4 Blocks – Staffel 3 © Turner/W&B/Julian Baumann
Ausnahmeserie geht in die letzte Staffel

"Entweder Legende oder...": Das Vermächtnis von "4 Blocks"

 

Was wird aus Toni Hamady und seinem Clan? Mit der dritten Staffel endet die Familiensaga, die eine seltene Position zwischen Popularität, Kult und Kritikerlob erlangt hat. DWDL.de-Chefreporter Torsten Zarges analysiert, wie "4 Blocks" dieses Idealrezept gelungen ist.

von Torsten Zarges
07.11.2019 - 16:33 Uhr

Das Ausmaß an Geheimniskrämerei ist für eine deutsche Serie ungewohnt. Außer einem 90-sekündigen Trailer und ein paar vagen Sätzen zum Inhalt gibt es keine weitere Information über die dritte und letzte Staffel von "4 Blocks". In der Regel bekommt die Presse vorab ein paar Folgen zu sehen, damit ihre Rezensionen das Interesse weiter anheizen. Nicht in diesem Fall. Toni Hamady und sein Clan, so scheint es, haben keine PR mehr nötig.

Wer den Anfang vom Ende sehen will, muss also bis zur Ausstrahlung bei TNT Serie um 21 Uhr am Donnerstagabend warten. Oder eine Stunde früher zur Preview ins Kino gehen. Oder die Folge ab 21:50 Uhr bei Sky Ticket streamen. Es gibt nicht viele deutsche Serien, bei denen eine solche Verknappungsstrategie funktionieren würde. Doch bei "4 Blocks" dürfte sie aufgehen.

Die preisgekrönte Familiensaga rund um einen kriminellen libanesischen Clan in Berlin-Neukölln hat seit ihrem Start im Mai 2017 jene Position zwischen Popularität, Kult und Kritikerlob erlangt, die viele Serien anstreben, aber nur wenige erreichen. Die Macher konnten das nicht von Anfang an wissen – doch rückblickend stellt "4 Blocks" eine Art Idealrezept in Sachen Timing, Platzierung und Weiterentwicklung dar. Mit dem von Kida Khodr Ramadan geradezu kongenial verkörperten Ali "Toni" Hamady lernten wir zu Beginn einen vielschichtigen Anführer kennen, der seit 26 Jahren mit seiner Familie in Deutschland lebt und nach bürgerlicher Existenz samt unbefristeter Aufenthaltserlaubnis strebt. Die erste Staffel erzählte sowohl vom Unrecht, das ihm dabei widerfährt, als auch vom Unrecht, dass er selbst anderen antut, weil er viel zu tief in der Verantwortung des Clanchefs gefangen ist.

Um das fiktionale Agenda Setting zu würdigen, sollte man sich vor Augen führen, dass die Zeitungen vor zweieinhalb Jahren noch nicht tagtäglich über die realen Abou-Chakers und Miris berichteten. Für den deutschen Durchschnittszuschauer war die organisierte Kriminalität arabischer Clans allenfalls eine böse Ahnung. Früh hatte "4 Blocks" seine Finger am Puls der Zeit und hat seither ohne Frage zur gesellschaftlichen Wahrnehmung der komplexen fremden Welt beigetragen.

Viele Grautöne anstelle von simplem Schwarzweiß

Drei besondere Leistungen erscheinen dabei in ihrem Zusammenspiel von zentraler Bedeutung: Erstens schreckte TNT Serie anders als andere TV-Sender nicht vor dem polarisierenden Stoff zurück. Zweitens entschieden sich Turner-Eigenproduktionschefin Anke Greifeneder, Regisseur Marvin Kren, Produzent Quirin Berg sowie das Autorentrio Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad dafür, viele Grautöne anstelle von simplem Schwarzweiß zu zeichnen. Liebe, Loyalität, Sehnsucht und weitere Formen von Menschlichkeit machten die Figuren, die vordergründig Gangster sind, zu packenden Charakteren aus Fleisch und Blut, ohne dabei ihre Verbrechen und Grausamkeiten zu verharmlosen.

Drittens verzichtete "4 Blocks" auf die dem deutschen TV-Publikum über Jahrzehnte eingetrichterte Perspektive der Ermittlerfigur. Die von Frederick Lau und Oliver Masucci gespielten Polizisten – verdeckter Ermittler der eine, cholerischer Kommissar der andere – waren ebenso wie die Hamadys Getriebene ohne eindeutigen inneren Kompass. Wer die Serie guckt, so die sympathische Unterstellung, ist selbst clever genug, das Gesehene moralisch einzuordnen.

Ein solcher Hype, wie ihn die erste Staffel verdient erlebte – die "Zeit" nannte "4 Blocks" das deutsche "Gomorrha", die "Süddeutsche" das deutsche "Sopranos", es hagelte Auszeichnungen wie den Grimme-Preis und drei Deutsche Fernsehpreise – legt die Latte ziemlich hoch für jegliche Fortsetzung. Erneut wurden mutige und richtige Konsequenzen gezogen. Mit dem frischen Blick der Regisseure Oliver Hirschbiegel und Özgür Yildirim drang die zweite Staffel weiter in die düsteren Untiefen vor, machte Schuld und Rache zum zentralen Motiv und wurde dadurch zwangsläufig brutaler. Eine folgerichtige Entscheidung, nachdem Toni Hamady im Finale der ersten Staffel zum Mörder geworden war. Neben den blutigen Auseinandersetzungen mit dem rivalisierenden al-Saafi-Clan zeichnete sich die zweite Staffel auch durch einen größeren Part der Frauenrollen aus, allen voran Maryam Zaree als Tonis Ehefrau Kalila.

Die dritte Staffel – geschrieben von Hanno Hackfort, Frédéric Hambalek und Niko Schulz-Dornburg, inszeniert von Özgür Yildirim – wird nun zunächst den Cliffhanger um Kalila aufzuklären haben, die im Finale der zweiten Staffel von einer eigentlich für Toni bestimmten Kugel getroffen worden war. Der Sender verrät vorab nicht mehr, als dass neue Kontrahenten in Berlin eintreffen und Verbündete zu gefährlichen Rivalen werden. "Hochmut und Hass", heißt es in der Kurzbeschreibung, "aber auch grenzenlose Loyalität und Liebe drohen die Hamadys zu zerstören. Denn die vielleicht größte Gefahr könnte dem Clan in der dritten Staffel aus den eigenen Reihen drohen."

In der Dokumentation "Inside 4 Blocks", die TNT Serie nach der sechsten und allerletzten Folge am 12. Dezember ausstrahlen wird, erinnert sich der Rapper Massiv, der Tonis Schwager Latif spielt, an sein Gefühl vor Sendestart: "Entweder wird das Legende oder es fährt gegen die Wand." Sofern die dritte Staffel das hohe Niveau hält, dürfte die Antwort feststehen.

Die dritte und letzte Staffel von "4 Blocks" läuft donnerstags um 21 Uhr bei TNT Serie. Die neuen Folgen sind jeweils nach Ausstrahlung bei Sky Ticket abrufbar. Dort stehen auch die kompletten Staffeln 1 und 2 zur Verfügung.


Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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