Die gute Laune wollte sich Sarah Engels nach ihrem drittletzten Platz beim Eurovision Song Contest erkennbar nicht vermiesen lassen. Auf die Frage des Schweizer Kommentators Sven Epiney, wie hart es sei, wenn "nicht so viele Punkte kommen wie man sich wünscht", antwortete die Sängerin betont ausweichend: "Du, ich hatte einiges zu tun", sagte Engels und führte aus: "Ich hatte eine Tüte voller Süßigkeiten. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu essen, ich hab richtig reingehauen."
Sprach's, wünschte noch viel Spaß und verabschiedete sich kurz darauf in Richtung Aftershow-Party. Was hätte sie auch sagen sollen? Tatsächlich hatte Engels zuvor eine gute Show auf der großen Bühne in der Wiener Stadthalle performt. Stimmlich stark liefert sie als zweiter Act des Abends einen fehlerfreien Auftritt ab. Nur mit den Punkten wollte es, wie so oft bei deutschen Interpreten in der Vergangenheit, nicht klappen: Gerade einmal zwölf sind es am Ende geworden, davon kein einziger vom Publikum.
Es war, das muss man leider sagen, eine Enttäuschung mit Ansage, die Ende Februar beim Vorentscheid in Berlin, dem sogenannten "deutschen Finale", ihren Lauf nahm. Erkennbar darauf angelegt, dass Sarah Engels nach Wien fahren wird, erhielt die mit Abstand bekannteste Starterin die meisten Stimmen des deutschen Publikums. Dabei konnte man schon damals gewarnt sein: Trotz ihrer 1,8 Millionen Instagram-Follower im Rücken landete sie mit ihrem Song "Fire" nur knapp vor Wavvyboy. Es war wohl ein Alarmsignal, dass diese langhaarige blonde, aber eben auch bei den meisten Zuschauern unbekannte Erscheinung mit ihrer gefälligen Rocknummer durchaus Eindruck schindete bei den hiesigen ESC-Fans. Als haushohe Siegerin reiste Sarah Engels also nicht nach Wien.
Seit dem späten Samstagabend wissen es nun alle: Die zahlreichen Follower, die Engels zur Krone im Vorentscheid verhalfen, reichten beim Finale in Wien nicht, um aus dem überaus starken internationalen Umfeld herauszustechen. Zu beliebig, zu austauschbar kam "Fire" daher. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass das SWR-Team den durchaus eingängigen Song noch einmal überarbeitete und die Performance mit Trickkleid, Sturz-Stunt und Windmaschinen aufzupeppen versuchte. Am Ende wirkte "Fire" dennoch wie die mittelmäßige Kopie von "Fuego", jenem Beitrag aus dem Jahr 2018, der Zypern einst den zweiten Rang bescherte.
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Wiederholung von 2018: Eleni Foureira singt "Fuego" beim Eurovision Song Contest in Lissabon.
Um den ESC zu gewinnen oder mindestens eine solide Platzierung zu erreichen, braucht es aber eben mehr als einen Aufguss vergangener Tage. Gut zu singen alleine reicht augenscheinlich im Jahr 2026 noch nicht einmal, um zumindest eine nennenswerte Zahl an Jurypunkten zu erhalten. Ganz zu schweigen davon, sich im Gedächtnis des internationalen Publikums zu verankern. Tatsächlich belegt der Sieg der bulgarischen Sängerin Dara, dass das Erfolgsrezept beim Eurovision Song Contest auch darin liegt, den Wettbewerb um neue, mutige Facetten zu bereichern. "Bangaranga", am ehesten mit dem Wort "Unruhestifterin" zu übersetzen, blieb auch wegen einer spektakulären, weitgehend im Sitzen absolvierten Performance im Kopf. Das passt zur Generation TikTok, in der verrückte Tänze regelmäßig trenden. Dass die ESC-Jurys erstmals aus zwei Mitgliedern bestehen mussten, die zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, dürfte dem bulgarischen Beitrag zusätzlich zugutegekommen sein.
Nun darf man gespannt sein, welche Lehren der SWR aus dem diesjährigen Ergebnis ziehen wird. Der Sender hatte nach fast drei Jahrzehnten die ESC-Federführung innerhalb der ARD übernommen, setzte bei seiner Auswahlprozedur aber letztlich mehr auf Evolution als Revolution. Die aber wird nötig sein, will man Deutschland beim Eurovision Song Contest perspektivisch zu zwölf Punkten verhelfen – nicht, wie diesmal, in Gänze, sondern in den Votings möglichst vieler einzelner Länder. Möchte der SWR erfolgreich sein, wird er, um es im Duktus des diesjährigen Siegersongs zu sagen, in Zukunft viel mehr Unruhe stiften müssen.
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