Der rote Teppich zeigt eher graue Fliesen, aber gut: Dit is Berlin, wa?! Da kann man den Leuten auch mal ein X für ein U vormachen oder eben den Radical Chic eines Serienfestivals für den mondänen Glanz der Berlinale. Und so defilierten die ersten Stargäste der dritten Seriesly gestern Abend zwar nicht so ganz standesgemäß, aber absolut angemessen zum Debüt einer Weltpremiere, die an der radikal glänzenden Oranienburger Straße ebenfalls vom Blendwerk handelt. Ihr Name: "Jossi".

Jossi © SWR/Odeon Fiction/Zuzana Panska Das "Jossi"-Team
Der verkrachte Schauspieler Wanja (Jannik Schümann) träumt darin von der ganz großen Karriere, arbeitet (und wohnt) jedoch in einem Berliner Escape-Room. Mangels Perspektive droht er künftig sogar zur Security-Kraft umzusatteln – da lernt er die erfolgreiche Kollegin Dana Gold (Nilaam Farooq) kennen. Ein Filmstar, der ihm zur Traumrolle im Blockbuster des Starregisseurs Sam Rosenberg (Thomas Loibl) verhelfen könnte. Kleiner Haken: Weil das Streamingportal dahinter strenge Diversity-Regeln hat, muss der Hauptdarsteller des opulenten Historiendramas nicht nur Russisch können, sondern Jude sein.

Die erste Anforderung ist für den Sohn russischer Restaurantbetreiber noch unproblematisch. Schwieriger gestaltet sich die zweite. Jüdisch an ihm ist nämlich nur, dass er sich in seinem Escape-Room regelmäßig als Holocaust-Opfer kostümiert. Also gibt sich gottlose Zyniker als praktizierender Jude aus. Besser: er versucht es. Denn Nachweise seiner angeblichen Herkunft zu erbringen, wird zum Hindernislauf durch den Dschungel religiöser Riten. Und das inszeniert der Blendwerk-Experte Wolfgang Groos ("Faking Hitler") mit einer Liebe zur Doppeldeutigkeit, die ihm Jonas Zimmermanns Drehbücher ermöglichen.

"Das Judentum will eben nicht jeden haben", hat der Headwriter Wanjas jüdischem Chef Assaf (Gerry Fischmann) ins Skript geschrieben. "Wir sind wie das Berghain." Sottisen wie diese bringen das Dilemma der Hauptfigur also durchaus amüsant auf den Pointenpunkt. "Da gibt’s nur Daniel Donskoy und der dreht in London", sagt Rosenbergs Casterin Bettina (Maria Simon) andernorts ernüchtert über die Suche nach einem Juden mit Russischkenntnis. "Ja, von uns gibt es nicht viele" entgegnet Wanja da schlagfertig und fügt verschmitzt hinzu: "Shalom!"

Das ist witzig. Es ist aber vor allem auch heikel. Gut 20 Jahre nämlich, nachdem Dany Levis Komödie "Alles auf Zucker" jüdischen Alltag hierzulande erstmals weitestgehend ohne Shoah erzählen durfte, ist er noch immer das, was Hauptautor Zimmermann "vermintes Terrain" nennt. Und natürlich habe sich auch Wolfgang Groos gefragt, wie weit er als Regisseur gehen dürfe, "bevor man sich in die Nesseln setzt". Aber zum einen, sagt Groos im DWDL-Interview am Rande des rotgrauen Fliesenteppichs, handle das Format nicht nur vom Judentum, sondern "kultureller Aneignung, Identität, Zugehörigkeit". Zum anderen bürgt auch das Kreativteam dahinter für Ausgewogenheit.

Maßgeblich beteiligt waren an der Umsetzung (Odeon Fiction) einer Idee des kasachischen Spätaussiedlers Dimitrij Schaad ("Kacken an der Havel") im Auftrag von SWR und Arte schließlich zwei seiner Kollegen mit autobiografischem Bezug zur Serie: Arkadij Khaet und Leo Khasin – beide aus der ehemaligen UdSSR, beide jüdischen Ursprungs, beide wegen fabelhafter Filme wie "Masel Tov Cocktail" oder "Das Unwort" auch beruflich mit dessen Fallstricken im Deutschland der Gegenwart vertraut.

Wer noch bei der Seriesly 2026 mit dabei ist

Schon die erste von fünf deutschen und sechs internationalen Festivalpremieren zeigt also eindrücklich, was die Seriesly Berlin auch in ihrer dritten Ausgabe bewegen möchte: Relevante Serien mit unterhaltsamem Diskussionspotenzial. Darunter zum Beispiel das brasilianische Queerness-Panorama "Ayô", die deutsche Vampirsause "City of Blood" oder der bodypositive Freundschaftsreigen "Shipwrecked" aus Kanada. Mit seiner kostengünstigen Sitcom-Ausstattung (und Jannik Schümanns Hang zum Overacting) zählt "Jossi" da vermutlich eher nicht zum gehobenen Standard.

Dafür geht der Sechsteiler wie zuletzt "Die Zweiflers" dorthin, wo es wehtun könnte. Dem Phantomschmerz einer unabgeschlossenen Vergangenheit beugt er allerdings mit dem vor, was Autor Zimmermann als "Schelmenkomödie" bezeichnet. Sie nimmt sich das Recht heraus, verfolgte Minderheiten dem Spott freizugeben, ohne sie verächtlich zu machen. Das Premierenpublikum im vollbesetzten Ballroom der Galerie Fotografiska jedenfalls war gestern zwar nicht gerade euphorisch, aber spürbar angetan von Dimitrij Schaads schöner Idee.

Sie bildet somit den würdigen Auftakt des jungen Festivals. Und wer weiß, vielleicht sogar das, was sich Wolfgang Groos auf DWDL-Nachfrage von seiner Nischenserie erhofft: "Ein neues Genre." Man könnte es vielleicht Minority-Facing nennen: Freiwillige Verwandlung in diskriminierte Randgruppen zum Zwecke wirtschaftlicher, emotionaler, gelegentlich gar politischer Vorteile. Fiktionale Dialektik pur also. Und damit fast perfektes Streaming.