Das Finale des Eurovision Song Contests war noch gar nicht zu Ende, da verschickte eine Londoner PR-Agentur schon mal ein Fazit an die Medien. Victoria Swarovski, hierzulande seit Jahren erfolgreiche Moderatorin von "Let's Dance", gehörte "zu den prägenden Gesichtern der gesamten Show-Woche", stand darin zu lesen. Ein eigentlich nicht sonderlich überraschender Fakt, immerhin führte Swarovski gemeinsam mit dem Schauspieler Michael Ostrowski durch alle drei ESC-Liveshows in Wien.

"Gemeinsam mit ihrem Co-Moderator Michael Ostrowski führte sie souverän, professionell und mit viel Humor durch eines der größten Live-Entertainment-Events der Welt", lobte die Agentur außerdem. Und damit nicht genug: Das Duo habe "große Selbstironie und ein feines Gespür für modernes Entertainment" sowie "große Entertainer-Qualitäten" bewiesen. Überdies habe sich Swarovski "mit großer Selbstverständlichkeit auf internationalem Parkett" bewegt – ein Merkmal, das die Agentur für "besonders bemerkenswert" erachtete.

Nun muss man wissen, dass Victoria Swarovski bei ST-PR, so der Name der Agentur, unter Vertrag steht. Dass sie für ihren Star entsprechend trommelt, wenn er die größte Musikshow der Welt präsentiert, ist also wenig überraschend. Die Penetranz, mit der man die Presse über Swarovskis Leistung in Kenntnis zu setzen versuchte, verwunderte dann aber doch. Zumal ST-PR seine Lobeshymne nicht nur am späten Samstagabend verschickte, sondern dies auch schon nach den beiden Halbfinalshows tat.

"Victoria Swarovski überrascht mit Gesangs-Comeback beim Eurovision Song Contest", hieß es nach der Sendung vom Dienstag, in der die Moderatorin zusammen musikalisch auf die Verwechslungsgefahr zwischen Austria und Australia hinwies. Zwei Tage später folgte dann schon die nächste Mitteilung, diesmal versehen mit folgender Überschrift: "Victoria Swarovski begeistert beim zweiten Semi-Finale mit Humor, Glamour und musikalischer Vielseitigkeit". "Souverän, charmant und mit viel Humor" habe sie durch die Show geführt, "eindrucksvoll ihre Vielseitigkeit als Entertainerin unter Beweis" gestellt und "ihre internationale Souveränität als Moderatorin" unterstrichen.

Da stellt sich die Frage, ob die Moderationen nicht eigentlich für sich selbst stehen könnten, wenn sie denn tatsächlich von derart bemerkenswerter Großartigkeit gewesen sein sollen. Braucht es angesichts dieses augenscheinlichen Bühnentalents wirklich so viel PR-getünchtes Lob – oder sollten die weltweiten Beobachter nicht vielmehr von selbst zu dem Schluss kommen, den die Londoner Agentur in ihren Pressemitteilungen erweckt?

"Was ist das Gegenteil von Chemie?"

Graham Norton © IMAGO / TT Graham Norton
Nun, zumindest der "Spiegel" war nach dem ersten Halbfinale der Auffassung, dass die Moderation von Swarovski und Ostrowski "leider wenig Amüsant-Erinnerliches" bot. Und Graham Norton - der britische Star-Kommentator, der 2023 noch selbst durch die Finalshow führte - ließ sich am Samstagabend immer wieder zu hämischen Lästereien über seine Nachfolger hinreißen und setzte gleich zu Beginn den Ton. So sei das Moderieren einer Fernsehsendung eigentlich "keine Raketenwissenschaft - bis man sieht, wie diese beiden das anstellen", sagte Norton und stellte die Frage in den Raum, was eigentlich "das Gegenteil von Chemie" sei.

Auch mit dem als Running Gag gemeinten Spiel der beiden, den gesamten Abend über frühere ESC-Songtitel in ihren Moderationen unterzubringen, konnte Norton erkennbar wenig anfangen. "Das haben sie tatsächlich geprobt. Ich dachte, sie würden das weglassen und dieses nervige Spiel nicht vier Stunden lang spielen. Tun sie aber doch", ätzte er.

Und selbst Swarovskis Outfits, versehen mit millionenschweren Schmuckstücken, mit denen sie nach Angaben ihrer Agentur am Samstagabend "besondere Akzente" setzte, boten Anlass für Nortons Spott: Er habe gehört, dass die Moderatorin an diesem Abend Schmuck im Wert von 4,5 Millionen Euro trage. Das, so der BBC-Kommentator, erscheine ihm jetzt allerdings "unwahrscheinlich". Die Pressemitteilungen aus London haben Graham Norton also augenscheinlich zu spät erreicht. Wenn nicht, dann dürften sie ihm zumindest herzlich egal gewesen sein.