Dass Sat.1 von dieser Woche an "The Voice of Germany" vom Freitag- auf den Sonntagabend verschiebt, kommt einer kleinen Revolution gleich, schließlich schickt der Sender sein mit Abstand erfolgreichstes Show-Format somit in Konkurrenz zum quotenstarken "Tatort" ins Rennen. Das ist nicht ohne Risiko, könnte im besten Falle aber dazu führen, dass Sat.1 am beliebtesten Fernsehabend der Deutschen endlich mal wieder einen Stich landen kann. Die Not war zuletzt nämlich groß: Nach zehn Jahren hat die lange Zeit so erfolgreiche Krimi-Schiene ihre Stärke verloren – selbst "Navy CIS" gelang es in den zurückliegenden Wochen kaum noch, zweistellige Marktanteile in der Zielgruppe einzufahren.
"The Voice of Germany" könnte nun für den dringend nötigen frischen Wind sorgen. Und welche Sat.1-Show wäre dazu besser geeignet als die Musikshow, die sich über all die Jahre hinweg eine treue Fan-Gemeinde aufgebaut hat? Diese gilt es jetzt also auch am Sonntag zu mobilisieren. Sollte das gelingen, würde "The Voice" tatsächlich für einen deutlichn Aufschwung sorgen können. Ein paar einfache Rechenbeispiele zeigen, welche Chancen im Wechsel des Sendeplatzes liegen, aber auch welche Risiken Sat.1 mit seiner vielleicht mutigsten Programmentscheidung der letzten Zeit eingeht.
Eine Gefahr besteht für den Sender zunächst einmal darin, dass sonntags insgesamt mehr Zuschauer vor dem Fernseher sitzen als am Freitag. Sollte Sat.1 also ähnlich viele Zuschauer vor den Fernseher locken wie bisher, so würden die "Voice"-Marktanteile im Umkehrschluss trotzdem niedriger ausfallen. Legt man die TV-Nutzung vom vorigen Sonntag mit mehr als 35 Millionen Zuschauern zugrunde und geht davon aus, dass "The Voice of Germany" an diesem Sonntag genauso viele Zuschauer erreicht wie beim Staffel-Auftakt bei ProSieben, dann würde der Marktanteil beim Gesamtpublikum von 13,4 Prozent um gut einen Prozentpunkt sinken.
In der Zielgruppe ginge es gar von über 23 Prozent auf etwa 20 Prozent nach unten – ein Wert, mit dem man bei Sat.1 natürlich auch hinsichtlich eines Senderschnitts von derzeit nur etwas mehr als acht Prozent trotzdem sehr gut leben könnte. Nimmt man die Durchschnitts-Reichweiten der vier in Sat.1 ausgestrahlten Blind Audition des Vorjahres als Maßstab, dann würde der Marktanteil bei gleich vielen Zuschauern übrigens von im Schnitt etwas mehr als 21 Prozent auf gut 17,5 Prozent sinken. Doch selbst das wäre noch nahezu doppelt so viel wie der Sender in den zurückliegenden Wochen mit "Navy CIS" verzeichnete. Ob es tatsächlich gelingt, alle Fans für die Ausstrahlung auf dem neuen Sendeplatz zu begeistern, steht aber natürlich noch in den Sternen.
Freilich besteht aber auch die Möglichkeit, dass am Sonntag sogar mehr Zuschauer bei "The Voice of Germany" einschalten – eben weil an diesem Abend deutlich mehr Menschen vor dem Fernseher sitzen als freitags. Oder es werden weniger, weil die Konkurrenz deutlich stärker ist. Ob Sat.1 unterm Strich von seiner Entscheidung profitieren wird, hängt aber nicht nur mit der Quoten-Entwicklung der Show zusammen, schließlich klafft im Gegenzug nun ein dickes Loch am Freitagabend. Hier konnte man bereits sehen, dass aufgewärmte Versteckte-Kamera-Spielchen nicht ansatzweise jene Quoten erzielen, die "The Voice" stets schaffte. Hinzu kommt, dass "Navy CIS" am Montag erst mal keinen Aufschwung erfuhr.
Mit Blick auf die Reichweiten von "The Voice of Germany" besteht alles in allem aber Grund zum Optimismus für Sat.1, immerhin stellte nicht zuletzt Vox mit Formaten wie "Kitchen Impossible" und "Grill den Henssler" in den zurückliegenden Monaten mehrfach eindrucksvoll unter Beweis, dass trotz "Tatort"- und Blockbuster-Konkurrenz durchaus Platz für Alternativen ist. Gut möglich also, dass sich die kleine Sat.1-Revolution bezahlt machen wird. Die Frage wäre dann nur: Auf wessen Kosten?
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