Die Zivilisation hat einen weiteren Entwicklungsschritt gemacht, der sich in ihrer Serienunterhaltung widerspiegelt: Menschen – sogar sehr junge – dürfen psychische Probleme haben und mehr noch: drüber reden. Zunehmend sogar in Film und Fernsehen. Besonders für die schwer gebeutelte, ebenso unter- wie überschätzte Generation Z ist das ein guter, wichtiger, womöglich schmerzhafter, aber tendenziell empowernder Schritt. Eigentlich. Denn Serien wie „Euphoria“ und „Euphorie“, „Everything Now“ oder „Hungry“ haben einen Mangel gemeinsam: seelenwunde Teenager sind darin zumindest hoch droben auf der Besetzungsliste vorwiegend weiblich.
Auch deshalb hat der öffentlich-rechtliche Jugendkanal Funk gemeinsam mit NDR und RBB ein Format entwickelt, um diese Gleichberechtigungslücke der Geschlechter – nennen wir sie Mental Issue Gap – zu schließen. Sein Arbeitstitel heißt „GymBros“ und kennzeichnet drei große Jungs um die 16 an einem Ort, den Gleichaltrige in Nord oder Süd, Stadt oder Dorf, Sozialwohnung oder Speckgürtelvilla häufig als zweites Zuhause betrachten: das Fitness-Studio. In unserer postpostheroischen Epoche optimieren schließlich nicht mehr nur Frauen, sondern auch Männer permanent ihre Körper.
Diese hier bringen allerdings noch mehr mit an die Hantelbank. Und ein hochinteressantes Panel auf dem Kölner Seriencamp erklärt, was und warum. „Einer hat ADHS“, berichtet die involvierte NDR-Redakteurin Samira Sollich, „der zweite Depressionen und der letzte Body-Image-Probleme“. Drei mentale Herausforderungen Heranwachsender, die zwar ungeheuer verbreitet, fiktional allerdings unterbeleuchtet sind. Bis Ende 2026 jedenfalls. Dann sollen die 24 Episoden à zehn Minuten bei Youtube laufen.
Das geplante Streaming stünde am Ende eines langwierigen Prozesses, den Showrunnerin Jette Johnson (Steinberger Silberstein) vor zwei Jahren begonnen hat und hier mit einigen der Beteiligten vorstellt: funk-Redakteur und Seriencamp-Host Ram Paramanathan, seine RBB-Kollegin Ariane Böhm und ein bisschen gleicher als die anderen auf dem Bahnhaus-Podium: der Psychotherapeut Andy Sharifatpour. Als „Sensivity Reader“ eine Art psychosozialer Intimacy Coach, der den praktischen Entstehungsprozess begleiten durfte – und jetzt erstmal die Theorie lobt.
„Beim Lesen des Drehbuchs war ich extrem beeindruckt von der Recherche“. Medizinisch-psychologische Faktenchecks waren aus Sicht der Serien-Kreatorin Johnson schließlich die erste Säule der Vorbereitung. Den zweiten Stützpfeiler hätte die intensive Auseinandersetzung mit Social Media gebildet. Flankiert vom dritten Träger: Gespräche mit den Protagonisten. Denn die leben nicht nur digital in einer etwas anderen Welt als die verantwortlichen Millennials am Rande der GenZ. Auch kommunikativ gab es nachhaltige Lernprozesse.
Ariane Böhm zum Beispiel weiß seit den Dreharbeiten, dass Jungs „Digger immer am Anfang des Satzes“ sagen, „große Empathie für gebrochene Herzen ihrer Freunde“ haben und es hassen, „emotional bevormundet zu werden“. Jette Johnson hingegen wurde erst durch die Arbeit an der Serie wirklich bewusst, dass junge Männer ebenso wie Frauen Ernährungsprobleme haben – „auch wenn es dabei weniger um Anorexie als Proteine geht“.
Weil „GymBros“ Dinge ausspricht, die Fiktionen viel zu oft verschweigen, könnten sie Gleichaltrige aus Andy Sharifatpours Sicht folglich animieren, „sich mit ihren psychischen Problemen zu befassen“. Allerdings nur, wenn sie mithilfe einer Kulturtechnik aufgelockert werden, ohne die nüchterne Dramen vermutlich an ihrer Alterskohorte vorbei senden: Humor. Auch im therapeutischen Alltag wirke Lachen schließlich befreiend. „Wir wollen ja nicht belehren“, predigt der Psychotherapeut zu den Gläubigen, „sondern unterhalten.“ Oder in Jette Johnsons Worten: „Es soll bei allem Naturalismus ja keine Doku sein.“
Und spätestens da kommt der Drehort wieder ins Spiel: Die Muckibude, Spiegel einer Gesellschaft im Selbstoptimierungswahn, der Gemeinschaft und Leiden, Versagensängste und Ehrgeiz, Isolation und Freundschaft, Druck und Erlösung, Stärke und Schwäche am gleichen Crosstrainer reflektiert. Ob daraus gute Unterhaltung wird? Wer weiß… Für mehr Awareness am Set und Bildschirm allerdings könnten die „GymBros“ bei entsprechender Abrufzahl sorgen. Und wenn es große Jungs dazu bringt, öfter mal in sich hineinzuhorchen, wäre schon viel gewonnen.
von




