gut möglich allerdings, dass die Auseinandersetzung um die Entstehung der beiden Bahn-Projekte, hinter denen zwei in der Branche ebenso geschätzte wie erfolgreiche Produktionsfirmen stehen, schon bald wieder die Gerichte beschäftigen wird.
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