Bert Habets © Seven.One / Benedikt Müller Bert Habets
Seit fast eineinhalb Jahren steht Bert Habets nun schon an der Spitze von ProSiebenSat.1. Und in dieser Zeit hat er den Konzern kräftig umgekrempelt: Die Führung des wichtigen Unterhaltungsbereichs zog er an sich, zahlreiche Führungskräfte mussten gehen. Habets drückte aufgrund der Werbekrise ein Sparprogramm durch, befriedete das zuvor vergiftete Verhältnis zu Großaktionär Media for Europe (MFE), richtete den Konzern konsequent auf die Unterhaltung aus und musste sich mit regulatorischen Fragen rund um Jochen Schweizer mydays beschäftigen.

Ganz nebenbei will Habets Joyn zu einer Art Super-Mediathek ausbauen, in der die Userinnen und User im Idealfall die Bewegtbild-Inhalte von allen relevanten Playern Deutschlands sehen können. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als ProSiebenSat.1-Chef schlug Habets direkt vor, Joyn als branchenverbindende Plattform für Öffentlich-Rechtliche und Private auszubauen. Die Idee einer Art Super-Mediathek ist nicht neu und sogar schon älter als Joyn in seiner heutigen Form. Bereits 2018 trug der damalige BR-Intendant und ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm eine ähnliche Vision zu diversen Anlässen vor. Und doch blieb es: eine Vision. Seither wabert das Thema immer mal wieder durch die Branche - und zuletzt eben meist angefeuert durch Bert Habets, der in Interviews darüber spricht bzw. sprechen lässt. 

Wirklich vorangekommen ist man in Unterföhring bei dem Vorhaben allerdings nicht. Und das hat auch einen Grund: Die Öffentlich-Rechtlichen und RTL, die wohl wichtigsten Partner bei einem solchen Projekt, zeigen wenig Interesse an Habets’ Ideen. RTL arbeitet zwar bei verschiedenen Themen mit ProSiebenSat.1 zusammen, in Sachen Streaming setzt man aber lieber auf seine eigene Plattform RTL+ - und schon da ist es für die Kölner ein merkbarer Kraftakt, die verschiedenen Mediengattungen unter einem Dach zu vereinen. Bei RTL+ gibt es neben den TV-Inhalten ja auch Audio-Content und Lesestücke aus den Magazinen.

Gespräche: Ja, aber...

Und die Öffentlich-Rechtlichen? Da ist die Situation besonders spannend. Denn nachdem Bert Habets landauf und landab in Interviews davon sprach, mit ARD und ZDF in Gesprächen zu möglichen Joyn-Kooperationen zu sein, reichte es allen voran der ARD vor wenigen Wochen. Mitte Januar erklärte ein Sprecher gegenüber dem Branchendienst "Medieninsider": "Die ARD führt keine Gespräche mit ProSiebenSat.1 und sieht auch keine vor." Es stelle sich derzeit nicht die Frage, ob jenseits des Livestream-Angebots aktuelle VoD-Programminhalte auf der Plattform eines privaten Medienanbieters zur Verfügung gestellt würden.

Basta. Das hat gesessen. 

Und Bert Habets? Der machte munter weiter. "Die Gespräche laufen auch, aber sie sind sehr komplex angesichts der Strukturen von ARD und ZDF", erklärte der ProSiebenSat.1-Chef zuletzt in einem Interview mit der "FAZ". Davor sagte Henrik Pabst, Chief Content Officer der Sendergruppe, im DWDL.de-Interview, man sei in "weitergehenden Diskussionen mit den Öffentlich-Rechtlichen, deren Mediatheken sich unserer Meinung nach sehr gut integrieren ließen". 

ARD, ZDF © ARD, ZDF
Und tatsächlich hat sich in den zurückliegenden Wochen etwas getan. "Mit Joyn gibt es seit mehreren Jahren eine Zusammenarbeit bei der Weitersendung der linearen TV-Sender der ARD. Über die Ausweitung der Kooperation auf die ARD Mediathek gab es jüngst einen ersten Austausch", heißt es nun von einem ARD-Sprecher gegenüber DWDL.de. Und dennoch ist wohl nicht mit einer schnellen Einigung zu rechnen. Die ARD verweist auf das Streaming-Netzwerk mit dem ZDF und erklärt, dass hier die Priorität liege.

Dieses Netzwerk will man erst einmal auf- und ausbauen - perspektivisch auch mit Inhalten von anderen öffentlich-rechtlichen Anbietern aus Europa. Vom ZDF heißt es dazu gegenüber DWDL.de: "Wir verstehen das Projekt als ein europäisches und könnten uns gut vorstellen, auch andere Partner zu beteiligen. Im Augenblick sind wir vor allem mit anderen öffentlich-rechtlichen Sendern in konkreten Gesprächen." Unabhängig davon, so der ZDF-Sprecher weiter, sei man mit ProSiebenSat.1 in einem "regelmäßigen Austausch über Optionen der Zusammenarbeit".

Mit Joyn gibt es seit mehreren Jahren eine Zusammenarbeit bei der Weitersendung der linearen TV-Sender der ARD. Über die Ausweitung der Kooperation auf die ARD Mediathek gab es jüngst einen ersten Austausch.
ARD-Sprecher


Das Netzwerk von ARD und ZDF soll auch Ausgangspunkt sein für die Entwicklung der technischen Basis einer öffentlich-rechtlichen Plattform - so wie es auch die Politik fordert. "Perspektivisch geht es um die Entwicklung und den Betrieb eines gemeinsamen technischen Plattformsystems – als selbstständige, gemeinsame Organisationseinheit von ARD, ZDF und Deutschlandradio", so der ARD-Sprecher gegenüber DWDL.de. Diese künftige Plattform soll "anschlussfähig für andere" sein, heißt es von der ARD. Damit meint man in erster Linie aber "gemeinwohl-orientierte Anbieter" - also nicht kommerzielle Sendergruppen, wie ProSiebenSat.1 eine ist.

"Für die Etablierung und Erweiterung einer solchen Plattforminfrastruktur braucht es die notwendigen rechtlichen und technologischen Voraussetzungen und gemeinsame Werte als Fundament", so der ARD-Sprecher. Das ist eine interessante Formulierung: Die ARD sieht aktuell also nicht nur rechtliche und technologische Hürden beim möglichen Aufbau einer gemeinsamen Plattform mit privaten Anbietern - sondern auch inhaltliche. Das ZDF machte bereits vor Monaten klar, dass es zunächst erst einmal eine Gesetzesänderung brauche, wenn es eine gemeinsame Plattform mit den Privaten geben solle. 

Bedenken bei den Öffentlich-Rechtlichen

Forsthaus Rampensau © Joyn / Nadine Rupp Forsthaus Rampensau
Wenn man sich im öffentlich-rechtlichen Kosmos auf Spurensuche begibt, hört man gleich von mehreren Gründen, die aktuell gegen eine Super-Plattform Joyn sprechen: Manche können sich nicht vorstellen, dass öffentlich-rechtliche Inhalte plötzlich neben Realityshows à la "Forsthaus Rampensau" & Co. stehen, anderen verweisen darauf, dass es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer darum gehen muss, Filterblasen aufzubrechen und nicht noch zu verstärken. Auch die Themen Jugend- und Datenschutz werden DWDL.de in Gesprächen genannt. 

Und wohl auch nicht unwesentlich: Der Größenunterschied. ARD und ZDF haben ihre Mediatheken in den zurückliegenden Jahren stark auf- und ausgebaut. Die Plattformen der Öffentlich-Rechtlichen sind nicht nur inhaltlich umfangreicher, sie werden auch viel stärker abgerufen als zum Beispiel Joyn. Das hat in der Vergangenheit neben der ARD/ZDF-Onlinestudie unter anderem auch die AGF-Plattformstudie bestätigt. Nun alle Inhalte zu Joyn zu bringen, um diese deutlich kleinere Plattform damit groß zu machen, erscheint vielen bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht sinnvoll.

Dass Bert Habets die Idee in dieser Form trotzdem immer weiter vor sich her trägt, erinnert ein wenig an einen kleinen Hund, der seinen größeren Kontrahenten unaufhörlich anbellt, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Und selbst wenn man alle diese Hürden aus dem Weg räumen würde: Über kartellrechtliche Einschränkungen ist dann noch keine Sekunde lang gesprochen worden. Und so bleibt die mögliche Super-Plattform Joyn vor allem eins: Ein Traum von Bert Habets. 

"Wir sind davon überzeugt, dass ein breites und anbieterübergreifendes Angebot kostenfrei mit lokalem Content leicht zugänglich auf nur einer Plattform genau das richtige ist für die Nutzer:innen in Deutschland."
ProSiebenSat.1-Sprecherin


Der ProSiebenSat.1-CEO ist ganz augenscheinlich trotzdem optimistisch, Joyn noch entscheidend mit externen Partnern ausbauen zu können. "Wir sind davon überzeugt, dass ein breites und anbieterübergreifendes Angebot kostenfrei mit lokalem Content leicht zugänglich auf nur einer Plattform genau das richtige ist für die Nutzer:innen in Deutschland", heißt es von einer Unternehmenssprecherin gegenüber DWDL.de. Eine weiterführende Inhalte-Kooperation würde einen "großen Mehrwert für alle Nutzer:innen in Deutschland bieten". 

Habets und das Vorbild Österreich

Markus Breitenecker, Joyn © Gerry Frank Markus Breitenecker
Bert Habets hat einen guten Grund an Joyn zu glauben, schließlich hat man das Angebot in Österreich bereits zu einer Art Super-Plattform ausgebaut. Dort finden die Userinnen und User nicht nur die Livestreams der Sender der eigenen Gruppe, sondern auch die der größten österreichischen Konkurrenten ORF und ServusTV. Hinzu kommen sämtliche VoD-Inhalte dieser und zahlreicher anderer Sender. Hier ist dem Team von Markus Breitenecker, Geschäftsführer der P7S1-Tochter ProSiebenSat.1Puls4, tatsächlich etwas gelungen, dass es im deutschsprachigen Raum sonst nicht gibt. 

Die Art und Weise, wie Joyn in Österreich die ORF-Inhalte einbindet, wirft aber auch Fragen auf, die für Deutschland ebenfalls interessant sein könnten. ProSiebenSat.1Puls4 bestätigt gegenüber DWDL.de, dass man mit den meisten Medienanbietern wie etwa ServusTV Vereinbarungen getroffen habe, die die "Weitersendung der diversen Live-TV Signale bzw. das Angebot von on Demand Inhalten, sowie die Vermarktung dieser Inhalte regeln". Anders sieht es beim ORF aus, hier gibt es nämlich keine Vereinbarung zwischen den Unternehmen. "Beim ORF werden die Live-TV-Signale weitergesendet bzw. verlinken wir auf seine On-Demand-Inhalte."

Auf welcher Basis das passiert und wie das ohne Vereinbarung mit dem ORF möglich ist, beantwortet ProSiebenSat.1Puls4 nicht. "Weitergesendet" bzw. "Verlinken" bedeutet in dem Fall zwar, dass die auf Joyn für ORF-Inhalte erzielten Reichweiten dem ORF zugerechnet werden, die Userinnen und User müssen für den Abruf der Formate Joyn aber nicht verlassen. 

Mehr Klarheit bringt der ORF. Auf Anfrage des Medienmagazins DWDL.de heißt es von einem Unternehmenssprecher, die Einbindung der ORF-Inhalte auf Joyn erfolge nicht auf Basis einer lizenzvertraglichen Einigung. "ProSiebenSat.1Puls4 hat den ORF auf Nachfrage darüber informiert, dass die Inhalte der TVThek durch Verlinkung im Wege der Embedding/Framing Technologie in das von ihr betriebene Streaming-Angebot ein[ge]bettet werden. Nach Ansicht von P7S1P4 ist diese Verlinkung im Rahmen der Judikatur des EuGH rechtlich zulässig." 

Joyn bietet in Österreich die Inhalte des ORF also nicht an, weil man mit der öffentlich-rechtlichen Anstalt eine Einigung darüber erzielt hat, sondern weil man der Meinung ist, dass man das gesetzlich ohnehin darf. Dem ORF scheint das nichts auszumachen. Die Rufe nach Kooperationen in der österreichischen Medienbranche wurden in den vergangenen Jahren immer lauter, für ORF-Chef Roland Weißmann war der Start von Joyn ein willkommener Anlass, um von einem "Schulterschluss der Medienbranche" zu sprechen. Gleichzeitig legt man selbst einen starken Fokus auf das neue ORF On, das die TVthek demnächst komplett ablösen soll (DWDL.de berichtete). 

EuGH: Andere Auswirkungen in Deutschland? 

Wenn ProSiebenSat.1 in Österreich aber gar keine Vereinbarung mit dem ORF hat und dessen Inhalte mit Verweis auf das EuGH dennoch anbietet, was ergibt sich daraus für Deutschland? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage zu erhalten, ist gar nicht so einfach. Eine Unternehmenssprecherin von ProSiebenSat.1 erklärt auf Anfrage zunächst, die Regelung in Österreich sei so nicht 1:1 auf Deutschland anzuwenden. Nach der Bitte um eine Konkretisierung heißt es nur: "Die Öffentlich-Rechtlichen Medien sind bereits seit über drei Jahren bei uns mit Live-Streams aller ihrer Sender vertreten. Wir führen auf verschiedenen Ebenen Gespräche, unter anderem auch mit ARD/ZDF, die Frage der konkreten Contenteinbindung ist dabei noch offen."

Ganz offensichtlich kann oder will man in Unterföhring nicht beantworten, ob die EuGH-Rechtsprechung, die man in Österreich schon sehr konkret nutzt, auch Auswirkungen auf den deutschen Markt haben könnte. Vorerst setzt man daher also auf eine mögliche Vereinbarung mit den Öffentlich-Rechtlichen. Dass die aber aktuell gänzlich andere Pläne haben, muss wohl erst noch bis in den Süden der Republik vordringen. Bis das passiert ist, darf weiter geträumt werden. 

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