Was den Hunger nach Dokuserien betrifft, geht es Jonas Schlatterbeck nicht viel anders als seinen Kollegen bei den großen internationalen Streamern. Die Nachfrage nach dem Genre – gerade auch aus den jüngeren Zielgruppen – ist förmlich explodiert. Am Wachstum der ARD-Mediathek im laufenden Jahr habe es den höchsten Anteil aller Genres, sagt deren Head of Content, auch wenn in absoluten Zahlen immer noch die Nutzung der fiktionalen Serien vorn liege. Mit "Reeperbahn Spezialeinheit FD65" und "Die Kryptoqueen" hat Schlatterbeck gerade zwei seiner kommenden Perlen auf dem Film Festival Cologne vorgestellt und bei der Gelegenheit gleich erläutert, dass solche High-End-Produktionen immer häufiger den Sprung auf die sogenannte "Stage" schaffen – die prominente Präsentationsfläche ganz oben auf der Startseite der Mediathek. Da, wo die mutmaßlichen Streaming-Zugpferde stehen.

Die wirklich aufwendigen Vertreter des Genres kosten zwar immer noch deutlich weniger als hochwertige Fiction, aber die Budgets sind steil nach oben geklettert, seit man im direkten Vergleich mit internationalen Dokus von Netflix oder Amazon steht. Christian Beetz, der seine Gebrüder Beetz Filmproduktion gerade an Leonine Studios verkauft hat (DWDL.de berichtete), ist nicht ohne Grund dazu übergegangen, gezielt nach international vermarktbaren Themen zu suchen. "Die Reeperbahn kennt man fast überall auf der Welt, da schwingt das gewisse Etwas mit", so der Produzent bei der Kölner Festivalpremiere. Daraus folgt ein so großes Vertriebspotenzial im Ausland, dass er mit einem deutschen Senderanteil von 40 Prozent des Gesamtbudgets auskommt, für den NDR, WDR, SWR und RBB zusammengelegt haben.

Reeperbahn Spezialeinheit FD65 © NDR/Gebrüder Beetz
Als fünfteilige True-Crime-Serie steht "Reeperbahn Spezialeinheit FD65" bereits in der ARD-Mediathek online. Am 30. Oktober folgt eine 90-minütige Dokumentation als lineare TV-Version um 21:45 Uhr im Ersten – weil sich die serielle Darreichungsform inmitten des klassischen Programmablaufs laut WDR-Doku-Chefin Christiane Hinz immer noch schwer tun würde. Mit jeder Menge Archivmaterial, teils noch unveröffentlicht, und passgenau eingewebten Interviews erzählt "Reeperbahn" die Geschichte der allerersten deutschen Polizeieinheit, die sich in den 80er Jahren der Bekämpfung des organisierten Verbrechens auf St. Pauli widmete. Sowohl aufseiten des Milieus wie auch der mittlerweile pensionierten Polizeibeamten haben die Filmemacher Ina Kessebohm, Carsten Gutschmidt und Georg Tschurtschenthaler starke Protagonisten aufgetan, die von der allgegenwärtigen Korruption und den weiten Verstrickungen bis hin zur Glücksspielmafia von Las Vegas berichten.

Die Kryptoqueen © WDR/Henning Weskamp
Auf die Spuren des wohl größten und dreistesten Internet-Betrugs der Gegenwart begeben sich Johan von Mirbach und Philipp Bovermann mit ihrer vierteiligen True-Crime-Serie "Die Kryptoqueen". Seit fünf Jahren ist die Deutsch-Bulgarin Ruja Ignatova – laut FBI eine der zehn meistgesuchten Verbrecherinnen der Welt – spurlos verschwunden. Zuvor hatte sie mit ihrer angeblichen Kryptowährung OneCoin über drei Millionen Anleger betrogen und mehrere Milliarden Euro erbeutet. Mirbach und Bovermann – der Feuilleton-Redakteur der "Süddeutschen" hatte zuvor über den Fall geschrieben – ist es gelungen, ebenso schillernde wie erhellende Gesprächspartner aus Ignatovas Umfeld vor die Kamera zu holen. Die Serie – ab 5. November in der ARD-Mediathek – lebt davon, dass sie Geld und Glamour mit ausgeruhter Recherche begegnet. Ergänzend zum Vierteiler, produziert von der Kölner a&o Filmproduktion, läuft auch hier ein 90-Minüter unter dem Titel "Die Kryptoqueen – der große OneCoin-Betrug" am 28. November im Ersten.

Second Move Kills © RTL
Während es vor einem Jahr die ARD war, die mit einer Politiker-Langzeitbeobachtung, nämlich "Kevin Kühnert und die SPD", positiv überraschte, zieht nun RTL+ in diesem Subgenre nach. Dokumentarfilmer Aljoscha Pause hatte bereits vor der Corona-Pandemie begonnen, den aufstrebenden Jens Spahn zu begleiten, und war schließlich hautnah mit der Kamera dabei, als der Gesundheitsminister zum obersten Krisenmanager wurde. Der Neunteiler "Second Move Kills – 5 Jahre mit Jens Spahn" – ab 2. November auf RTL+ – gewährt teils intime Einblicke, die nachvollziehbar machen, wie der durchaus polarisierende Spahn erst zum beliebtesten Spitzenpolitiker, dann zum geprügelten Buhmann wurde. Klug gesetzt sind zahlreiche einordnende Statements von anderen Politikern wie Karl Lauterbach, Friedrich Merz oder Wolfgang Schäuble und journalistischen Beobachtern wie Robin Alexander oder Markus Feldenkirchen. Für Bertelsmann ist die Dokuserie Teil eines Crossmedia-Pakets: Spahns Buch "Wir werden einander viel verzeihen müssen" ist Ende September bei Penguin Random House erschienen.

Die Kinder von Lügde © ZDF/Mona Eing/Michael Meiss
Im direkten Vergleich der Öffentlich-Rechtlichen fällt auf, dass die ARD für ihre Mediathek wesentlich konsequenter auf Dokuserien setzt als das ZDF. Immerhin bedienen die Mainzer ab 17. November den True-Crime-Bedarf mit dem von Spiegel TV produzierten Vierteiler "Die Kinder von Lügde – Alle haben weggesehen". Auf einem Campingplatz im Weserbergland hatten zwei Haupttäter 20 Jahre lang nahezu ungestört 32 Kinder sexuell missbraucht, von anderen via Livestream beobachtet. Das kam 2018 durch die Mutter eines Opfers ans Licht, nachdem Polizei und Jugendämter zuvor offenbar systematisch weggesehen hatten. Die Frage, wie das passieren konnte, steht im Zentrum der Doku, die erst minutiös das Täter-Umfeld analysiert, dann die Rolle der staatlichen Institutionen, das Versagen der Ermittler und die Urteilsfindung vor Gericht hinterfragt. Die betroffenen Kinder sind nicht vor der Kamera zu sehen, sondern wurden von Illustratoren gezeichnet und animiert.

Jung Wild Grenzenlos © MDR/UFA
Zurück in die 90er geht's mit der vierteiligen Serie "Jung Wild Grenzenlos – Wochenende in den 90ern", die am 16. November in der ARD-Mediathek startet. UFA Documentary nimmt hier im Auftrag des MDR die ostdeutsche Jugend der Nachwendezeit mitsamt ihrer Pop- und Partykultur in den Blick. Zwischen neuer Freiheit und wirtschaftlichem Niedergang verdrängte der Hunger nach Vergnügen die Existenzängste der meisten 16- bis 26-Jährigen. Aus Industriebrachen wurden Clubs, internationale Künstler spielten nun auch im Osten. Die Filmemacher Kathrin Schwiering und Alexander Kühne lassen etliche Jugendliche von damals ihre Erinnerungen erzählen und inszenieren sie mit Reenactments im Retro-Look, gefilmt mit Hi8-Videokameras an Originalschauplätzen. Zu Wort kommen auch ostdeutsche Stars wie Rammstein-Gitarrist Paul Landers, der sich an die Gründung der Band erinnert, oder Paul van Dyk, der beinahe Tischler geworden wäre, ehe er zum weltweit gefeierten DJ aufstieg.

"Reeperbahn Spezialeinheit FD65" (seit 27.10.), "Die Kryptoqueen" (ab 5.11.), "Jung Wild Grenzenlos" (ab 16.11.), ARD-Mediathek.
"Second Move Kills – 5 Jahre mit Jens Spahn" (ab 2.11.), RTL+.
"Die Kinder von Lügde" (ab 17.11.), ZDF-Mediathek.