Foto: RTLDer größte Lacher ging eindeutig auf das Konto von RTL-Comedychef Holger Andersen (Foto). Beim Seminar der Adolf Grimme Akademie zum Thema „Spiele ohne Grenzen“ und der Frage nach der Zukunft großer deutscher Fernsehunterhaltung analysierte er den Erfolg von „Die besten Comedians Deutschlands“ und stellte fest, dass die Quote einen deutlichen Sprung machte als man von Stehtisch zu Couch übergangenen ist. Deswegen sein Rat an die Produzenten in der Diskussionrunde und im Publikum: „Ich kann nur jedem raten, nehmt ‘ne Couch in die Show.“

Abgesehen von diesen wenigen, heiteren Momenten, war die Diskussionsrunde zu Perspektiven großer Fernsehunterhaltung eher eine trockene Veranstaltung. Jeder bekam die Gelegenheit das zu sagen, was er oder sie immer sagt. Kritische Nachfragen - auf ein Minimum reduziert. Da beschwor Ute Biernat von Grundy Light Entertainment einmal mehr das Comeback der Gameshows, ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner verteidigte „Wetten, dass..?“ und „Schlag den Raab“ wurde von allen bewundert. Insbesondere von Thomas Schreiber, Leiter Fiktion & Unterhaltung der ARD, der die Show kurzerhand als „einzig vernünftige Gameshow im deutschen Fernsehen“ bezeichnete - wo ihm dann aber doch nicht alle gleich vorbehaltlos zustimmen wollten.
 
Fernsehen und Internet? Noch immer zwei Welten

Zeitweise drehte sich die Diskussion um das Miteinander von Fernsehen und Internet. Ein spannendes Thema, was allerdings nicht auf der Tagesordnung stand. Dementsprechend deplatziert wirkte auch Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan in der Runde der TV-Produzenten und Fernsehverantwortlichen. Immerhin: Man merkte, wie weit die klassische Fernsehwelt noch vom Internet entfernt ist.
 
So machte ZDF-Mann Teubner klar, wie stolz sein Haus auf die eigene Mediathek sei. Doch wenn ihm die Verwertbarkeit eines Programms im Internet in der Programmgestaltung hinderlich werden sollte, höre der Spaß auf. Produziert werde immer noch zuerst für‘s Fernsehen. Offener zeigte sich da Brainpool-Chef Jörg Grabosch. Die Comedyschmiede hat mit MySpass.de erst kürzlich ein eigenes Comedyportal im Web gestartet.
 


Da glaubt Ute Biernat einen Trend zur Event-Programmierung zu erkennen, wie sie sie selbst gerade mit dem ZDF und „Musical Showstar 2008“ umgesetzt hat. Allerdings müsse es die wohl öfter geben, damit sich das Publikum daran gewöhnt und bereit ist, für eine kurze Zeit seine Sehgewohnheiten für ein einzelnes Format zu ändern. Sowohl Biernat als auch ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner verteidigten im Übrigen die quotenschwache Castingsshow. Produzentin Biernat: „Die sind nicht so schlecht, wie geschrieben wird“. Dass die Sendung nicht funktioniert ist für ARD-Mann Thomas Schreiber kein Wunder. Er glaubt, dass das Thema Casting am deutschen Zuschauerinteresse vorbeigeht. Deswegen funktioniere auch der Sat.1-Ansatz nicht.
 
Sind die Dokusoaps schuld an der Fiction-Krise?
 
Die Krise der deutschen Fiction analysiert RTL-Comedychef Andersen dann beinahe nebenbei: „Dokusoaps bilden heute das ab, was deutsche Fiction einmal geleistet hat. Inklusive Schlüsselloch-Effekt.“ Könnte es tatsächlich daran liegen, dass die Dokusoaps inzwischen den Bedarf der Zuschauer an einer Betrachtung der deutschen Realität vor der eigenen Haustür decken und das Publikum im fiktionalen Bereich lieber auf Stoffe aus dem Ausland setzt? Abwegig ist die These keinesfalls.

RTL habe derzeit eher ein Nachschub-Problem der Hit-Formate als ein Innovationsproblem, glaubt Andersen. Neue Ideen fänden ihren Platz. Hier experimentiere man mehr als noch vor ein paar Jahren. Problematischer sei es, dass es seine Zeit dauere, bis neue Episoden bzw. Staffeln erfolgreicher Formate wieder zum Einsatz kommen könnten. Dabei nennt er z.b. „Rach, der Restauranttester“ oder „Bauer sucht Frau“, auf deren Fortsetzung nicht nur das Publikum warte, so Andersen. Und wie schlage sich sein eigener Bereich, die Comedy? „Comedy ist immer eine Baustelle“, so Andersen, dem bislang wie im Übrigen auch Sat.1, noch eine Lösung für das Comedyproblem am Freitagabend fehlt.
 
Der herzliche Umgang innerhalb der ARD geht weiter 
 
Die ARD hat derzeit in erster Linie am Vorabend ein prominentes Problem nachdem die Stylingshow mit Bruce Darnell trotz massiver Werbemaßnahmen so spektakulär gefloppt ist und die darauf folgende Datingshow diese Werte derzeit sogar noch unterbieten kann. ARD-Mann Schreiber kommentiert dies mit offener Kritik an den Kollegen. Er wolle betonen, dass die ARD-Unterhaltung - sein Bereich - nicht für den Vorabend zuständig ist. „Sonst sehe das dort anders aus“, so Schreiber mit einer Portion zu viel Selbstbewusstsein um noch sympathisch zu wirken.

Am Ende ist niemand wirklich klüger. Neue Perspektiven gab es keine, dafür die immer gleiche Beschwörungsformel, die sich alle Seiten gegenseitig bei jeder Podiumsdiskussion dieser Art zurufen: Man brauche mehr Mut. Nur ARD-Mann Schreiber dementierte da heftig. Man brauche Risikobereitschaft, keinen Mut. Der Unterschied liegt für ihn wohl im Detail.