Es gibt Fernsehshows, bei denen man sich fragt, wie sie es ins Programm geschafft haben. Und dann gibt es Shows, bei denen man sich fragt: Wie haben sie es ein zweites Mal ins Programm geschafft?
Ein Jahr, nachdem ProSieben eindrucksvoll vorgeführt hat, was passiert, wenn Heidi Klum im Münchner Hofbräuhaus auf Schlagerstars, Bierkrüge und laufende Fernsehkameras trifft, ist das "Heidifest" zurück. Nicht bei ProSieben, dafür bei RTL, wo man nach Betrachten der verstörenden Bilder vor einem Jahr offenbar zu dem Schluss kam: Das können wir auch.
Immerhin: Einige Fehler des Vorjahrs wurden ausgebügelt. Nachdem die Stars bei der Premiere noch wahlweise im Dunkeln standen oder derart überbelichtet wurden, dass man um die Netzhaut des TV-Publikums fürchten musste, ist das Hofbräuhaus diesmal deutlich besser ausgeleuchtet – was zwangsläufig dazu führt, dass man das Elend jetzt ungleich besser erkennen kann.
Und man erkennt viele bekannte Gesichter. Auf den Bierbänken scheint der Sender vorsichtshalber jeden platziert zu haben, der in der Vergangenheit mindestens eine Sekunde bei RTL durchs Bild gelaufen ist. Ansonsten ist alles beim Alten: Wieder wird geschunkelt, gesungen und angestoßen – und wieder moderiert Heidi Klum mit jener faszinierenden Mischung aus Begeisterung und Orientierungslosigkeit, die schon beim Erstlingswerk den Eindruck erweckte, als habe man ihr erst kurz vor Sendungsbeginn erzählt, dass sie nicht nur mitfeiern, sondern gelegentlich auch durch die Show führen soll.
© Screenshot RTL
Heidi Klum und Drag Queen Bambi Mercury
Auch sonst scheint beim "Heidifest" erneut vieles eher unverbindlichen Charakter zu haben – allen voran die Frage, wer wann eigentlich dran ist. Folgerichtig, dass die Interpreten immer wieder ihre Einsätze verpassen. In guter Tradition wirkt die Sendung auch diesmal wieder über weite Strecken hinweg wie eine aufwendig beleuchtete Generalprobe, bei der leider vergessen wurde, anschließend noch die eigentliche Show aufzuzeichnen.
Musikalisch hat RTL das Fest zumindest etwas entstaubt. Wo sich vor einem Jahr noch die geballte Schlager- und Volksmusikprominenz durchs Hofbräuhaus schunkelte, fällt der Mix diesmal breiter aus, wenngleich dem Publikum eine bemerkenswert hohe Zahl schräger Töne trotzdem nicht erspart bleibt. Selbst Naomi Campbell findet auf diese Weise einen Platz auf der Bühne. Das einstige Supermodel steht plötzlich hinter einem DJ-Pult und tut mit großer Ernsthaftigkeit so, als würde sie wichtige Knöpfe drücken. Passenderweise heißt der Song dazu "Alive". Immerhin ein Lebenszeichen. Und weil dieser Abend keinerlei Angst vor Ironie kennt, treten auch noch die "echten Stimmen von Milli Vanilli" auf. Ausgerechnet eine davon ist zunächst kaum zu hören.
Jeder Fehler ist Teil des Konzepts
Einsatz verpasst? Weiter. Mikrofon stumm? Egal. Moderation versandet? Prost! Während andere Unterhaltungsshows ihre Fehler möglichst unsichtbar machen wollen, werden sie hier einfach Teil des Konzepts. Nach über zwei Stunden besteht kein Zweifel mehr: Das "Heidifest" ist betreuter Kontrollverlust mit Tischreservierung.
Und dann ist da auch noch Frank Thelen. Der Investor aus der "Höhle der Löwen" schaut lange derart entgeistert, als würde er dringend nach dem Notausgang suchen. "Sehr wilde Party", bilanziert er schließlich nach Worten ringend. Doch nach mehr als einer Stunde scheint auch er im Hofbräuhaus angekommen zu sein: Als Wolfgang Petrys Sohn die an diesem Abend sehr naheliegende Frage "Warum schickst du mich in die Hölle?" ins Mikrofon schmettert, ist der Investor plötzlich hellwach und singt völlig unvermittelt "Hölle! Hölle! Hölle!" in die Kamera. Wenig später bläst er sogar ins Alphorn. Vom verstörten Zuschauer zum aktiven Teilnehmer in nur 90 Minuten – fast wirkt es, als habe Frank Thelen an diesem Abend ein neues Geschäftsfeld für sich entdeckt.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des "Heidifests": Irgendwann ergibt sich einfach jeder seinem Schicksal. Und durfte man vor einem Jahr noch glauben, ProSieben habe mit dem "Heidifest" einen jener seltenen Fernsehabende geschaffen, die zwangsläufig einmalig bleiben müssen, gewissermaßen einen Betriebsunfall mit Blasmusik, wissen wir jetzt: Es war kein Betriebsunfall. Es war erst der Anfang.
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