Der Weg in die Zukunft des mobilen Entertainments führt mitten durchs Dorf, vorbei an Springbrunnen und akkurat gestutzten Vorgartenhecken. Kurz vor der Ortsausfahrt, gegenüber von Freibad und Campingplatz, liegt inmitten eines kleinen Parks ein lang gezogenes Gebäude, das mit seinen weiten Fensterfronten und den Holzvertäfelungen auf dunkelgrauem Beton auch als Boutique-Designhotel durchgehen könnte. Ein Eindruck, der sich beim Betreten des "The Barn Kitchen" genannten Cafés im Mittelgeschoss noch verfestigt: Der perfekte Blend aus Schwarzwald-Chic mit Berlin-Mitte-Vibes könnte Matcha Latte für acht Euro ausschenken – und ist doch nur die Studiokantine.

Nina und Sebastian Weiland servieren Cappuccino und Wasser, ehe sie an einem der Holztische Platz nehmen. Sie sind gerade aus Cannes zurückgekommen, wo sie ihre Black Forest Studios am Rande der Filmfestspiele mit gesundem Selbstbewusstsein als Europas erstes vollintegriertes Microdrama-Studio präsentiert haben. Ihre unlängst fertiggestellte Mystery-Thriller-Serie "Path of the Lost" hat dem Vernehmen nach drei amerikanische Kaufinteressenten auf den Plan gerufen. Wie man mit Hollywood verhandelt, wissen die Weilands. Schließlich haben sie die Hälfte ihres Lebens dort verbracht.

Als unzertrennliche Einheit muss man sich das Freiburger Unternehmerpaar mit sieben Kindern zwischen fünf und Anfang 30 schon seit der Grundschule vorstellen. Nach dem Abi jobbte er als Beleuchter und Kameraassistent, während sie Schauspiel und Tanz studierte. Mit Anfang 20 zog es beide zum Filmstudium ans Columbia College Hollywood. Es war die goldene Zeit der Werbespots und Musikvideos, also setzten Nina als Regisseurin und Sebastian als Director of Photography jede Menge schnelle Autos in Szene, zwischendurch auch Popstars wie Michael und Janet Jackson. Die Entscheidung, dauerhaft in LA zu bleiben, fiel 1997 mit Gründung der eigenen Produktionsfirma Kosmo Films, die Audi, Chrysler, Maserati, Mercedes und Porsche, aber auch Nike, Bosch, Siemens und die Deutsche Bank zu ihren Kunden zählte.

"Auch in der Werbung geht es um die kurze Form, die schnelle Message, die starke Emotion. Das hat uns schon immer besonders gereizt", stellt Nina Weiland die Querverbindung zur heutigen Hauptaktivität her. "Der wesentliche Unterschied liegt im Budget", schmunzelt ihr Mann. "In LA hatten wir Riesensets, oft mit mehreren Sattelschleppern zum Transport der Hero Cars für die ganz großen internationalen Auto-Spots. Das muss man mal erlebt haben, um heute froh zu sein, dass man auch mit ganz kleinem Besteck und hohem Tempo tolle Ergebnisse erzeugen kann."

Nina und Sebastian Weiland © Black Forest Studios "Nicht um Aufträge betteln": Nina und Sebastian Weiland gründeten 2020 die Black Forest Studios
Nach 25 Jahren in Kalifornien wuchs bei den Weilands die Sehnsucht nach der Schwarzwälder Heimat. Ohne die Zelte in LA ganz abzubrechen, verlagerten sie ihren Mittelpunkt 2018 wieder nach Freiburg – allerdings nicht als normale Filmschaffende. "Als wir zurück nach Deutschland kamen, wollten wir uns nicht in eine Situation begeben, wo wir um Aufträge betteln müssen", sagt Sebastian Weiland. "Wir wollten eine eigene Infrastruktur schaffen, die möglichst integriert und autark funktioniert." Auf der langen Suche nach dem passenden Quartier stießen sie schließlich auf das leerstehende Kurhaus von Kirchzarten. Wo heute sieben Studios mit 3.000 Quadratmetern Gesamtfläche, großzügigen Postproduktionsanlagen und Event-Flächen, einer Bowlingbahn im Keller, Wald und Bergen vor der Tür stehen, musste mitten im ersten Corona-Lockdown 2020 erstmal gründlich renoviert werden. Solange an Dreharbeiten kein Gedanke war, hielten sich die frisch gegründeten Black Forest Studios mit Takeout-Gastronomie und 3G-Partys über Wasser.

Seither ist das Filmleben in der beschaulichen Schwarzwald-Gemeinde angekommen. Deren Stolz erkennt man daran, dass der Wegweiser "Filmstudios" auf sämtlichen Verkehrsschildern prangt. Ziegler Film drehte hier "Homeshopper's Paradise" mit Nastassja Kinski, Beatrice Egli eines ihrer Musikvideos. Für "Morden im Norden" übernahm man Teile der Nachbearbeitung, für die Netflix-Serie "Biohackers" Produktionsservices. Im internationalen Glanz erstrahlten die Black Forest Studios, als der US-Dokumentarfilm "Navalny" 2022 ins Kino kam und im Folgejahr den Oscar gewann. Unter strikter Geheimhaltung und von Geheimdiensten abgeriegelt, waren die Interviewsequenzen mit Alexei Navalny im Studio der Weilands aufgezeichnet worden, während der russische Oppositionsführer nach dem Giftanschlag von 2020 zur Kur im Schwarzwald weilte. Seinen letzten Abend in Freiheit verbrachte er am Tresen der Barn Kitchen.

 

Amerikanische oder asiatische Microdrama-Inhalte lassen sich nicht eins zu eins auf den deutschen Markt übertragen.
Nina Weiland, Produzentin, Autorin & Regisseurin

 

Neben dem gut laufenden Studio- und Eventgeschäft sowie der Werbefilmproduktion entdeckten Nina und Sebastian Weiland Anfang 2025 fast nebenbei, was sich für sie wie die eigentliche Bestimmung ihrer Black Forest Studios anfühlte: den wachsenden Hype der Vertical-Drama-Apps, die auf Expansionskurs von China in Richtung US-Markt steuerten. Die vorhandene Ausstattung im eigenen Haus schien ihnen geeignet, um eine skalierte Produktionsweise aufzubauen, wie sie etwa das Vorbild Crazy Maple Studio leistet. Die kalifornische Tochter des chinesischen Digitalkonzerns COL Group entwickelt und produziert über hundert Microdrama-Serien im Jahr, die dann über die eigene App ReelShort ausgespielt werden.

Mountain Medical Klinik © Black Forest Studios "Europäische Werte": Zum Slate zählt die "Mountain Medical Klinik"
Nina Weiland, die zuvor auch Filmdrehbücher geschrieben hatte, analysierte Hunderte solcher Hochkant-Serien und richtete einen Inhouse-Writers'-Room ein, um die ersten Stoffe zu entwickeln. "Amerikanische oder asiatische Microdrama-Inhalte lassen sich nicht eins zu eins auf den deutschen Markt übertragen", so ihre Überzeugung. "Wir setzen auf europäische Werte und europäisches Talent, wollen etwas cooler daherkommen und einen hohen visuellen Qualitätsanspruch umsetzen." Den erprobte Sebastian Weiland parallel mit verschiedenen Kameras per Trial & Error. Um sich von der bislang gängigen Massenware abzugrenzen, spricht er gern von "Premium Microdrama". Was freilich nicht heißt, dass die Produktionskosten höher liegen. Eine Serienstaffel mit 40 Episoden à zwei bis drei Minuten stellen die Weilands und ihre elf Angestellten mittlerweile in sieben bis acht Drehtagen her – je nach Außendrehanteil für 100.000 bis 150.000 Euro.

 

Noch investieren wir Zeit und Geld, um überhaupt erstmal einen Markt zu schaffen und Aufmerksamkeit auf Microdramas zu lenken.
Sebastian Weiland, CEO der Black Forest Studios

 

Auf seinem Laptop führt Sebastian Weiland Ausschnitte aus "Path of the Lost" vor, mit denen er schon in Cannes zu beeindrucken wusste. Zu sehen sind fünf Jugendliche auf Wochenendtrip im Schwarzwald, die nichts ahnend  in die übernatürliche Katastrophe marschieren, als sie sich immer tiefer im Wald verirren. Die Überreste der nachgebauten Bäume haben Mitarbeiter erst am Tag zuvor aus dem Studio gekehrt. Durch hybride Bilderweiterungen per KI ist für Zuschauer nicht mehr erkennbar, welche Einstellungen im echten Wald und welche im Studio gefilmt wurden. Als Weiland abermals auf Play klickt, kommt es zur Überraschung: Ein und dieselbe Szene läuft erst im Format 16:9, dann in 9:16. Anders als das Gros der chinesisch-amerikanischen Produktionen dreht er nicht vertikal, sondern im klassischen Filmformat. Das Cropping zum Hochkant-Bild besorgt in der Postproduktion ein KI-Tool. Dahinter steckt nicht nur der Wunsch nach hochwertigerer Ästhetik, sondern mindestens ebenso die kaufmännische Flexibilität, eine Serie jenseits des Vertical-Hypes auch noch anderweitig auswerten zu können.

In Produktion haben die Black Forest Studios momentan die Krankenhausserie "Mountain Medical Klinik", die Familien-Soap "Black Forest Royale" und den Horror-Thriller "Dark Shades of the Outer Forest". In Vorbereitung sind der Action-Thriller "Guts", der teilweise am Gardasee gedreht werden soll, das Ski-Drama "House of Freestyle" oder die Young-Adult-Comedy "Triple Trouble". Bis Jahresende sollen etwa zehn Serien komplett fertiggestellt sein, ab 2027 peilt man eine Schlagzahl von zehn bis 15 Serien pro Jahr an.

Wann genau es an die Auswertung geht, ist derweil noch offen. Die direkte Distribution der Verticals gehört erklärtermaßen zum vollintegrierten Studiomodell dazu. Zu diesem Zweck lassen die Weilands mit weiteren Partnern in München eine App nach dem Vorbild von ReelShort, DramaBox & Co. entwickeln. Ginge es rein nach der Technik, so könnte die App wohl im Laufe des Sommers erscheinen. Allerdings sucht man noch nach weiteren Investoren, weil die Veröffentlichung sich erst dann lohnt, wenn man genügend Budget in einen internationalen Rollout und das entsprechende Marketing stecken kann.

Unterdessen testet das Black-Forest-Team seine Stoffe schon mal auf kleinerer Flamme. Clips aus "Path of the Lost", "Mountain Medical Klinik" und anderen Titeln laden die Kirchzartener regelmäßig auf TikTok, Instagram, YouTube und Facebook hoch, um Feedback zu sammeln und eine Fanbase aufzubauen. In den Kommentaren finden sich neben vielen Herzchen auch Bewerbungen von Schauspielern und eine Einladung zum Vertical-Drama-Podcast. "Noch investieren wir Zeit und Geld", sagt Sebastian Weiland, "um überhaupt erstmal einen Markt zu schaffen und Aufmerksamkeit auf das Format Microdrama zu lenken."

Bisher bei »Vertical Drama – Megatrend oder Strohfeuer?«