Ziemlich planlos, chaotisch und schwer nachvollziehbar. Doch genug von der Neuauflage des „HeidiFest“. Der Donnerstag hat bei RTL Deutschland auch andere Schlagzeilen produziert: Der angekündigte Stellenabbau im Zuge der Übernahme von Sky Deutschland. Eine Meldung, so gänzlich konträr zum „HeidiFest“, denn in Feierlaune ist bei so einer Bekanntgabe wahrlich niemand. Von ersten Reaktionen berichtete DWDL.de gestern bereits. Doch der Stellenabbau ist - anders als der Primetime-Unfall im Programm - auch weder planlos, chaotisch oder schwer nachvollziehbar. 

Seit Ankündigung der geplanten Übernahme im Juni vergangenen Jahres - vor 15 Monaten - bezifferte RTL Deutschland die erhofften Synergien aus dem Deal auf jährlich 250 Millionen Euro. Dabei vermied man zwar bis zuletzt durchaus auffällig den Begriff Stellenabbau. Auch im Gespräch mit DWDL.de wich RTL-CEO Stephan Schmitter im Frühjahr noch Nachfragen zur genauen Ausgestaltung dieser beabsichtigten Synergien aus. Und im Juli feierte man den „Company Day One“ noch in Köln und Unterföhring mit großen Partys. Das kann man kühn nennen.

Die unbequeme Wahrheit ist aber: Mit gesundem Verstand war ein Stellenabbau seit Ankündigung des Deals absehbar. Wie anders kann man den Abbau von „Doppelstrukturen“ interpretieren? Es ändert natürlich nichts an den für die Branche nicht erbaulichen Fakten: Nach 600 Arbeitsplätzen im Zuge des Restrukturierungsprogramms „Shift 2026“, mit dem RTL Deutschland erst zu Jahresbeginn einen harten Reset angesichts veränderter Marktgegebenheiten umgesetzt hat, folgt kein Jahr später im Zuge der Übernahme von Sky Deutschland der nächste umfangreiche Stellenabbau. 

Das ist weder Grund zum Jubel - noch zur Erzählung von Raffgier. Dieser Zusammenschluss von RTL Deutschland und Sky Deutschland ist eben keine Fusion aus einer selbstverliebten, offensiven Wachstumsfantasie. Es ist ein Zusammenschluss als Verteidigung gegen den immer schwierigeren Wettbewerb globaler Plattformen, die Werbegelder aus dem Markt entziehen und damit die Finanzierung deutscher Medienhäuser seit Jahren schwächen. Dieser Deal ist die Hoffnung auf eine bessere Defensive. Den Ernst der Lage kennt die Branche: Gehässigkeit oder Schadenfreude gibt es nicht mehr, weil kaum ein Medienhaus ohne harte Einsparungen auskommt.

Die Gewerkschaftsrhetorik kam nach der RTL-News gestern trotzdem reflexartig und in üblicher Tonlage: „Medienfusion vernichtet Arbeitsplätze“ titelt die Gewerkschaft ver.di. „Wieder einmal“ zeige sich, die „angebliche Stärkungen der zusammengeführten Marken und Geschäftsfelder sowie gegenüber Kartellbehörde und Kommunen ausgesprochene Standortgarantien haben kaum Bedeutung für die Beschäftigten.“ Eine Erklärung, die Branchengegebenheiten verkennt - und woher ver.di die Information haben will, dass man sich von einem Standort trennen wolle, ist unklar. Im Business Update für die Belegschaft war davon nicht die Rede. 

Bei RTL Deutschland weist man auch jeden Zweifel an den zwei Standorten des Unternehmens entschieden zurück. Der Stellenabbau werde quantitativ „ungefähr gleich“ in Köln und Unterföhring realisiert, so eine Sprecherin auf DWDL.de-Nachfrage. „Da es beim Abbau der Doppelstrukturen darum geht, das bestmögliche Team über alle Standorte hinweg für die Herausforderungen der Zukunft zu bauen.“ Ist das Sky-Gebäude bei einem verkleinertem Team noch wirtschaftlich? „Der bestehende Mietvertrag in der Medienallee 26 in Unterföhring wurde Mitte des Jahres um 10 Jahre verlängert und kostenoptimiert“, so die Auskunft bei RTL. 

Etwas zu suggerieren, was nicht gesagt wurde. Und etwas auszublenden, was Realität ist. Damit bedient ver.di erst einmal gekonnt Emotionen. Auch beim DJV ist man spürbar entsetzt: „Spätestens jetzt bekommt die Fusion von RTL und Sky ein Preisschild: Die Sender-Chefs nennen das Synergien. Für die Beschäftigten sind es verlorene Arbeitsplätze und für den Journalismus ein massiver Kompetenzverlust“, erklärt der Bundesvorsitzende Mika Beuster gestern. Synergien, die allerdings vor 15 Monaten beziffert wurden. Weiter heißt es vom DJV: Wer Redaktionen derart ausdünnt, dürfe sich nicht wundern, wenn Qualität und Vielfalt auf der Strecke bleiben.

Welche Bereiche vom Abbau der Doppelstrukturen besonders betroffen sind, hat RTL Deutschland der Belegschaft am Donnerstag allerdings noch nicht mitgeteilt und auf konkrete DWDL-Nachfrage vertröstet RTL ebenso: Man bitte um Verständnis, dass man sich dazu weiterhin nicht äußere, um  Gesprächen mit den Betriebsräten kommende Woche nicht vorzugreifen. „Die über tausend bei RTL und Sky binnen eines Jahres gekündigten Medienschaffenden sind die Verliererinnen und Verlierer des Mergers, der Bertelsmann-Konzern steigert seine Rendite, für Medienkonsumentinnen und Medienkonsumenten sind keine vielfältigeren Angebote nach der Fusion erkennbar“, so DJV-Bundesvorsitzender Mika Beuster.

Der DJV liefert darüber hinaus sympathisierende Rhetorik, wenn es heißt, RTL falle „mit ersten durch KI verfälschten TV-Beiträgen ohne ausreichende Kennzeichnung auf. Medienschaffenden, die dafür brennen, gute Sendeformate und Beiträge zu entwickeln, weist Bertelsmann dagegen die Tür.“ Das bedient Stimmungen, verkennt aber die Rahmenbedingungen der Branche. Der TV-Werbemarkt - und die damit erzielten Erlöse - sind in den vergangenen drei Jahren nicht einfach nur rückläufig, sie sind regelrecht eingebrochen. Ein Geschäftsmodell steht vor grundlegenden Herausforderungen - und das ist freundlich formuliert.

Dass Bertelsmann das angesichts aktuell vorgelegter Geschäftszahlen noch einige Zeit aushalten und durchfinanzieren könnte, ist richtig. Und wie sich das einst stolze Haus mit der gerne vor sich her getragenen Verantwortung für den Standort schon seit der gnadenlosen Abwicklung von Gruner+Jahr darstellt, ist auch fragwürdig. Aber der Medienmarkt ist insgesamt so massiv unter Druck, dass man sich auch in Unterföhring fragen muss, wie lange Mehrheitsgesellschafter MFE dort nur mit minimalen Korrekturen auf Kurs bleiben kann.

Der Abbau von 1.100 Arbeitsplätzen bei RTL Deutschland ist ein Kahlschlag, der aber den Blick dahinter braucht, um die zwei Gründe zu verstehen. Einer ist eine Herausforderung für die gesamte deutsche TV-Wirtschaft, der andere eben bei einer Zusammenlegung von zwei Unternehmen im gleichen Geschäftsfeld und 15 Monate nach der Benennung von Synergien nicht ohne Vorwarnung. Die Entscheidungen sind bitter für die Betroffenen, aber eher nachvollziehbar als überraschend. Und sie werden mutmaßlich auch in anderen Häusern noch fallen.

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