Fernseher © Robert Anders / Flickr (CC BY 2.0)
Das TV-Standard-Glossar

Standard-Namen, Standard-Schuhe, Standard-Marotten

 

Der Vorname einer Film- oder Fernsehfigur legt bereits fest, ob es sich um Gut oder Böse, um Sympathieträger oder nicht handelt. Und die immer gleichen Requisiten spielen nicht selten die heimliche Hauptrolle. Ein Blick auf nur scheinbar belanglose Randaspekte des Fernsehens

von Jan Freitag
15.07.2017 - 09:55 Uhr

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Was wäre die Welt ohne Struktur. Sie liefe aus dem Ruder, ginge den Bach runter, verlöre an Halt. Auch auf jenem Bildschirm, der sie 24/7 abbildet, bedarf es der Ordnung, um sich zwischen Liebe, Drama, Spaß, Action, Mord zurechtzufinden. Dafür beliefern uns fürsorgliche Regisseure mit ewig gleichen Darstellern in ewig gleichen Geschichten zwischen ewig gleichen Requisiten, die oft heimliche Hauptrollen spielen. DWDL listet nur scheinbar belanglose Randaspekte des Fernsehens auf, Dinge und Figuren, die ihr Genre nicht nur, aber besonders dort mehr prägen als gedacht.

Personenkraftwagen

Vorkommen: In jedem Film und jeder Serie, die nicht unter Wasser, auf Gipfeln, über Wipfeln spielen, sind Pkw kulissentechnisch mindestens so stilbildend wie einst Zigarette und Hut.

Varianz: Wikipedia listet allein unter A rund 500 Automarken auf, von denen – trotz Häufung aus Wolfsburg, Stuttgart, Toyota – die meisten schon mal prominent im Bild waren.

Relevanz: Weil Fiktion Schauwert braucht, dominieren trotz Massenfertigung Raritäten. Tatort-Ermittler fahren daher 66er Plymouth, Miamis Cops Ferrari, die Neubauer Käfer-Cabrio.

Philosophie: Autos sind Distinktionselemente. Da all die Neoheimatfilmcharaktere lässig sind wie Graubrot, öffnet der Heckflossenbenz in Um Himmels Willen eine Klostertür zur Moderne

Prachtexemplare: Saga Noréns schlickgrüner Porsche 911 (Die Brücke), Whalter Whites absurder Pontiac Aztek in Hornhautumbra, David Hasselhoffs K.I.T.T. – die Auswahl ist riesig.

Highheels

Vorkommen: In jedem Film und jeder Serie, selbst wenn sie unter Wasser, auf Gipfeln, über Wipfeln spielen, dürfen Frauen nur im begründeten Ausnahmefall flache Schuhe tragen.

Varianz: Erstaunlich gering. Während die Absatzhöhe in der Schuhreklame Sex and the City von 4 bis 24 cm variiert, liegt sie im deutschen Fernsehen stets bei exakt 6,5 cm.

Relevanz: Inhaltlich inexistent, zeigen Highheels sexuelle Verfügbarkeit selbst dort, wo man es nicht erwartet. Deshalb tragen auch toughe Hipstergirls mindestens Boots mit hoher Hacke.

Philosophie: Als Eyecandy und erotischer Anreiz ideal, rechtfertigen Highheels noch weitere Standards, etwa dem männlichen Drang, Frauen bei der Flucht hinter sich her zu ziehen

Prachtexemplare: Bis auf Uma Thurman alle, wirklich alle. Im Degeto-Film „Ich will (k)ein Kind von dir“ etwa ging unlängst eine Schwangere zur Gynäkologin. Beide trugen Stilettos.

Assistenten

Vorkommen: Einst am Rande des Plots beteiligt, haben sie tragende Rollen bis hin zum Publikumsliebling. Was so weit geht, dass schon die Suche nach Sidekicks Krimi-Folgen füllt.

Varianz: Wie am Tatort Köln und München, wo Assis gar Mordopfer waren, während lebende Kollegen dafür zuständig sind, Dialekt zu pflegen, also „bidde nix ahfasse“ z‘lasse.

Relevanz: Dienstbote, Teamplayer, Jugendfaktor, Faktensammler, Emporkömmling, Untertan – alles, was die Arbeitswelt draußen prägt, bündeln Assistenten gern in einer einzigen Person.

Philosophie: Neben Bedarf nach Hierarchie, verkörpern sie das US-Prinzip der Aufstiegschance. Nadeshda Krusenstern hat sie in Münster ergriffen, Maren Gilzer am Glücksrad nie.

Prachtexemplare: Show von Rosenthals Monika (Sundermann) bis Gottschalks Michelle (Hunziker), Krimi von Derricks Harry (fast gleichrangig) bis Lindholms Martin (WG).

Namen

Vorkommen: Filmnamen sind selten nur Filmnamen. Je mehr das Äußere den Inhalt des Plots überlagert, desto größer ist die Chance, dass sie irgendetwas zum Ausdruck bringen sollen.

Varianz: Als Sympathieträgerinnen vom Dienst heißen Frauen in allen Epochen Hanna, Helen, Marie. Männer gibt’s nie als Ewald oder Wolf, in SS-Uniform aber als Franz oder Hagen

Relevanz: In Historienevent und Komödie definieren Vor- wie Zuname den Träger gern als gut oder böse, modern oder rückständig, während Sozialdramen strikt auf Neutralität setzen.

Philosophie: Was in den Top-100 der aktuell populärsten Vornamen steht, modernisiert Menschen früherer Zeiten oft nachträglich und sorgt so leichter für Empathie oder Abneigung.

Prachtexemplare: Gräfin Lena klang auf „Die Flucht“ gleich weniger elitär als etwa Gerda. Bei Cordula Stratmanns Ulk-Detektivin Carla Fingerhut war jede Inhaltsangabe obsolet.

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