Gleiche Location, noch mehr Einblicke: Direkt im Anschluss an die Kölner Seriencamp Conference ist das Programm in diesem Jahr erstmals um ein neues Branchenformat erweitert worden - um Plot Next, ein neues Branchenformat vom Team des Seriencamps, gefördert von der Film- und Medienstiftung NRW. Zwei Tage lang ging es im Kölner Cinenova um die drängende Branchen-Frage, "wie künstliche Intelligenz und technologische Innovationen nicht nur Produktionsprozesse, sondern auch Entwicklung, Distribution, Marketing und kreative Zusammenarbeit grundlegend verändern".
Dabei waren die Veranstalter erkennbar bemüht, einen möglichst großen Bogen zu schlagen. So ging es zum Abschluss am Freitag auch darum, wie die Studio Hamburg Serienwerft inzwischen KI für die Produktion ihrer ARD-Dailysoap "Rote Rosen" nutzt. Für die Produktionsfirma beginnt die Herausforderung zunächst mit der schieren Menge an Inhalten: Hunderte Episoden pro Jahr, tausende Drehbücher über fast zehn Jahrzehnte Hinweg und eine entsprechend große Zahl an Videomaterial. "KI ist vor allem eine Technologie üfr große Datenmengen", beschrieb Jan Diepers, seit über fünf Jahren Geschäftsführer der Studio Hamburg Serienwerft, die Ausgangslage. Genau deshalb seien Dailysoaps ein ideales Testfeld, schließlich entstehen hier immerzu neue Inhalte, sodass Prozesse laufend verbessert werden können.
Erstaunlicherweise setzt die KI bei "Rote Rosen" nicht dort ein, wo man vermuten könnte, nämlich beim Schreiben der Geschichten. Hier werde es noch sehr lange professionelle Autorinnen und Autoren brauchen, beschwichtigte Diepers. Stattdessen hilft die künstliche Intelligenz etwa bei der Strukturierung und Durchsuchung des umfassenden Materials. Dabei geht es auch um den Faktor Zeit - und vor allem dessen permanenten Mangel. So rechnet Diepers vor, dass mehr Mitarbeitende nicht zwangsläufig die Produktivität erhöhen, wenn alle dieselben Drehbücher lesen und dieselben Informationen verarbeiten müssen. Hier soll die KI ansetzen: Sie soll jedem die für ihn relevanten Informationen liefern.
Seit einiger Zeit arbeitet die Serienwerft mit Johannes Lackner zusammen, dessen Schweizer Unternehmen Decamerone eine Software entwickelt hat, die speziell auf die Bedürfnisse einer Daily-Produktion zugeschnitten ist. Das System verarbeitet nicht nur Drehbücher, sondern auch fertige Episoden und Videomaterial, denn zwischen Skript und Ausstrahlung können sich Dialoge, etwa durch Improvisation, verändern – und auch diese Abweichungen sollen Teil des "Gedächtnisses" der Produktion sein. Der Anspruch, das zeigen die Anwendungsbeispiele bei "Plot Next", das geht dabei deutlich über die Möglichkeiten klassischer Chatbots hinaus. Während große Sprachmodelle einzelne Szenen oder Episoden gut zusammenfassen können, verlieren sie bei jahrzehntelangen Handlungsbögen schnell den Überblick. Die entwickelte Software soll dagegen Charakterentwicklungen über viele Staffeln hinweg nachvollziehen können - etwa wie sich eine Figur über Jahre verändert hat oder welche Ereignisse für aktuelle Storylines relevant sind.
Der eigentliche Mehrwert liegt jedoch deutlich früher im Produktionsprozess. So kann die KI von Decamerone etwa analysieren, welche Szenen aus organisatorischen Gründen von einem Studiomotiv auf einen Außen-Drehort verlegt werden könnten und gleichzeitig prüfen, ob dies dramaturgisch überhaupt sinnvoll wäre. Das System bewertet also nicht nur Verfügbarkeiten und Produktionslogistik, sondern berücksichtigt auch die Handlung und das Wissen der Figuren.
btf will mehr Raum für Experimente schaffen
© DWDL / Alexander Krei
Matthias Murmann und Julian Schleef
Auch in der praktischen Umsetzung soll KI vor allem Prozesse erleichtern. Murmann und Schleef nannten Beispiele aus der Vorproduktion, bei denen Pilotfolgen oder Szenen bereits vor dem eigentlichen Dreh visualisiert werden, um Erzählstrukturen zu überprüfen. Der Fokus liege dabei nicht auf Kostensenkung, sondern darauf, kreative Ressourcen gezielter einzusetzen und mehr Raum für Experimente zu schaffen.
Trotz aller technologischen Möglichkeiten betonten sie, dass die entscheidenden Impulse weiterhin vom Menschen kommen. Wenn heute nahezu jeder spektakuläre Bilder erzeugen könne, gewinne die eigentliche kreative Leistung sogar an Bedeutung. Geschichten, Figuren und eine klare künstlerische Handschrift würden zum entscheidenden Unterscheidungsmerkmal. KI sei dabei kein Ersatz für Kreativität, sondern ein Werkzeug, um Ideen schneller sichtbar zu machen und kreative Prozesse zu beschleunigen.
Und wie geht es nun weiter? "Es ist schwierig, einen Blick in die Zukunft von etwas zu werfen, das sich alle zwei oder drei Wochen verändert", räumte Julian Schleef ein. Das Wichtigste sei jedoch, dass die Menschen keine Angst vor Veränderung hätten. Seine abschließende Forderung: "Wir müssen die Denkweise fördern, dass die Menschen offen dafür sind, neue Dinge zu erkunden, neue Arbeitsabläufe zu lernen und damit zu experimentieren, anstatt zu sagen: 'Das haben wir schon immer so gemacht, lasst es so bleiben.'"
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