Unter den Titeln "Die Bedeutung von Medien für die Demokratie" und "The Power of Cooperation - Media in Europe" ist beim von ProSiebenSat.1Puls4 und ORF ausgerichteten 4Gamechangers-Festival in Wien am Donnerstag in zwei Panels diskutiert worden - inhaltlich gab es dabei viele Überschneidungen. So ging es um den Vertrauensverlust der Menschen in Institutionen wie etwa die Medien, aber auch um Fake News, Propaganda und eine immer aufgeheiztere Stimmung in der Gesellschaft, die zuletzt immer wieder zu Angriffen führte, zum Beispiel auf Politiker. 

So wie am Mittwoch, als der slowakische Premierminister Robert Fico angeschossen wurde und zwischenzeitlich in Lebensgefahr schwebte. Das Attentat auf Fico ist am Donnerstag immer mal wieder Thema in Wien, weil es zeigt, welche Gefahr von einer extremen Polarisierung ausgeht, die viele Diskutanten auch auf zu wenig Regulierung von großen Social-Media-Giganten aus den USA oder China zurückführten. Aber eben auch darauf, dass viele Menschen den klassischen Medien, aber auch der Politik, nicht mehr vertrauen würden. 

Clemens Pig, Chef der österreichischen Nachrichtenagentur APA, sprach davon, dass demokratische Prinzipien in vielen Ländern im Rückbau seien. Medien würden allerdings zur "demokratischen Infrastruktur" gehören und seien daher "immer die ersten Anschlagsziele". Um den Vertrauensverlust von Menschen in klassischen Medien zu stoppen, schlug er konkret drei Punkte vor: Transparenter machen, was professionelle Nachrichten eigentlich sind, eine neue Fehlerkultur etablieren und die Menschen in ihren Lebensrealitäten besser verstehen. Kooperationen von professionellen, klassischen Medien sind für Pig "alternativlos". 

Roland Weißmann © Monika Fellner Roland Weißmann
Unterstützung erhielt der APA-Chef von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann, der davon sprach, dass man trotz aller Widrigkeiten versuchen müssen, die gesamte Bevölkerung zu erreichen. Auch er plädierte für eine neue Fehlerkultur, was vor allem Verfassungsministerin Karoline Edtstadler erstaunte - sie bekommt davon aktuell allem Anschein nach noch wenig mit. "Glaubwürdigkeit ist für den Journalismus das höchste Gut", sagte Weißmann. Durch Social Media komme aber immer wieder das Gefühl auf, alles müsse schneller gehen und Probleme sofort gelöst werden. Das entspreche aber nicht der Realität: "Das Leben wird immer komplizierter." Einfache und schnelle Lösungen gebe es da nicht. 

Noch deutlicher wurde Markus Breitenecker, lange Chef von ProSiebenSat.1Puls4 und zuletzt in den Vorstand des Mutterkonzerns berufen. "Unser Hauptproblem ist, dass es eine neue Art von Medien gibt, die schnell und leicht so süchtig machen, dass die Menschen klassische Medien nicht mehr verwenden." Der P7S1-COO plädiert daher für eine Neudefinition des dualen Rundfunksystems, der Manager will lieber ein "kooperatives Mediensystem einführen". Dort würden dann Öffentlich-Rechtliche und Private auf einer Seite stehen und eng zusammenarbeiten. Auf der anderen Seite stünden die Social-Media-Konzerne. "Die müssen viel stärker reguliert werden", sagt Breitenecker. "Auch wesentlich stärker als klassische Medien."

Breitenecker wirbt bei Herrmann

Markus Breitenecker © Monika Fellner Markus Breitenecker
Als Breitenecker Verfassungsministerin Edtstadler dann noch vorschlägt, sie solle die junge Zielgruppe nicht über ihren TikTok-Kanal ansprechen, sondern lieber über Joyn, sorgt das für viele Lacher im Publikum - und auf dem Podium. Doch Breitenecker meint es ernst mit seiner Forderung nach einer Neudefinition des dualen Systems. "Wir stehen an einem Tipping Point, der eine Gefahr für die liberale Demokratie ist". Breitenecker: "Soziale Medien haben die klassischen Medien sowohl wirtschaftlich als auch bei der Reichweite überholt", warnt der Manager. 

An Kooperationen, da sind sich alle einig, führt mittlerweile kein Weg mehr vorbei. Immer wieder wird erwähnt, dass ProSiebenSat.1Puls4 und ORF nicht nur beim Festival zusammenarbeiten, sondern auch bei Joyn. ORF-Chef Weißmann hat in Wien an die anderen österreichischen Medienanbieter auch einen Vorschlag mit im Gepäck. Er will, dass ORF und die privaten Lobby-Verbände VÖZ (Print) und VÖP (TV) gemeinsam ins Gespräch kommen, um herauszufinden was es braucht, um den Medienstandort für die Zukunft fit zu machen.

"Die Geschichte hat uns gelehrt: Von Österreich lernen heißt Siegen lernen."
Florian Herrmann, bayerischer Staatsminister


Bei Markus Breitenecker rennt er damit offene Türen ein - der ist inzwischen aber ja vor allem für Deutschland zuständig und daher auch in Wien in einer anderen Sache unterwegs. So warb er vor dem bayerischen Medienminister Florian Herrmann für die Idee, Joyn auch in Deutschland als Super-Streamer zu positionieren. Warum man in Deutschland nicht einfach wie in Österreich verfährt, wo die ORF-Inhalte ja schlicht unter Verweis auf die EuGH-Judikatur eingebunden werden (DWDL.de berichtete), ist am Donnerstag in Wien leider nicht geklärt worden. Und so scheitert die deutsche Super-Plattform Joyn, anders als in Österreich, noch daran, dass weder RTL noch die Öffentlich-Rechtlichen dort mit ihren Inhalten, live wie on demand, vollständig verfügbar sind. "Wir haben einen Weg gefunden, der zum Vorteil von allen Seiten ist", sagte Breitenecker über Joyn in Österreich. 

Florian Herrmann © Monika Fellner Florian Herrmann
Florian Herrmann zeigte sich auf einem anderen Panel zuvor bereits angetan von der Idee. "Die Geschichte hat uns gelehrt: Von Österreich lernen heißt Siegen lernen", so der bayerische Staatsminister. Der Kooperationsgedanke sei "faszinierend" und er wüsste nicht, was dagegen spreche - "außer die Gewohnheiten". Und weiter: "Das österreichische Modell ist eins, das wir uns in Deutschland ansehen sollten". Er jedenfalls würde weitere Kooperationen zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen begrüßen. 

Der bayerische Medienminister kritisierte auch die aus seiner Sicht überbordenden Versuche der Politik, private Medien zu regulieren. "Es muss sich für Qualitätsjournalisten auch noch lohnen, ihre Arbeit zu machen", sagte er und verwies auf das geplante Verbot von Werbung für ungesunde Lebensmittel, das Ernährungsminister Cem Özdemir aktuell plant - das aber seit Monaten nicht so recht vorankommt. Die privaten Anbieter lobte Herrmann, weil diese inzwischen versuchen würden, mit Investitionen in News-Inhalte einen positiven Effekt für die Demokratie und den Diskurs in der Gesellschaft zu bieten. 

Habets: Informationen für Private nicht immer einfach

Bert Habets © Monika Fellner Bert Habets
Damit meinte Herrmann, wohl auch standortbedingt, ProSiebenSat.1. Für Bert Habets ging das Lob vermutlich runter wie Öl. Der Chef des TV-Konzerns betonte in Wien die Unabhängigkeit der eigenen Nachrichtenberichterstattung und sagte: "Die Bereitstellung hochwertiger und fundierter Information ist unser Beitrag zur Demokratie und Gesellschaft." Es sei als Privatsender aber "nicht immer einfach", das zu tun. Habets fordert daher eine Diskussion darüber, was Private mit ihren Angeboten für die Gesellschaft leisten. Um Informationen zu vermitteln, gehe es vor allem um Glaubwürdigkeit und eine Kommunikation auf Augenhöhe, so Habets. 

Andreas Briese, der Country Director YouTube Germany, geriet bei der Diskussion als Chef einer großen Plattform ein wenig in die Defensive, weil er sich zunächst einmal rechtfertigen musste. "Uns geht es nicht darum, die Nutzer in Rabbitholes zu treiben", sagte er und betonte, auch auf YouTube wolle man Vielfalt anbieten. Selbstverständlich sei es aber auch das Ziel, den Nutzern immer das bestmögliche nächste Video anzubieten. Über zu wenig Regulierung könne er sich jedenfalls nicht freuen, sagt Briese. "Wir sind regulierte Plattformen." Briese verwies auch auf die Community Guidelines, auf deren Basis regelmäßig auch Falschinformationen, die über die Plattform verbreitet werden, "rigoros entfernt" würden.