Als es an der Tür klingelte, wirkte Yannis Berkard, so erzählt er es im Gespräch mit DWDL.de, einigermaßen überrascht. Vor wenigen Tagen stand plötzlich ein Sat.1-Team vor seiner Tür und konfrontierte ihn mit dem Vorwurf, im Rahmen der Dreharbeiten für die Reportage-Reihe "Ronzheimer – Wie geht’s, Deutschland?" die Unwahrheit gesagt zu haben. Dass die Zweifel berechtigt waren, dürfte die Redaktion spätestens geahnt haben, seit sie erfuhr, dass der 25-Jährige in Wirklichkeit einen ganz anderen Nachnamen trägt.

In besagter Sendung war Berkard, wie wie ihn an dieser Stelle trotzdem nennen, vor zwei Wochen zur besten Sendezeit als sogenannter "Sozialschmarotzer" zu sehen. "Arbeitsloser des Jahres" stand in goldenen Buchstaben auf dem schwarzen Shirt, das er trug, als er sich mit Paul Ronzheimer, dem Vize-Chefredakteur von "Bild" traf, um über sein angebliches Leben mit Bürgergeld zu sprechen. Ob es ihm nichts ausmache, dem Staat "auf der Tasche" zu liegen, fragte Ronzheimer den jungen Mann, woraufhin dieser begegnete: "Nee, eigentlich nicht. Ist mir relativ egal eigentlich."

Tatsächlich erhielt Sat.1 schon kurz nach der Ausstrahlungen recht eindeutige Beweise, die nahelegten, dass Berkard in Wirklichkeit gar kein Bürgergeldempfänger ist und er sich die ganze Geschichte nur ausgedacht hat. Urkundenfälschung habe er nicht betrieben, beteuert er, wohl aber falsche Dokumente vorgelegt, die augenscheinlich echt genug wirkten, um die Redaktion im Glauben zu lassen, dass es sich bei Yannis Berkard tatsächlich um einen Bürgergeldempfänger handelt.

Dass die Redaktion überhaupt auf ihn aufmerksam wurde, hat mit seinen Social-Media-Kanälen zu tun, auf denen Berkard schon im vergangenen Jahr jene Rolle einnahm, mit der man ihn später auch im Fernsehen sah – nicht nur in Sat.1, sondern auch in Boulevardmagazinen von ARD und ZDF, die ebenfalls auf die Lügenstory des Hannoveraners reingefallen waren. Das ZDF - gerade erst wegen eines KI-Skandals in aller. Munde - nahm einen "Hallo Deutschland"-Bericht über Berkard inzwischen offline aus dem Netz. Auf seinem Instagram-Kanal hat Berkard ihn bis heute ganz oben angepinnt, versehen mit dem Kommentar: "Wenn ZDF das sagt, muss es stimmen."

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Doch wie kommt ein junger Mann überhaupt dazu, sich öffentlich so darzustellen wie Yannis Berkard dies tat? Als DWDL.de ihn telefonisch erreicht, spricht er davon, er habe sich am Jobcenter rächen wollen, weil es ihm vor einem Jahr einen Bürgergeldantrag verweigerte. Den habe er, so versichert es Berkard, tatsächlich gestellt - er wollte die finanzielle Hilfe nur für eine Übergangszeit beantragen, in der er sich beruflich neu orientierte. Weil Berkard jedoch ein zweites Wohneigentum besitzt, in dem Verwandte leben, sei der Antrag abgelehnt worden. Verkaufen wollte er das Eigentum jedoch ebensowenig wie seine Verwandten vor die Tür zu setzen, erzählt er. Und überhaupt wäre das so kurzfristig ja ohnehin nicht möglich gewesen. "Da war ich dann ein bisschen sauer und habe begonnen, aus dieser Prämisse einen Social-Media-Auftritt zu machen, um den Ruf des Jobcenters ein wenig zu verschlechtern, weil ich mich im Stich gelassen fühlte."

Von da an präsentierte sich Berkard unter anderem auf TikTok öffentlich als Arbeitsloser. Das, sagt er, habe auch gestimmt. "Der einzige Knackpunkt war, dass ich kein Bürgergeld empfangen konnte." Die Aufmerksamkeit hatte der vermeintliche "Bürgergeld-Influencer" seitdem auf seiner Seite – bis zu eine Million Abrufe zählten die Clips, die er in den darauffolgenden Monaten veröffentlichte. Und so dauerte es nicht lange, bis die ersten Redaktionen auf ihn aufmerksam wurden. "Irgendwie lag ich plötzlich in den Karteien vieler Sender und Medienhäuser ganz oben und wurde sehr häufig angesprochen." Selbst die "Zeit" habe sich gemeldet – und auch bei der RTLzwei-Dokusoap "Armes Deutschland" hatte man offenbar ein Auge auf Berkard geworfen. "Als die ersten Sender und Redaktionen auf mich zugekommen sind, habe ich die Chance ergriffen, das Jobcenter öffentlich schlecht dastehen zu lassen", sagt Berkard. Mit dieser Form von negativer Publicy habe er es der Behörde "quasi heimzahlen" wollen.

 

 "Ich habe mehr ein schlechtes Gewissen als Angst vor juristischen Schritten."

 

Wirklich groß wurde die öffentliche Aufmerksamkeit letztlich aber erst durch die "Ronzheimer"-Ausstrahlung in Sat.1, in der der Journalist sogar Manuela Schwesig (SPD), die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, mit den umstrittenen Aussagen von Yannis Berkard konfrontierte. "Ich habe die Ausmaße unterschätzt", räumt er rückblickend im Gespräch mit DWDL.de ein. "Dass mein Auftritt so hohe Wellen schlägt, hätte ich mir nicht vorstellen können." Gleichzeitig sei er sich durchaus bewusst gewesen, dass seine Aussagen "gut für die Sendung" seien, "weil sie eine klare Meinung drin haben".

Bereut er seiner TV-Auftritte nun also? Ganz so eindeutig fällt Berkards Antwort auf diese Frage nicht aus. "Es tut mir leid, dass viele Bürgergeldempfänger durch mich in ein falsches Licht gerückt worden sind", sagt er und gibt sich im Gespräch mit DWDL.de zunächst selbstkritisch: "Es ist natürlich nicht ganz so cool gelaufen – gerade auch für den Ruf der Sender." Gleichwohl, fügt er hinzu, sei die "Ronzheimer"-Folge mit ihm die bislang erfolgreichste gewesen. "Ich hatte also mit einem polarisierenden Auftritt wahrscheinlich einen guten Anteil daran, dass die Einschaltquoten erheblich gestiegen sind." Eher unwahrscheinlich, dass dieses Argument den Sender besänftigen wird. Der hat inzwischen angekündigt, rechtliche Schritte prüfen zu wollen. Ob ihn das besorgt? "Ich würde lügen, wenn ich Nein sagen würde", gibt Yannis Berkard zu. "Ich habe allerdings mehr ein schlechtes Gewissen als Angst vor juristischen Schritten."

Das Kapitel möchte der 25-Jährige nun möglichst schnell hinter sich lassen. In Zukunft will er mit dem Streamen beginnen und sich weiter auf die Produktion von Videos konzentrieren, sagt Berkard. Bleibt zu hoffen, dass er es mit der Wahrheit dann etwas genauer nehmen wird.

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