Die nüchterne Sprache von Geschäftsberichten dämpft Ausreißer in der Entwicklung eines Unternehmens oftmals herunter, egal ob in positiver oder negativer Hinsicht. Nicht so die 2025er Konzernabschlüsse des Norddeutschen Rundfunks und seiner kommerziellen Tochter NDR Media, die im August veröffentlicht wurden. Man kann die Begeisterung über Studio Hamburg förmlich herauslesen, so oft wie die Begriffe "deutlich übertroffen", "deutlich verbessert", "deutlich über Plan" oder "hervorragende Entwicklung" auftauchen.

Was da bejubelt wird, kann sich angesichts der schwierigen Gesamtlage der Branche tatsächlich sehen lassen. Die Studio Hamburg Gruppe, die aus den beiden Geschäftsfeldern Produktion & Distribution sowie Atelier & Technik besteht, hat ihren Vorjahresumsatz von 333 Millionen Euro auch 2025 ziemlich konstant gehalten – und das bei höheren Ergebniswerten: Das Vorsteuerergebnis stieg um 20 Prozent auf 13,6 Millionen Euro, der Jahresüberschuss um 30 Prozent auf 7,1 Millionen. Erstmals seit 1997 hat die Gruppe zudem ihre Immobilienkredite für die Gelände in Hamburg-Tonndorf und Berlin-Adlershof vollständig getilgt, die in der Spitze bei 57 Millionen Euro lagen.

Was der NDR-Abschluss vor allem mit der "hervorragenden Entwicklung der Studio Hamburg Produktion Gruppe GmbH" erklärt, hat auch mit Sondereffekten durch Beteiligungsverkäufe zu tun. Dabei floss mehrfach Geld aus Mainz nach Hamburg. Im Zuge der Neuordnung der gemeinsamen Doku-Töchter von SHPG und ZDF Studios im Januar 2025 (DWDL.de berichtete) brachte die SHPG bekanntlich ihre vormalige 100-Prozent-Tochter Eco Media beim Joint Venture Doclights ein. 

Studio Hamburg auf einen Blick

  • Umsatz 2025: 333 Millionen Euro (Platz 4 der DWDL.de-Produktionsriesen)

  • Gesellschafter: NDR Media (100%)

  • Geschäftsführer: Johannes Züll

  • Produktionsfirmen: 307 Production, Albolina Film, AlwaysOn Production, Amalia Film, Doclights, eco documentaries, Friday Film, Klingsor Media, Letterbox Filmproduktion, Polyphon, Real Film Berlin, Riverside Entertainment, Studio Alba Productions, Studio Hamburg Serienwerft, Studio Hamburg UK

  • Produktionen 2026 (Auswahl): Das Traumschiff (ZDF); Der Bozen-Krimi (ARD); Der Quiz-Champion (ZDF); Die Jägerin (ZDF); Die Kanzlei (ARD); Die Kriege der USA (ZDF); Die Pfefferkörner (ARD); Großstadtrevier (ARD); Keltenburg (ARD); Krank Berlin (Apple TV/ZDF); Neuer Wind im Alten Land (ZDF); Notruf Hafenkante (ZDF); Praxis mit Meerblick (ARD); Rote Rosen (ARD); SOKO Wismar (ZDF); Tatort (ARD); Terra X History (ZDF); Tiere bis unters Dach (ARD)

Im Hintergrund verlief parallel eine weitere Transaktion, über die nicht groß gesprochen wurde: Die Hamburger trennten sich von ihrer 2010 erworbenen Beteiligung an der Kölner Gruppe 5 Filmproduktion ("Terra X", "Maybrit Illner") – den bisherigen 25,1-Prozent-Anteil der Doclights übernahm ZDF Studios. An der Gruppe 5 wiederum hängt eine Mehrheitsbeteiligung an der Böhmermann-Produktionsfirma Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld. In der Fiction wanderte einen Monat später die Münchner Amalia Film (BR-"Tatort", "Mordlichter"), bis dahin eine 100-Prozent-Tochet der SHPG, unter die Real Film Berlin, die seit 2022 ebenfalls ein Joint Venture mit ZDF Studios unter unternehmerischer Führung der Hamburger ist.

40 Jahre Großstadtrevier © ARD/Thorsten Jander/Montage Frey "Volumengeschäft": Dieses Jahr wird das "Großstadtrevier" 40
Für die Produktionsfirmen der Studio-Hamburg-Gruppe sei im laufenden Geschäftsjahr mehr denn je die "Kombination aus Volumengeschäft, hochwertigen Einzelprojekten und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unserer Formate" entscheidend, so Geschäftsführer Johannes Züll gegenüber DWDL.de. 2026 markiert das 40-jährige Jubiläum des "Großstadtreviers", das 20-jährige der "Roten Rosen" und die 500. Folge von "Notruf Hafenkante". Diese Jubiläen seien nicht nur "schöne Meilensteine", so Züll, "sondern vor allem ein Beleg für die außergewöhnliche Leistung von Redaktion und Produktion. Es ist einfach sehr beeindruckend, wie es den Teams gelingt, diese etablierten Formate jung und nah an den aktuellen Themen und Lebenswirklichkeiten zu halten – und ihnen zugleich ihre besondere Identität zu bewahren." Für die Gruppe seien diese Marken in jeder Hinsicht wichtig: "inhaltlich, wirtschaftlich und als langfristige Säulen für Beschäftigung, Auslastung und Produktionskompetenz am Standort".

Langlaufendes Geschäft und Innovation seien dabei kein Gegensatz. Die Stabilität dieser Formate schaffe den Raum, um "neue Stoffe und neue Erzählformen zu entwickeln". Es werde über Spin-offs und Vertical Dramas nachgedacht. Im High-End-Bereich kann die von Michael Lehmann geführte SHPG derweil mit dem geplanten Event-Kinofilm "Miniatur Wunderland" aufwarten, der voraussichtlich ab November unter Regie von Félix Koch ("Droneland", "Großstadtrevier") gedreht werden soll, Katja Riemann, David Kross und Christoph Maria Herbst zu seinem prominenten Cast zählt und bislang 3,4 Millionen Euro an regionalen Fördergeldern eingesammelt hat.

Ziemlich genau die gleiche Summe floss vom German Motion Picture Fund der Bundesregierung in die zweite Staffel der preisgekrönten Medical-Serie "Krank Berlin", die Ende März abgedreht wurde. Die Koproduktion für Apple TV und ZDF hat eine bemerkenswerte Geschichte hinter sich, war sie doch ursprünglich von Sky beauftragt und dann 2023, wenige Woche vor Drehstart, von dessen Ausstieg aus der deutschen Fiction akut bedroht. Die Free-TV-Premiere der ersten Staffel ist für November vorgesehen, zeitlich koordiniert mit den neuen Folgen bei Apple TV.

Als größte Herausforderung nennt Züll die "fehlende Planbarkeit der Nachfrage". Zwar bestellten Sender und Streamer weiterhin Programme, aber "selektiver, kurzfristiger und mit deutlich höherem Kostendruck". Es gehe darum, dass "Volumen, Budgets und Entscheidungsfristen immer schwerer zusammenpassen". Züll diagnostiziert eine "noch stärkere Trennung zwischen Season- und Off-Season-Investments", worunter die von Fixkosten getriebenen Geschäftsfelder wie Studios, Außenübertragung oder Dekobau leiden. "Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Qualität, Auswertung und technische Umsetzung weiter. Kostensteigerungen lassen sich im Markt aber nur begrenzt weitergeben. Das setzt die Margen unter Druck und macht es schwieriger, hochwertige Produktionen am Standort Deutschland wirtschaftlich zu realisieren."

Deshalb bleibe die Reform der Filmförderung von zentraler Bedeutung. Deren Priorität solle sich "noch stärker daran orientieren, echte Wertschöpfung im Lande zu honorieren", so Züll. Für 2026 rechnet der Studio-Hamburg-Chef mit einem leicht rückläufigen Umsatz – etwa fünf bis zehn Prozent unter Vorjahr, je nachdem, welche Projekte noch realisiert werden. Das operative Ergebnis werde "moderat schwächer" ausfallen.

Produktionsriesen im Umbruch – bisher erschienen