Emmanuel Macron wählte gleich zur Begrüßung markige Worte. Zwar sei er nicht dafür, "Screens pauschal zu verurteilen", doch er rufe dazu auf, das "große Paradoxon unserer Zeit" zu erkennen: "Noch nie haben wir so viel auf Screens geschaut", so der französische Staatspräsident, "und doch laufen wir Gefahr, am Ende nichts mehr zu sehen, weil wir einfach alles anschauen. Wir klicken, wir scrollen weiter, und was wir sehen, ist gewissermaßen weniger darauf ausgelegt, zu überraschen, zu bewegen oder zum Nachdenken anzuregen, als vielmehr darauf, unsere Aufmerksamkeit für ein paar Sekunden zu fesseln und permanente Aufregung zu erzeugen."
Während Macron diese Worte sprach, blickte er in die Gesichter von Hollywood-Star George Clooney, Frankreichs Filmikone Juliette Binoche, Netflix-Boss Ted Sarandos, Disney-Kreativchefin Dana Walden, Sony-Pictures-CEO Tom Rothman oder HBO-Chef Casey Bloys. Sie und 220 weitere Top-Entscheider aus 65 Ländern waren Gäste des "Lumière Summit", zu dem Macron gemeinsam mit Lee Jae Myung, dem Präsidenten von Südkorea, geladen hatte. Das beinahe epische Setting: die Fondation Maeght, eine der bedeutendsten modernen Kunstsammlungen Europas im Bergdorf Saint-Paul-de-Vence, hoch über der Côte d'Azur. Die duchaus hehre Mission: neue globale Allianzen für Film und Bewegtbild zu schmieden.
Die Notwendigkeit einer Reihe von Erklärungen und Abkommen, die am Montag beschlossen wurden, und damit des ungewöhnlichen Gipfels insgesamt, erklärte Macron mit der "sehr großen Versuchung, nur das zu produzieren, was auffällt, was sofort fesselt – auf Kosten von Nuancen und hohen Ansprüchen". Doch Bilder, die darauf ausgelegt seien, einen Klick zu erzielen, hätten "weder die gleiche Kraft noch den gleichen Wert" wie solche, die darauf ausgelegt seien, "Spuren zu hinterlassen". Wenn zudem künstliche Intelligenz zu einem Instrument werde, das die Stimmen Kreativer ersetze oder zu ersetzen vorgebe, dann "würden wir einen gewaltigen Fehler begehen, denn wir würden den Eindruck erwecken, dass Rechenleistung zu Schaffensfähigkeit werden" könne. Kurzum: Es gehe darum, die Kontrolle über die großen technologischen Entwicklungen zurückzugewinnen – "so wie wir es in jeder wichtigen Phase geschafft haben".
Da diese Herausforderung global sei, kein Studio, keine Plattform, "ja nicht einmal ein Land, so mächtig es auch sein mag", sie allein bewältigen könne, gipfelte Macrons Aufruf in der "Erfindung eines Multilateralismus des Bewegtbilds". Diesem Anspruch folgt die sogenannte "Lumière Declaration", die von 120 Vertretern von Staaten, internationalen Organisationen, Filmstudios, Medienkonzernen sowie Kreativen unterzeichnet wurde. Sie enthält neben weiteren Prinzipien die Selbstverpflichtung zur Investition in Kreativität, neue Talente und neuartige Geschichten, zum Ausbau von Diversität und Nachhaltigkeit, zum Kampf gegen Piraterie sowie zur Förderung technologischer Innovation bei gleichzeitigem Schutz der Urheberrechte.
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Prominenter Unterstützer: George Clooney verfolgte einige Sessions des "Lumière Summit" als Zuschauer
"Selbstverständlich unterstütze ich eine so wichtige Initiative", sagte Clooney im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de. "Als Kreative, als Produzenten sollten wir den Wert unseres Schaffens noch selbstbewusster verteidigen, als wir es bisher tun." Dass auch TikTok und Google in Saint-Paul-de-Vence vertreten waren, wertete Gaëtan Bruel, Präsident des staatlichen französischen Filmförderers CNC, in einem Pressegespräch als Beleg für den breiten Ansatz der Initiative: "Das heißt nicht, dass wir mit allem übereinstimmen und dort keine Probleme sehen, aber zumindest überwinden wir jetzt mal die hysterischen Diskussionen und treten in echten Dialog."
Ebenfalls aus dem Gipfel ging eine von den Präsidenten Macron und Lee verkündete Investitionspartnerschaft zwischen Frankreich und Südkorea hervor. Beide Länder haben sich verpflichtet, zwischen 2027 und 2031 jeweils 500 Millionen Euro in die gemeinsame Förderung der audiovisuellen Industrie zu stecken. Die Kulturminister von Italien und Korea verabschiedeten derweil ein Koproduktionsabkommen, das Produzenten beider Länder die künftige Zusammenarbeit erleichtern soll. Auf bilateraler Ebene teilte Pierre-Antoine Capton, Gründer und CEO des französischen Produktionsriesen Mediawan, eine frisch vereinbarte Kooperation mit dem koreanischen Studio SLL ("Hellbound") mit. Gemeinsam will man Stoffe identifizieren, die sich zur Adaption im jeweils anderen Markt eignen. Yoon Sang-Hyun, CEO des koreanischen Entertainment-Konzerns CJ ENM ("Parasite"), berichtete von Gesprächen mit Canal+ und dem Plan, künftig Programme zwischen beiden Ländern auszutauschen.
Ins Leben gerufen wurde am Montag auch ein internationales Förderprogramm namens "Audiovisual Next Gen", das vom CNC in Kooperation mit Netflix, der RTL Group und Mediawan getragen wird. Es richtet sich an Branchenfachleute unter 35 Jahren und soll ihnen ein 18-monatiges Mentoring mit internationalen Einblicken in wesentliche kreative Ökosysteme bieten. Der erste Jahrgang ab Januar 2027 soll ausschließlich aus Frauen bestehen, um deren bessere Vertretung in Führungspositionen zu fördern. Mit der "Lumière Alliance" wiederum wurde ein weltweites Netzwerk gegründet, das öffentliche Institutionen aus Film und audiovisuellen Medien zusammenbringen, beim Austausch von Fachwissen und der Koordinierung gemeinsamer Standpunkte unterstützen soll. 54 Behörden sind diesem Netzwerk bereits beigetreten.
Dass Macron mit dem "Lumière Summit" eines seiner Lieblingsthemen in den letzten Monaten seiner Präsidentschaft so prominent auf die Tagesordnung setzte, steht im Einklang mit vorhergehenden politischen Initiativen. Im Vorjahr hatte er Studios, Plattformen und Produzenten zum "Choose France"-Gipfel versammelt und damit die Investitionszusagen internationaler Produktionen in Frankreich für dieses Jahr auf 600 Millionen Euro verdoppelt. Als symbolträchtiges Beispiel für diese Dynamik nennen französische Offizielle nicht mehr so gern "Emily in Paris", das für seine finale Staffel bekanntlich nach Griechenland und Monaco weitergezogen ist. Stattdessen wird jetzt bevorzugt die HBO-Serie "The White Lotus" zitiert, deren vierte Staffel momentan an der Côte d'Azur und in Paris entsteht.
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