Überrumpelt, ja fast schon unbeholfen wirkte MDR-Moderator Gunnar Breske für einen Augenblick, als Ulrich Siegmund, der vor Selbstsicherheit strotzende AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, ausgerechnet im ARD-Wahlstudio von Fake News und Desinformation bei den Öffentlich-Rechtlichen sprach. Er wolle "die Rundfunk-Zwangsabgabe endlich beenden" tönte Siegmund und führte weiter aus, dass "Teile des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in diesem Wahlkampf einen Beitrag geleistet haben, dass viele Menschen hier Vorurteile über unsere Partei haben, die völlig unbegründet sind".

Bemerkenswert an dieser Szene war nicht, dass dem AfD-Politiker, der mit seiner Partei gerade als haushoher Sieger aus der Landtagswahl hervorgegangen war, auf die Frage, was er gegen die Ängste der Menschen tun wolle, nichts Besseres einfiel, als vor mehr als zehn Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern noch einmal seinen beliebten Wahlkampf-Schlager anzustimmen. Bemerkenswerter war, dass Breske die Attacke unkommentiert stehen ließ und etwas holprig zur Tagesordnung überging: „Werden Sie sich vom BSW unterstützen lassen?“

Dabei könnte es ausgerechnet dem MDR in Sachsen-Anhalt schon bald an den Kragen gehen, sollte es Siegmund gelingen, eine Mehrheit für die von ihm gewünschte Kündigung des MDR-Staatsvertrags zu organisieren.

Über mangelnde Aufmerksamkeit und fehlende Gelegenheiten, die eigenen Ansichten über öffentlich-rechtliche Mikrofonen in die Welt zu posaunen, kann sich die AfD mit Blick auf den Wahlabend jedenfalls nicht beschweren. Doch ganz unabhängig von dem Störgefühl, das die beschriebene Szene aus der "Tagesschau" hinterlassen mochte, zeigte sich am Sonntag nur allzu gut, weshalb es ARD und ZDF braucht. Denn neben all den Politiker-Phrasen, die – je nach Parteizugehörigkeit mal in Jubelposen, mal in Schockstarre – zu hören waren, lieferten die Sender nämlich auch hochinteressante Hintergründe und damit zumindest Erklärungsansätze für die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass eine als "gesichert rechtsextrem" eingestufte Partei wie die AfD in Sachsen-Anhalt überhaupt 44 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte.

Information vor Unterhaltung

Allen voran Jörg Schönenborn behielt im Zahlendschungel wieder einmal den Überblick. Und glücklicherweise bekam er für seine Analysen diesmal mehr Zeit als bei anderen Landtagswahlen üblich. Das hängt damit zusammen, dass die ARD kurzerhand entschied, den eigentlich fest eingeplanten "Tatort" zugunsten einer verlängerten Wahlsendung aus dem Programm zu nehmen – was als ziemlich unvermissverständliches Zeichen für den Ernst der Lage verstanden werden kann. Während das ZDF wie geplant eine Pilcher-Schmonzette sendete, gingen Schönenborn und Breske im Ersten ebenso in die Verlängerung wie der MDR, der im Dritten auf seine Reportage "Sagenhaft – Rund um den Brocken" verzichtete. Der Brocken musste warten, schließlich hatte das Land an diesem Abend einen anderen zu verdauen.

Freilich war es bloß eine "Tatort"-Wiederholung, auf deren Ausstrahlung die ARD verzichtete. Doch an diesem Abend spielte der eigentliche Krimi ohnehin in Sachsen-Anhalt - auch wenn bei diesem Wahlkrimi schon früh feststand, wer am Ende triumphieren würde. In Zeiten, in denen der öffentlich-rechtliche Sender so stark wie nie zuvor unter Druck steht, war es gleichwohl nicht nur mit Blick auf die hohen Quoten eine weise Programm-Entscheidung, die die Verantwortlichen trafen. Dem Publikum zu zeigen, dass Information im Zweifel vor Unterhaltung steht, ist die beste Werbung für den Erhalt dieses so wichtigen Systems. Denn bei aller berechtigten Kritik: Ohne ARD und ZDF würde diesem Land etwas fehlen.