Stefan Raab © Andreas Gebert
Eröffnungs-Keynote bei Bits & Pretzels

Stefan Raab: "Vorne ist immer da, wo sich keiner auskennt"

 

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"Es gibt immer jemanden, der mehr drauf hat als sie"

Diese Erkenntnis gelte auch für ihn selbst, so Raab. „Das war das Prinzip von ‚Schlag den Raab‘. Ich bin nicht der sportlichste und auch nicht der intelligenteste, aber ich kann von allem so ein bisschen was. Das ist in der Kumulation erfolgsversprechend. Heute ist es aber in der Regel so: Menschen bewundern andere Menschen, die eine spezielle Sache gut können. Dann entsteht große Bewunderung für Sportler, Musiker etc. Aber in den meisten Fällen war es das dann auch. Das sieht man dann häufig daran, was nach den Karrieren passiert.“ Bei „Schlag den Raab“ hat er einmal gegen den frisch gekürten Olympia-Sieger im Judo - 20 Jahre jünger als er - alle sportlichen Wettkämpfe gewonnen. Das zeige auch nochmal, so Raab: „Die Königsdisziplin ist nicht das Spezialistentum. Die Königsdisziplin ist in der Regel die Vielseitigkeit.“

Über den Umgag mit Erwartungen

Mitten in seiner Keynote kommt Raab auch zu einer früheren Ambition von ihm: Bei den Olympischen Spielen antreten zu wollen. Nach dem Auftritt mit „Wadde Hadde Dudde Da?“ beim Eurovision Song Contest hatte er Blut geleckt und wollte ein noch größeres Publikum. Da kamen ihm die Olympischen Spiele in den Sinn - und der deutsche Prinz Hubertus von Hohenlohe, der nicht wusste was er mit seiner Zeit anfangen soll und zu seiner Zeit für Mexiko im Abfahrtslauf gestartet ist und regelmäßig die letzten Plätze belegt hat. Das habe er auch machen wollen, erzählt Raab und ist für Gespräche nach Moldawien gereist. Er erzählt mit Unterbrechung („Ich komm’ vom Privatfernsehen. Da nennt man das Cliffhanger“) eine abenteuerliche Anekdote. Sie spitzt sich immer weiter zu - bis Raab dann abbricht und bilanziert: „Hat aber nicht geklappt. Ich wollte ihnen ja heute was von Misserfolgen erzählen.“

Erfahrung sei nicht immer ein guter Ratgeber für Veränderung

„Wenn sie in Zukunft erfolgreich sein wollen, dann sollten sie - da habe ich auch meine Erfahrungen gemacht - nicht zu viel auf Personen geben, die mehr Erfahrung haben als sie“, rät Stefan Raab den jungen Gründern. „Erfahrung ist das, was zum Status Quo geführt hat. Die Welt ist aber in Bewegung und Erfahrung, also das Verwalten von Vergangenheit, hat da nicht so einen großen Einfluss wie die Neugier auf die Zukunft. Man muss manchmal Wege gehen, von denen einem Leute abraten, weil sie glauben, in ihrer Vergangenheit Gründe dafür gefunden zu haben. Vorne ist immer da, wo sich keiner auskennt.“

Über den Enthusiasmus der ersten Stunde

„Einer meiner wichtigsten Antriebe, war immer die Neugier“, sagt Raab über sich selbst. „Und eines der wichtigsten Prinzipien, den Enthusiasmus der ersten Stunde nicht zu verlieren. Am Anfang findet man eine Idee geil, dann diskutiert man ein halbes Jahr darüber und dann hat keiner mehr Bock. Das ist total oft so, ich hab das sehr häufig erlebt. In einer ‚TV Total‘-Sendung gab es mal das Spiel Autoball und da habe ich in der Sendung gesagt: ‚Leute, das ist total super. Da machen wir mal eine Primetime-Show draus.‘ Drei Monate später gab es die Autoball-WM in der Kölnarena. Und ich bin mir sicher, wenn wir da erst ein halbes Jahr drüber gesprochen hätten, wär es nicht dazu gekommen. Den Enthusiasmus der ersten Stunde sollten sie nie verlieren.“

Was die ZDF-Hitparade mit Twitter verbindet

Launig erzählt Raab auch, wie er mit seinem WM-Song „Börti Voigts“ 1994 einst zur „ZDF-Hitparade“ ging und dort das Televoting gewann, obwohl im Vorfeld die Sorge bestand, dass das ZDF-Publikum ihn doch gar nicht kenne. „Wir wissen doch nicht, wie viele Menschen da anrufen. Vielleicht sind das nur 50. Das kriegen wir schon irgendwie hin“, so Raab über seinen Konter auf die Sorgen von damals. „Das war damals wie Twitter heute. Wenn sie einen Twitter-Shitstorm bekommen, denken sie daran: Das sind vielleicht 20, 30 Leute. Selbst beim Fernsehen: Wenn es einen Twitter-Shitstorm über eine Sendung gibt, dann reden wir vielleicht über 200 Leute, die da tatsächlich aktiv sind. Da werden sie ganz schön beschissen. Wir haben das damals einfach trotz der Bedenken gemacht.“

Stefan Raab© Andreas Gebert


Noch ein „Misserfolg“ von Raab

Und dank VIVA-Zuschauern und aller Brainpool-Mitarbeiter, die anriefen, war er dreimal bei der „Hitparade“, gewann sogar die „Jahres-Hitparade“ und erhielt damit die Goldene Stimmgabel. Bei deren Verleihung sollte Raab noch einmal Voll-Playback singen, doch er hatte darauf keine Lust. So lief er während seines Auftritts in der Live-Sendung nur grinsend auf und ab - ohne die Lippen zu bewegen. „Das hat mich echt viel Überwindung gekostet“, so Raab. „Ich war ja nie einer, der im Hotel Fernseher aus’m Fenster geschmissen hätte. Ich hab lieber drei Minuten lang nur gelächelt und das ist mir schon ehrlich schwer gefallen“, sagt Raab und beömmelt sich rückblickend darüber. „Hilde Heck, die Frau von Dieter-Thomas Heck, hat mir nach der Sendung die Gage entzogen. Die vereinbarte Leistung, Singen zum Voll-Playback, sei nicht zu Stande gekommen.“ Noch ein Misserfolg, wie Raab ihn definiert.

"Versuchen sie nicht, sich treu zu bleiben"

Zum Ende hin folgten noch eine Reihe von Ratschlägen im Eiltempo, weil manche Anekdote zu viel Zeit gekostet hat. „Meine Philosophie, die ich auch ihnen nur ans Herz legen kann: Machen sie nur das, was sie selber gut finden. Denken sie nicht darüber nach, was andere gut finden könnten. Wenn sie etwas nicht gut finden, kann es kein Erfolg werden. Ich habe wirklich immer nur das gemacht, was ich gut fand… okay, bis auf die Rügenwalder Teewurst vielleicht“, sagt Raab und räumt nach dem Gelächter ein: Auch das mit der Rügenwalder Teewurst sei nicht so übel gewesen damals. Und ganz wichtig ist ihm: „Versuchen sie auch nicht, sich immer treu zu bleiben. Ich hör das so oft, aber ich ändere meine Meinung jeden Tag. Man muss ungeduldig sein, um anzupacken. Ungeduld ist eine positive Eigenschaft. Ich bin total ungeduldig - und jetzt schon froh, hier gleich wieder raus zu sein.“

Und dann kam noch kurz „Das Ding des Jahres“

Nur kurz vor Ende - etwas gehetzt durch das vorgegebene Zeitlimit, kam Stefan Raab über den Fidget Spinner-Boom dieses Sommers auf die von ihm produzierte, neue ProSieben-Show „Das Ding des Jahres“ zu sprechen. „Das ist keine StartUp-Show, weil wir Ideen in einem noch früheren Stadium zeigen. Wenn da einer gekommen wäre mit so einem Ding, bin ich mir nicht so sicher ob dieses Teil tatsächlich die Zustimmung der Zuschauer gefunden hätte.“ Die Show werde „so im Januar oder Februar“ starten. Mehr Details gab es nicht. Aber bei seinem abschließenden Blättern durch die Notizen am Ende der Keynote wird ersichtlich: Raab hätte noch viel mehr zu erzählen gehabt. Doch er verabschiedet sich - mit der Antwort auf die sich selbst gestellte Frage, was das Lustigste in seiner Karriere gewesen sei.

Stefan Raab: „Das Lustigste in meiner Karriere war das Kanzlerduell: MC Behämmert hat das Kanzlerduell moderiert. Das war das Lustigste von allem.“

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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