Israel © Masa Israel Journey / Flickr (CC BY 2.0)
Korrespondenten im Fokus

Politisch aufgeladen: Als Korrespondentin in Israel

 

Über Israel zu berichten, ist schwierig. Ständig befindet man sich im Zwiespalt zwischen zu viel oder zu wenig Kritik. Das weiß auch Korrespondentin Mareike Enghusen. Wir haben im vierten Teil unserer Reihe mit ihr gesprochen...

von Nora Jakob
07.10.2016 - 10:59 Uhr

Vor zwei Jahren kam eine Studie der TU Berlin zu dem Ergebnis, dass kaum ein Land von deutschen Medien so oft kritisiert wird wie Israel. Dazu hatten die Forscher die Berichterstattung über den Nahen Osten mit Artikeln über die Lage der Menschenrechte und Konflikte in anderen Ländern verglichen, wie Russland, China, Saudi-Arabien und Nordkorea. Kaum eines der Länder schnitt so schlecht ab. Ein überraschendes Resultat scheint es in der Berichterstattung doch heute noch so zu sein, dass sich Medien jede Kritik an Israel verbieten.

Seit zwei Jahren lebt Mareike Enghusen als Korrespondentin in Tel Aviv und berichtet überwiegend für Wirtschaftsmedien, darunter "Brandeins" und "Capital". Auch wenn sie ihren Lebensmittelpunkt in Tel Aviv hat, schreibt sie auch über andere Städte in der Region, wie etwa Ramallah oder das jordanische Amman.

Durch diese Spezialisierung hat sie kaum Probleme, ihre Themen zu platzieren – die Konkurrenz ist weniger stark als beispielweise bei politischen Themen. So schreibt die 31-Jährige ebenso über den Gründer der Verkehrs-App Waze, der einfach immer ein neues Unternehmen gründet, wenn ihm ein Problem nicht schnell genug gelöst wird, wie auch über einen Mann, der sein Leben in Kalifornien aufgegeben hat, um in seine Heimat Palästina zurückzukehren, die noch immer von der Entwicklungshilfe abhängt. Die notwendige Distanz fehlt ihr in ihrer Berichterstattung jedoch nicht.

"Mir fehlt gelegentlich eine gewisse Zuverlässigkeit und Professionalität im Umgang mit Journalisten", sagt Enghusen. So wartet sie gelegentlich vergeblich auf Antworten auf ihre Mails, hat – im Vergleich zu Deutschland – Probleme, den richtigen Sprecher zu finden und ihn dann auch noch zu erreichen und Termine zu koordinieren. "Das nimmt hier einen wesentlich größeren Anteil meiner Zeit in Anspruch als in Deutschland", erzählt die Auslandskorrespondentin. "Ganz wunderbar" hingegen findet sie denn entspannten und informellen Umgang mit Gesprächspartnern. Im Hebräischen gibt es schließlich kein "Sie". "Egal ob Professor, Politikerin oder Unternehmenschef, Nachnamen existieren quasi nicht und alle heißen nur Dani, Gil und Dena." Gleichzeitig sei es beim ersten Smalltalk völlig in Ordnung, ganz private Sachen zu fragen. "Ich werde regelmäßig gefragt, wie alt ich bin, ob ich verheiratet bin und Kinder habe", sagt Enghusen.

Auf Augenhöhe unterhalten

Obwohl sowohl Israelis als auch Palästinenser europäische Medien für voreingenommen halten, und glauben, dass ihre Probleme vernachlässigt werden, gibt es keine größeren Probleme, Interviews zu führen. "Ich schreibe oft über Wirtschaftsthemen, da ist es sicher nicht von Nachteil, aus einem als Wirtschaftsmacht bekannten Land zu kommen, aber dass mir das konkret irgendwann Vor- oder Nachteile eingebracht hätte, kann ich nicht sagen", reflektiert sie. Sicher hilft Enghusen auch, dass sie neben Englisch auch Hebräisch und Arabisch spricht und damit sowohl mit Palästinensern als auch mit Israelis auf Augenhöhe und in ihrer Muttersprache sprechen kann. Obwohl Privatleute europäische Medien ein wenig misstrauisch betrachten und ihnen Voreingenommenheit unterstellen, so sprechen die meisten trotzdem mit Journalisten. Viele Israelis und Palästinenser teilen ihre Meinung nämlich gern mit.

Israel und die palästinensischen Gebiete kannte Mareike Enghusen schon vorher durch mehrere mehrmonatige Aufenthalte – und auch die Vorurteile und Konflikte. Aber auch ihr Studium der Internationale Beziehungen, Nahost- und Islamwissenschaften in Göttingen, Kalifornien, Paris und St. Andrews hat sie fachlich auf die Berichterstattung in dem schwierigen Gebiet vorbereitet. "Ich sehe mich allerdings nicht auf einer pädagogischen Mission, schlichtweg weil ich Artikel, denen ich eine pädagogische Absicht anmerke, selbst nicht gern lese. Ich denke, die beste Art, Vorurteile zu korrigieren, ist seriös und ausgewogen zu berichten", betont die Journalistin. Gerade im israelisch-palästinensischen Konflikt sei das allerdings sehr schwer – einzelne Begriffe sind politisch aufgeladen und viele der Leser haben bereits eine sehr starke Meinung zu dem Thema, die sich selten ändern lässt. Mareike Enghusen will es dennoch weiter versuchen.

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