Stefan Stuckmann © ZDF/Timon Schäppi
Gastbeitrag von TV-Autor Stefan Stuckmann

Wie man keine gute Fernsehserie macht

 

Warum gibt es in Deutschland kaum gute Serien? Wie kann es sein, dass ein Land, das eine der größten literatischen Traditionen der Welt hat, in der populärsten zeitgenössischen Erzählform konsequent scheitert? Ein Gastbeitrag.

von Stefan Stuckmann
03.09.2015 - 23:23 Uhr

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Ich bin seit elf Jahren Autor, knapp mehr als die Hälfte davon nicht für Serien, sondern für Comedyshows. Ich habe für „Switch Reloaded“ geschrieben und für die „Heute Show“ und durfte zuletzt für ZDFneo die Sitcom „Eichwald, MdB“ entwickeln. Es gibt eine Menge Leute, die mehr erlebt haben im deutschen Fernsehen als ich, die mit mehr Redakteuren zu tun hatten und mit mehr Sendern, die über mehr Formate gesprochen haben. Aber elf Jahre sind genug, um bestimmten Phänomenen, die gutes Fernsehen verhindern, so oft über den Weg zu laufen, um Muster erkennen zu können.

Es wird und wurde viel geschrieben über Probleme im deutschen Fernsehen – manches davon ist richtig beobachtet, anderes wahrscheinlich übertrieben oder falsch. Aber was mir immer wieder auffällt, wenn ich mit Kollegen spreche: es gibt Dinge, die schief laufen – von denen überraschend viele wissen, dass sie schief laufen – und über die trotzdem keiner spricht. Die in Zeitungsartikeln nicht auftauchen. Die auf Podiumsdiskussionen nicht benannt werden. Manchmal aus Furcht, manchmal auch einfach nur, weil diejenigen, die von außen über das Fernsehen schreiben, naturgemäß nur begrenzten Einblick haben.
Die folgenden fünf Punkte können nicht mehr sein als eine Annäherung. Für alles, was ich aufzähle, gibt es Ausnahmen. Manche Beobachtung lässt sich nur auf den deutschen Serienmarkt anwenden, andere wiederum auf die gesamte Branche. Trotzdem ist jedes dieser Probleme weit genug verbreitet oder schwerwiegend genug, um regelmäßig Ideen entgleisen zu lassen oder ganz zu verhindern. Es wird also Zeit, dass wir drüber reden.

1. Zu viele „Ideen“, zu wenig Geschichten

Es gibt viele Menschen, die denken, sie hätten die Idee für eine Fernsehserie, in Wirklichkeit haben sie aber nur die Idee für eine Kulisse. „Mad Men“ ist eben keine Serie über eine Werbeagentur in den 60ern, sondern eine Geschichte über Menschen, die stets mehr wollen, als sie kriegen, eine Geschichte über Verführung, über Sinnsuche am falschen Ort. „Girls“ ist keine Serie über Freundinnen in New York, sondern das Portrait einer bestimmten Generation an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Und „Parks and Recreation“ ist keine Serie über ein Grünflächenamt in einer Kleinstadt, sondern eine Erzählung über Gemeinschaft und Provinz, über „Community“.

Diese Geschichte – die Geschichte hinter den konkreten Geschichten der einzelnen Folgen und Staffeln – ist der Kern jeder guten Serie. Er ist die eigentliche Geschichte, aus der sich alles andere ableiten lässt. Alles andere.

Es gibt zu viele Serien, die produziert werden, bevor irgendjemand heraus gefunden hat, was überhaupt erzählt werden soll. Es gibt zu viele „Ideen“, die in Entwicklung gehen, obwohl sie keine Geschichte beinhalten, sondern nur grobe Ortsbeschreibungen. Vor Jahren, als die Zeitschrift „Landlust“ das erste Mal mit ihrer Auflage den „Spiegel“ übertrumpfte, saß ich mit anderen Autoren in einer Konferenz neben einem Redakteur, der uns verkündete: „Die Leute wollen aufs Land. Wir brauchen was auf einem Bauernhof!“. Oder, ein paar Monate vorher: „Wir wollen was mit Comedian XY machen, und der hat wahnsinnig Bock auf Zoo. Lasst uns da mal brainstormen.“

Auf solche Art kann man Vorabendserien entwickeln, mit denen eine genau definierte Zielgruppe „abgeholt“ werden soll – und auch solche Serien müssen gut gemacht sein, um zu funktionieren. Aber die Sorte Serie, über die Menschen am nächsten Tag im Büro oder auf dem Schulhof sprechen, entsteht so nicht.

2. Keine Autorenschaft

Die Beispiele mit dem Bauernhof und dem Zoo klingen absurd, wären aber gar nicht so unsinnig, wenn auf diesen kommerziellen Impuls ein klarer, fokussierter Entwicklungsprozess folgen würde: ein oder zwei Autorinnen oder Autoren, die eine Geschichte zunächst entwickeln – dann auch die Verantwortung dafür übernehmen.

Das Gegenteil ist die Regel. Ich kenne Produktionen, in denen es acht Personen gibt, die jeweils jedes einzelne Wort im Drehbuch ändern lassen können. Ein Sender schickt zwei Redakteure, dann kommen noch Produzent, Producer, Regie und im Zweifel ein bis zwei namhafte Schauspieler dazu, die ebenfalls mitreden. Jeder dieser Menschen hat Verantwortung dem fertigen Produkt gegenüber und dementsprechend auch eine Verantwortung gegenüber dem Autor, Kritik zu äußern. Was aber immer wieder vergessen wird: Keiner dieser Menschen kann die Verantwortung für das Drehbuch übernehmen. Jeder von ihnen kann einen Text loben oder kritisieren, kann Änderungen vorschlagen oder fordern, aber am Ende des Tages ist trotzdem niemand von ihnen verantwortlich: Weil es nicht ihr Job ist. Wenn dann aber noch nicht mal dem Autor zugestanden wird, Verantwortung für seinen Text zu übernehmen – in dem Sinne, dass er bis zu einer bestimmten Grenze die Texthoheit innehat – dann heißt das letztlich nur, dass niemand für den Text verantwortlich ist. Es geht also gar nicht um den klischeehaften Kampf eines einzelnen Genies gegen ein Meer aus Mittelmäßigkeit, sondern um die alte Weisheit, dass zu viele Köche den Brei verderben.

Meiner Erfahrung nach ist das eher die Regel als die Ausnahme.

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