Servus TV © TaglichtMedia
Aufwärtstrend nach dem Fast-Aus 2016

Servus TV in Österreich: Rise Like A Phoenix

 

2016 wäre Servus TV beinahe eingestellt worden, rund eineinhalb Jahre später fährt der Sender Quotenrekorde in Österreich ein. Nun zeigt man erstmals eine eigenproduzierte Serie. Beim deutschen Ableger kommt es unterdessen zu personellen Änderungen.

von Timo Niemeier , Wien
02.11.2017 - 08:14 Uhr

Es ist vielleicht die skurrilste Medienposse des vergangenen Jahres gewesen: Weil Mitarbeiter von Servus TV einen Betriebsrat gründen wollten, kündigte Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz kurzerhand die Schließung des Senders an. Wenige Stunden später folgte schließlich die Einigung mit den Mitarbeitern und die Kehrtwende – Servus TV blieb doch erhalten, einen Betriebsrat gibt es bis heute nicht. Diese kleine Geschichte zeigt, wie weit Mateschitz bereits ist zu gehen, um seine Interessen durchzudrücken. Bis heute besteht diese Abhängigkeit, doch seit dem Fast-Aus 2016 hat sich viel getan. In Österreich ist Servus TV zuletzt wie ein Phönix aus der Asche auferstanden.

Ende 2016 begannen die Quoten langsam zu steigen. Lagen diese in der Vergangenheit beim Gesamtpublikum ab zwölf Jahren lange bei rund 1,5 Prozent, wurde im Oktober erstmals die Marke von 2,0 Prozent geknackt. Seit April dieses Jahres liegt Servus TV in Österreich durchgängig über dieser Marke und erzielte im September mit 2,4 Prozent sogar einen neuen Allzeit-Rekord. Diese Entwicklung liegt nicht zuletzt auch an einigen klugen Programmentscheidungen, die den Sender aus der jahrelangen Quoten-Lethargie befreit haben.


Ein großer Erfolg ist etwa die Einführung der neuen Reihe "Heimatleuchten" gewesen. Jeden Freitagabend zeigt Servus TV unter diesem Label Sendungen, die das Heimatgefühl transportieren sollen. Durchschnittlich sahen in diesem Jahr bislang rund 118.000 Menschen zu, der Marktanteil lag damit bei 4,6 Prozent – Tendenz steigend. Auch die Doku-Reihe "Terra Mater" ist nach wie vor sehr erfolgreich und kommt im Schnitt am Mittwochabend auf mehr als 100.000 Zuschauer und rund 3,7 Prozent. Ganz wesentlich zum derzeitigen Höhenflug beigetragen hat auch die erfolgreiche Sanierung des Vorabends. Werktags ist ab 19:35 Uhr die Quizshow "Quizmaster" zu sehen, die seit Beginn des Jahres auf rund 84.000 Zuschauer kam, das entspricht rund 3,6 Prozent. Hinzu kommen noch die sehr erfolgreichen Moto-GP-Übertragungen und auch bei den Nachrichten um 19:20 Uhr hat sich die Zuschauerzahl in den vergangenen zwei Jahren von 22.000 auf heute 96.000 vervielfacht.

Nicht wirklich typisch für Servus TV, aber dennoch erfolgreich: "Bares für Rares". Die ZDF-Sendung ist auch in Österreich beim Mainzer Sender zu sehen, Servus TV hat sich aber Sublizenzen gesichert und zeigt das Format auf verschiedenen Sendeplätzen, etwa werktags ab 14 Uhr. Um 18:30 Uhr ist die Trödel-Show ebenfalls zu sehen, hier kommt Horst Lichter auf durchschnittlich 2,2 Prozent Marktanteil und ist damit ein stabiler Quotenbringer am wichtigen Vorabend.

Wenn man ein Vollprogramm sein will, darf man sich eigenproduzierten fiktionalen Serien nicht verschließen.

Servus-TV-Chef Ferdinand Wegscheider

Nun will man es beim Sender wissen und zeigt ab diesem Donnerstag, den 2. November, die erste eigenproduzierte fiktionale Serie. Dabei handelt es sich um eine Pferdeserie: In "Trakehnerblut" geht es um die junge Alexandra, die in Wien lebt und unerwartet Alleinerbin des Trakehner-Gestüts Hochstetten wird. Die ersten Bilder sehen weniger nach "Die Kinder vom Süderhof" als nach aufwändig produziertem Familiendrama aus. "Wenn man ein Vollprogramm sein will, darf man sich eigenproduzierten fiktionalen Serien nicht verschließen", sagte der nicht unumstrittene, weil politisch sehr meinungsfreudige, Servus-TV-Chef Ferdinand Wegscheider vor wenigen Tagen bei der Programmpressekonferenz des Senders. Falls die Quoten gut sein sollten, kann sich Wegscheider auch eine zweite Staffel vorstellen. Sind die Quoten schlecht, heiße das aber nicht, dass man nicht mehr in Fiktionales investiere. "Wir wollen mehr davon", so Wegscheider. Produziert wurde "Trakehnerblut" übrigens von der Münchner Produktionsfirma Sam Film.

In Deutschland ist die Situation rund um Servus TV eine etwas andere. Bemühungen, hierzulande ein eigenes Profil aufzubauen, hat man schon vor Jahren zu den Akten gelegt, Sendungen eigens für den deutschen Markt gibt es nicht. Und weil der Sender eben auf Österreich ausgerichtet ist, sind die Quoten im eigentlich sehr wichtigen deutschen Markt deutlich geringer. Im September kam der Sender auf 0,3 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe ab 14 Jahre – das war der beste Wert des Senders in seiner Geschichte. Beim Gesamtpublikum ab 3 und den 14- bis 49-Jährigen waren zuletzt nicht mehr als 0,2 Prozent drin.

Anfang des Jahres kündigte Servus TV eine große Programmreform für den deutschen Sender an, von der heute aber schon wieder ziemlich viel zurückgedreht wurde. "Quizmaster" ist, anders als damals angekündigt, nicht im Programm zu finden. "Servus am Abend" wird doch nicht gezeigt und auch "Servus am Morgen" ist inzwischen nicht mehr zu sehen – das liegt aber daran, dass die Sendung aufgrund dem hart umkämpften Markt in Österreich vor wenigen Wochen komplett eingestellt wurde (DWDL.de berichtete). Auch die eigene Serie "Trakehnerblut" wird beim deutschen Servus TV vorerst nicht zu sehen sein. Beim Sender begründetet man das damit, sich erst einmal auf den österreichischen Markt konzentrieren zu wollen.

Deutschland: Nieswandt wird auch Senderchef

Die gute Entwicklung in Österreich hat aber offenbar neue Begehrlichkeiten für den deutschen Markt geweckt und so will man in den kommenden Monaten auch hierzulande wachsen. Die Weichen dafür stellt der Sender nun mit einigen personellen Änderungen: So wird Verkaufschef Matthias Nieswandt als neuer Senderchef ab sofort auch das Programm verantworten. Das ist eine neu geschaffene Position für Nieswandt, er leitet damit die Bereiche Sales, Marketing und Programm in Personalunion. Dass es zuvor keinen eigenständigen Senderchef gab, zeigt ganz gut, von wo Servus TV Deutschland kommt. Jetzt will man eigenständiger von Österreich werden. Unterstützung erhält Nieswandt künftig von Julia Fitzen, die die Leitung der Bereiche Marketing und Kommunikation übernimmt, und Mirsad Halilovic, der die Kommunikationsabteilung operativ leitet. Michail von Tsurikov wird im Zuge der Neuausrichtung ab sofort Mitglied der Verkaufsleitung. Hinzu kommen einige neue Mitarbeiter im Sales- und Marketing-Team.

Mit dieser neuen Personalstruktur will man künftig auch im deutschen Markt wachsen, das sagt man bei Servus TV ganz offen. Perspektivisch will man auch die Präsenz des Verkaufsbüros in Düsseldorf ausbauen. Matthias Nieswandt selbst sagt zur Neuaufstellung: "Das positive Feedback aus dem Zuschauer- und Werbemarkt sind die Triebfeder für den verstärkten Ausbau des Senders im wichtigen Markt Deutschland. Wir investieren konsequent in erstklassiges Programm sowie in kreative Marketing- und Kommunikationsaktivitäten. Als Qualitätssender ist Servus TV vor allem in puncto brand safety der optimale Partner der Werbeindustrie. […] Ich freue mich sehr, die anvisierten Ziele gemeinsam mit unserem hochmotivierten Team realisieren zu können, unsere Marktposition in Deutschland weiter auszubauen und unseren Zuschauern eine noch bessere Unterhaltung zu garantieren."

Inwieweit die Änderungen fruchten werden und Servus TV in Deutschland tatsächlich wachsen kann, muss sich erst noch zeigen. Um spürbar zuzulegen, wird Nieswandt dem Sender aber wohl eine große Programm-Reform verpassen müssen. Falls er dabei fragen hat, kann er sich ja an seine Kollegen in Österreich wenden. Dort hat man in den vergangenen Monaten schließlich vieles richtig gemacht und fährt nun die ersten größeren Erfolge ein. Wer braucht da schon einen Betriebsrat?

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit einer kleinen Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de. Lebt in Wien, das deutsche Fernsehen liebt er aber trotzdem. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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