Vergangene Woche in der Nacht von Montag auf Dienstag. Es ist kurz nach halb 1 und wer gerade zufällig bei RTL gelandet ist, der wird sich verwundert die Augen reiben. "Mein RTL"? Nein, den Geist von Dschungelcamp, Bachelor oder Superstars atmet hier nichts. Stattdessen geht es um die Werkstätten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Gezeigt werden die Schlosserei, die Tischlerei, die Kostümabteilungen und der Fundus und alles wirkt in diesen eineinhalb Stunden so, als strahle der Marktführer der privaten Fernsehsender in Deutschland gerade den Inbegriff von Slow-TV aus.

Zu Beginn des Films wird minutenlang kaum gesprochen, die Mitarbeiter des Theaters blicken im wahrsten Sinne des Wortes nichtssagend in die Kamera und die Ohrschützer, die sie tragen, wirken mitunter so, als habe man ihnen gerade Micky-Maus-Ohren aufgesetzt. Es soll vermutlich ernst gemeint sein, aber ganz sicher sein kann man sich nicht. Sicher ist nur, dass RTL diesen nächtlichen Spuk eigentlich gar nicht zeigen möchte, aber dennoch dafür bezahlen muss. Denn "10 vor 11", wie sich die Sendung nennt, ist ein sogenanntes Drittsendeformat.

Die Drittsendelizenzen wirken in Zeiten des Internets wie ein Anachronismus. Die großen Privatsender sind nach den Regelungen des Rundfunkstaatsvertrags dazu verpflichtet, unabhängigen Programmveranstaltern wöchentlich Sendezeit einzuräumen – "zur Sicherung der Meinungsvielfalt", wie es heißt. Wie das dann aussehen kann, hat Alexander Kluge in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt. Sein Ziel sei es, "das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet", steht auf seiner Website zu lesen. Wie viel Geld er dafür von RTL überwiesen bekommt, dagegen nicht.

Ende der 80er Jahre gründete Alexander Kluge, der als einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films gilt, die Firma dctp, an der neben ihm auch die japanische Werbeagentur Dentsu, "Der Spiegel" und die "Neue Zürcher Zeitung" Anteile halten. Ein Konglomerat, das in der Vergangenheit immer wieder den Zuschlag für Drittsendezeiten erhielt. Und so machte Kluge Magazine ohne Worte und Magazine, die allein von der Bildmonate und ihrer Musik lebten, oder, wie er sagt, Formate, "die ausloten, was Fernsehen eigentlich kommunikativ leisten kann, wenn es nicht ängstliches Quoten-TV sein muss".

Helge Schneiders absurde Auftritte

dctp steht auch hinter "10 vor 11", das seit 1989 als nächtliche Wundertüte im Programm von RTL zu sehen ist. Entstanden sind seither unzählige Filme wie jener über die Werkstätten der Volksbühne, aber auch groteske Sendungen, in denen man Helge Schneider wahlweise als Gammelfleischhändler, Großstadtförster von New York oder Chirurg von Silvio Berlusconi zu sehen bekam. Einmal schlüpfte Schneider in die Rolle des seh- und hörgeschädigten Rundfunkgebührenverweigerers Fred-Rudi Müller-Gehlhorn. Zitat: "Ich bin keine Quote. Ich bin ein Mensch."

Die Fragen stellte, klar, Alexander Kluge höchstpersönlich. "Jedes Jahr treffen wir uns für einige Tage. Er will vorher nicht wissen, was ich frage, ich weiß nicht vorher, was er antwortet", erklärte der Filmemacher vor einigen Jahren das Konzept, das an der Oberfläche zwar "wie Dada" aussehe, aber letztlich eine "radikale Alternative zum Spartenfernsehen" sei. Inzwischen ist Kluge 86 Jahre alt und hat für die neue Lizenzperiode keine Bewerbung mehr eingereicht. Die 1509. Ausgabe von "10 vor 11", die in der Nacht zu Dienstag bei RTL ausgestrahlt wird, ist daher die letzte.

Zum Abschied ist noch einmal ein 90-Minuten-Programm geplant, an dem nicht nur Helge Schneider mitwirken soll, sondern neben allerlei anderen auch Hannelore Hoger, Thomas Gottschalk, Olli Schulz und zwei Nobelpreisträger. Inhaltlich geht’s um Philosophie, Kunst, Wissenschaft und die "Abrüstung vom Sinnzwang". Der treffende Titel: "Jeder Zirkus hat ein Ende."

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