Es gehört zu den langjährigen Klassikern der Seriencamp Conference: Im Rahmen von "Work in Progress" gewähren Macherinnen und Macher einen Ausblick auf derzeit noch in Arbeit befindliche neue Serien, darunter diesmal gleich drei Produktionen des ZDF sowie je eine für Prime Video und Netflix. Zu den mit größter Spannung erwarteten Projekten gehört dabei sicherlich "Die Falle" (bzw. international "The Trap"), schon allein wegen des dahinter stehenden Leute: Es ist die neue Serie des Teams von "Liebes Kind", das damals übrigens ebenfalls bei "Work in Progress" präsentiert wurde und Netflix später nicht nur sensationelle weltweite Abrufzahlen, sondern dem Team auch einen International Emmy einbrachte.
"Die Falle": Weniger Explosion, mehr Psychologie
Ziemlich großer Druck also, da jetzt etwas nachzulegen - oder? Produzent Friederich Oetker von Constantin Film nimmt es entspannt: "Ich würde sagen, das nimmt den Druck eher von den Schultern. Ich will nicht überheblich klingen, aber wir haben das Ding ja jetzt schon im Regal stehen." Den nächsten Stoff nach dem Megaerfolg zu finden, war offenbar auch nicht so schwer - denn der wurde ihr schon Monate vor der Premiere von "Liebes Kind" durch Constantin Film vorgeschlagen, so Isabel Kleefeld, Autorin und Regisseurin der Serie. Der Thriller von Melanie Raabe hat sie dann direkt so gepackt, dass die Entscheidung schnell gefallen war.
Auch Lisa Kreimeyer, Director Series DACH bei Netflix, ging's bei der Lektüre ähnlich, ein echter "Pageturner" sei das gewesen und die Entscheidung, die Serie zu produzieren, daher fast ein "No-Brainer". "Wir wissen, wie sehr unser Publikum einen Thriller mit vielen Wendungen liebt", so Kreimeier. Von "Liebes Kind" unterscheidet sich die Produktion dann aber in der Tonalität doch merklich: "Mehr Psychologie, weniger Explosionen", brachte es Isabel Kleefeld auf den Punkt. Die Autorin der Buchvorlage habe ihnen dabei die Freiheit gegeben, die Story und die Figuren so anzupassen, dass sie in einer Miniserie funktionieren. Isabel Kleefeld sei es gelungen, den Kern des Romans herauszuarbeiten und zu einer spannenden Serie zu machen, lobt Produzent Oetker.
In der Serie geht's um eine berühmte Schriftstellerin, die ihr Haus seit fast zehn Jahren nicht mehr verlassen, nachdem sie Zeugin des Mordes an ihrer Schwester Anna wurde. Als sie im Fernsehen den Täter zu erkennen glaubt, versucht sie, ihm eine Falle zu stellen - mit sich selbst als Köder. "Es ist eine Geschichte über verschiedene Realitätsebenen im Kopf einer Frau: ihre Fantasie, die Rückblenden, die Handlung in der Gegenwart und der Roman, den sie gerade schreibt", so Kleefeld. Produzent Tom Spiess sagt: "Es ist eine Geschichte darüber, ob man der eigenen Vergangenheit vertraut und wie man mit seinen Obsessionen umgeht." Friederich Oetker sieht einen "Hitchcock-Vibe" in der Geschichte: "Lisa, unsere Protagonistin, ist an ihr Haus gefesselt und muss den Täter daher irgendwie anlocken. Deshalb stellt sie ihm mithilfe des Romans, den sie gerade schreibt, eine Falle."
Ob man damit nun den großen Erfolg von "Liebes Kind" aus Reichweiten-Sicht wiederholen kann? "Es wäre verrückt zu glauben, wir könnten an diesen Erfolg herankommen. Es wäre verrückt, weil das von so vielen Umständen abhängt wie Partnern, Timing, Marketing", spielt Isabel Kleefeld die Erwartungen etwas herunter. Auf einen erneuten weltweiten Erfolg hofft man freilich trotzdem. Apropos Timing: Ein genaues Startdatum konnte Lisa Kreimeyer noch nicht verraten, aber noch im Herbst dieses Jahres soll es wohl soweit sein.
"Perfekt zusammen": Das nächste Kapitel nach "Perfekt verpasst"
Große Erwartungen dürfte man auch bei Prime Video an "Perfekt zusammen" haben - schließlich ist es die Fortsetzung von "Perfekt verpasst" mit Anke Engelke und Bastian Pastewka in den Hauptrollen. Am Ende der ersten Staffel hatten sich die beiden in den Rollen als Maria und Ralf ja bekanntlich nach einer Staffel des Verpassens doch noch gefunden. "In 'Perfekt zusammen' gehen wir nun der Frage nach, ob eine Beziehung mit jemandem funktionieren kann, von dem man sich extrem unterscheidet - und das vor dem Hintergrund einer riesigen, faszinierenden Patchwork-Familie voller skurriler Charaktere", umreißt Julia Nisslein, Senior Creative Executive für German Originals bei Amazon MGM Studios, den Ansatz der Fortsetzung.
Zumindest den Autoren hat das Schreiben der neuen Staffel schonmal mehr Spaß gemacht als die erste, erklärte Sebastian Colley, einer der Head-Autoren. "Bei der ersten Staffel war es die Idee von Anke und Bastian, dass sie sich bis auf einige wenige Berührungspunkte nie treffen. Es war also eigentlich, wie zwei Serien zu schreiben." Diesmal habe man sich schon beim Schreiben die beiden gemeinsam in einer Szene vorstellen können und habe gewusst "Okay, das wird lustig, weil Bastian und Anke dabei sind."
Colley weiter: "Normalerweise ist es ja so: Wenn man sich eine romantische Komödie ansieht, kommen die beiden am Ende zusammen und reiten in den Sonnenuntergang. Die große Chance an der zweiten Staffel war für mich, dass wir die Zeit danach beleuchten konnten. Man baut in der ersten Folge eine enorme Spannung auf, und dann muss man eben liefern und sehen: Sind sie wirklich ein gutes Paar? Wo liegen die Probleme? Es war also irgendwie befreiend, die Gelegenheit zu haben, noch einmal ganz neu anzufangen."
Die zweite Staffel funktioniere daher auch für alle, die die erste Staffel gar nicht gesehen haben - bei Amazon hofft man daher auch, dass "Perfekt zusammen" mindestens so viele Leute erreicht wie "Perfekt verpasst", so Nisslein. Generell passe sie auch sehr gut in die Serien-Strategie von Prime Video in Deutschland, gerade in der heutigen Zeit: "Je verrückter die Welt wird, desto mehr wollen die Leute Serien, bei denen man sich wohlfühlt." Bis man "Perfekt zusammen" zu sehen bekommt, wird aber noch Zeit vergehen - momentan ist man in der Postproduktion - und da ist offenbar schon deshalb einiges zu tun, weil man im Winter gedreht hat, aber nicht nur trübe Bilder zeigen will. Julia Nissleins gut gemeinter Rat: "Drehen Sie niemals von November bis Februar!" Zudem suche man für diese Serie den perfekten Slot - und der liegt wohl erst irgendwann im Jahr 2027.
"Counsels": Anwaltsserie, Down & Dirty Style
Das ZDF stellte gleich drei neue Projekte vor. Gemeinsam mit der BBC arbeitet man an "Counsels" einer Serie über sechs junge Anwältinnen und Anwälte im schottischen Glasgow, die zusammen studiert haben und nun über verschiedene Kanzleien verstreut sind und noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Dementsprechend geht es nicht um die größten Kriminalfälle, sie bewegen sich stattdessen eher auf einem "Ground Level", erläuterte Showrunner Bryan Elsley von Balloon Entertainment. Da sie noch nicht so abgeklärt seien, gehe es trotzdem häufig auch um moralische Fragen. Und natürlich geht es auch um das Leben und die Probleme der jungen Anwältinnen und Anwälte.
"Es gibt amerikanische Anwaltsserien wie 'Suits' oder 'How to get away with murder' und es gibt englische Anwaltsserien, die meistens eine Menge an Perücken, sehr teuren Küchen und schöne reiche Leute beinhalten. Wir wollten etwas machen, das ein bisschen anders ist. Wir wollten das Tempo und die Dynamik der besten amerikanischen Justizdramen mit der Atmosphäre des Anwaltsberufs in Schottland verbinden", so Elsley.
Die Vorgabe der BBC war dabei, eine Serie aus Schottland zu drehen - dabei habe man sich bewusst nicht für Edinburgh entschieden, das ein etwas gehobeneres Image habe, sondern für Glasgow und seinen "down & dirty"-Charme. Das hat auch das ZDF angesprochen: Die rauhe und authentische Tonalität, die dabei mitschwingt, ebenso die Tatsache, dass es nicht um Charaktere gehe, die schon im Zenit ihrer Karriere stehen. "Wir wollten nicht einfach die nächste Anwaltsserie, sondern etwas modernes, lebendiges, farbenfrohes, authentisches, rasantes", so die verantwortliche ZDF-Redakteurin Katharina Kremling. Wann es das Ganze zu sehen gibt, steht noch nicht fest, die Veröffentlichung ist hierzulande erst im kommenden Jahr bei ZDFneo und natürlich im ZDF-Streamingportal geplant.
"The Reluctant Vampire": Coming-of-Age Supernatural Comedy
Noch bei einer weiteren Serie arbeitet das ZDF mit der BBC zusammen: "The Reluctant Vampire" - eine Coming-of-Age Supernatural Comedy, die auf den ersten Blick mit einer ziemlich skurrilen Storyline daherkommt: Es geht um den 15-jährigen Sprössling einer Vampir-Familie, der ein besonders Geheimnis hat: Er hat kürzlich festgestellt, dass er gar kein Vampir zu sein scheint. Es also die Umkehrung des klassischen Szenarios, in dem Vampire vorgeben, Menschen zu sein.
Das ZDF plant die Serie für ZDFneo und das Streamingportal - aber so nischig, wie es zunächst klingt, soll "The Reluctant Vampire" nicht angelegt sein. Die BBC plant eine Ausstrahlung auf BBC 1 in der Primetime, wie Richard Acton, Head of Content Partnerships bei BBC Studios, sagt. "Coming-of-Age-Geschichten sind für die BBC eine große Sache, weil sie sehr daran interessiert ist, Projekte zu realisieren, die sich für ein gemeinsames Fernseherlebnis eignen", erläutert Acton.
"Das Entscheidende ist, dass es hier für alle die Möglichkeit gibt, sich mit den Figuren zu identifizieren - auch wenn es um Vampire geht und für gewöhnlich niemand mit Vampiren zusammenlebt. Die Serie zeigt aber sehr lebensnahe Familiendynamiken: Val, die Hauptfigur, macht gerade die Phase des Erwachsenwerdens durch und lehnt sich gegen die Regeln auf, die seine Eltern aufgestellt haben. Ihre sehr traditionelle Art ist ihm ein wenig peinlich", so Acton. Diese Themen seien universell und nachvollziehbar, weil sie außerhalb des übernatürlichen Rahmens der Serie angesiedelt seien.
Die Serie werde mit gängigen Horror-Konventionen spielen und diese unterlaufen. "Das dürfte vor allem ein erwachsenes Publikum ansprechen, das die entsprechenden Anspielungen zu deuten weiß. Für Kinder hingegen führt der Weg über Val und seine Geschichte in die Handlung, es gibt auch einen romantischen Nebenstrang. Zudem funktioniert der Humor auf verschiedenen Ebenen, sodass auch Kinder ihren Spaß daran haben werden", erklärt Acton die Hoffnung auf einen generationsübergreifenden Erfolg.
Nun gehört Comedy generell zu den Genres, die es am schwierigsten haben, länderübergreifend zu funktionieren - schließlich funktionieren die meist über Dialoge, die Synchronisierung ist also eine besondere Herausforderung. Yi Qiao, Redakteurin für internationale Koproduktionen beim ZDF sieht für "The Reluctant Vampire" aber gute Chancen: "Die Serie gehört zu einem Genre, das ich als 'Accessible Comedy' bezeichnen würde, da sie Comedy mit einem Genre verbindet, das unserem Publikum bereits vertraut ist. Vampire und die damit verbundenen Motive und Klischees sind jedem ein Begriff. Man hat einerseits die körperbetonte Komik, aber eben auch die Dialoge, bei denen man etwas 'Magie' anwenden muss, damit die Synchronisation funktioniert." Für diese Synchronisation wird man sich dann auch etwas Zeit nehmen: Während der Start in Großbritannien schon zu Halloween geplant ist, wird man hierzulande noch etwas länger auf "The Reluctant Vampire" warten müssen.
© Seriencamp/Jo Hannes Klingelhöfer
Nicolas Steil, Katarzyna Ozga (beide Iris Procutions), Siegfried Kamml (Syrreal Entertainment), Claus Wunn (ZDF)
"Droneland": Wenn die Wirklichkeit die Dystopie einzuholen droht
Viel düsterer geht's beim dritten Projekt mit ZDF-Beteiligung zu: "Droneland" ist eine Near-Future-Serie, in der EU jeder mithilfe von Drohnen und Künstlicher Intelligenz überwacht wird. Mithilfe dieser hochentwickelten Technologien versuchen zwei Europol-Agenten den Mord an einem EU-Abgeordneten aufzuklären. Dabei kommen sie einer Tech-Verschwörung auf die Spur, wie Produzentin Katarzyna Ozga erläuterte. Inhaltlich gehe es in der Serie um das Dreieck aus Freiheit, Sicherheit und Kontrolle - also die große Frage, ob Freiheit oder Sicherheit wichtiger sei und wer die Kontrolle über all das habe, so Nicolas Steil, der gleichzeitig Autor, Regisseur und Produzent ist.
Das überraschendste daran: An der Serie arbeiten die Macher schon seit zehn Jahren, der Bestseller "Drohnenland" von Tom Hillenbrand, auf dem die Serie basiert, ist sogar schon 2014 erschienen. Damals war kaum abzusehen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens der Serie zwei Kriege geführt werden, in denen Drohnen die maßgebliche Waffen sind und dass KI das leistet, wozu sie heute bereits imstande ist. "Als wir angefangen haben, wollten wir eine Dystopie drehen, die wir in der nahen Zukunft spielen lassen. Aber diese nahe Zukunft rückte tatsächlich immer näher - das war wirklich beängstigend", so Steil.
Er sei von der Zukunfts-Vision, die Hillenbrand in seinem Buch entwirft, direkt fasziniert gewesen, erklärt Steil. Sie sei düster, aber interessant. Das Problem war, sie in die heutige Zeit zu übertragen, fügt Siegfried Kamml, Produzent von Syrreal Entertainment hinzu. Kamml: "Der Roman war großartig, wurde aber von der Realität der Gegenwart völlig überholt. Wir mussten die Drehbücher im Grunde monatlich umschreiben, weil sich viele Dinge tatsächlich schneller entwickelten, als wir es uns hätten vorstellen können. Zudem gibt es weltweit Politiker, die noch verrückter sind als die verrücktesten Figuren unserer Serie. So kam es, dass es am Ende allein für die erste Episode 39 Drehbuchfassungen gab."
Die Serie unterscheide sich nun also deutlich von der einstigen Buch-Vorlage, auch an den Charakteren habe man gearbeitet und beispielsweise weibliche Rollen gestärkt. Hillenbrand sei damit aber einverstanden - auch das ja nicht immer eine Selbstverständlichkeit, wie man schon bei anderen Serien-Großprojekten miterleben konnte. Anspruch war es, eine realistische Zukunftsvision darzustellen, keine klischeehafte, so Kamml. Allzu lange Zeit lassen sollten sich MagentaTV und das ZDF mit der Ausstrahlung nun angesichts der rasanten Entwicklungen aber offensichtlich nicht mehr - und tatsächlich ist auch schon ein Veröffentlichungstermin im September ins Auge gefasst. Das ZDF folgt dabei offenbar ohne großen Zeitverzug nach MagentaTV, so ZDF-Redakteur Claus Wunn.
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