Wer in diesen Tagen Einblicke in den größten aller deutschen Produktionsriesen gewinnen möchte, erlebt einen nachdenklichen Fred Kogel. Der CEO und strategische Architekt der Leonine Studios hat viele Fragen. Die Antworten darauf liegen außerhalb seiner Kontrolle und lassen mitunter quälend lange auf sich warten. Für jemanden, der aus eigener Kraft so weit gekommen ist wie der 65-jährige Top-Manager und nie durch Jammern aufgefallen ist, muss sich das frustrierend anfühlen.
"Wann und mit welchen finalen Regelungen wird nun endlich die seit Jahren intensiv diskutierte Investitionsverpflichtung durch die Politik umgesetzt?", fragt Kogel und schiebt gleich hinterher: "Warum ist in Deutschland nicht zügig wie in anderen europäischen Ländern ein Tax Credit realisierbar?" Andere Fragen zielen eher in Richtung seines Kundenkreises: "Wie ist das Programmprofil von Sky unter dem neuen Eigentümer RTL Group und was wird künftig überhaupt im Bereich Produktion für Sky noch beauftragt?", sorgt sich Kogel. Und: "Wie steht es um die weltweite Genehmigung des Paramount/Warner Bros. Discovery-Mergers?"
Es sind profunde Unsicherheiten, die mindestens die halbe Branche umtreiben. Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass ausgerechnet der Leonine-Spitzenmann sie so schonungslos adressiert. Immerhin hat sein Konzern den Umsatz 2025 um knapp sechs Prozent auf 432,3 Millionen Euro gesteigert und die Gesamtleistung um knapp acht Prozent auf 477,1 Millionen. Doch ob das so weitergehen kann, ist fraglich. Für das Produktionsgeschäft seiner Gruppe sei 2026 das "bislang herausforderndste Geschäftsjahr seit unserer Gründung", sagt Kogel gegenüber DWDL.de. Das habe man durchaus erwartet – "jedoch nicht in dieser Vielfalt". Zum jetzigen Zeitpunkt müsse man immer noch von einer Schwankungsbreite ausgehen, da sich "täglich Paramter aufgrund von generellen Marktunsicherheiten" änderten.
"Unser Ziel ist es, den Vorjahresumsatz mindestens zu halten bzw. leicht zu steigern", so Kogel weiter. "Eine Erreichung dieses Ziels würden wir – vor dem Hintergrund der allgemeinen Marktentwicklung – als beachtlichen Erfolg für Leonine bewerten." Der tatsächliche Verlauf werde aber vom Wirtschaftsklima und vom Kinomarkt im Winter abhängen. Zieht die Stimmung an, so die Hoffnung, könnten Sender und Streamer im vierten Quartal noch kurzfristig neue Programme beauftragen. Mit "Die Tribute von Panem – Sunrise on the Reaping", "I Play Rocky" und "Corpus Delicti" hat Leonine zudem noch drei Chips im Rennen um die Kinokassen.
Umsatz 2025: 432 Millionen Euro (Platz 1 der DWDL.de-Produktionsriesen) Gesellschafter: HoldCo Breteuil / Mediawan Holding (100%) Geschäftsführung: Fred Kogel (CEO), Quirin Berg, Sarah Fischer, Jochen Köstler, Max Wiedemann, Bernhard zu Castell Produktionsfirmen: Beetz Brothers Film Production, Hyperbole Medien, i&u Studios, Madame Zheng Production, Odeon Fiction, Toon2Tango, W&B Television, Wiedemann & Berg Film Produktionen 2026 (Auswahl): 13 Fragen (ZDF); 4 Blocks Zero (HBO Max); Clangold (HBO Max); Der Masuren-Krimi (ARD); Ein Fall für zwei (ZDF); Einspruch, Schatz! (ARD); Feuer & Flamme (ARD); Forsthaus Rampensau (Joyn); Hamburg Days (BBC/ZDF); Im Schatten des Krieges (ZDF); Jenke (ProSieben); Klein gegen Groß (ARD); Ludwig (ARD); Match My Ex (ProSieben); Monster Loving Maniacs (RTL+); Sarah Tacke (ZDF); Schumacher '94 (Netflix); Spieleabend 2 (Netflix); Stern TV (RTL); Was verdient Deutschland? (RTL)Leonine Studios auf einen Blick
Kogels Diagnose zum schwierigen Marktumfeld im Produktionsgeschäft ist nicht neu, hat sich aber deutlich verschärft. Die Sender, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, stellt er fest, "reduzieren in erheblichem Maße Programmbudgets, verschieben Produktionen fortwährend ins Jahr 2027 oder streichen diese gleich ganz". Hinzu kommen die spezifischen Umbrüche aufseiten einzelner Auftraggeber. So war etwa Sky von Wiedemann & Bergs "Der Pass" bis zu High-End-Dokus der Beetz Brothers über Jahre ein wichtiger Abnehmer für die Leonine-Töchter. Was RTL dort vorhat, scheint noch ungewiss.
An anderer Stelle hat ProSiebenSat.1 unter MFE-Führung die Organisation seiner Sender abermals umgekrempelt oder Prime Video seine jahrelang vertrauten deutschen Führungskräfte verloren. An solche Fälle denkt Kogel wohl, wenn er sagt: "Generell erschweren viele Personalwechsel in den Führungsebenen bei allen Sendern und Streamern sowie die damit verbundenen Veränderungen von Berichtsstrukturen und die oft daraus resultierende Verlagerung von nationaler Entscheidungskompetenz in internationale Hierarchie-Ebenen klare, verlässliche und schnelle Entscheidungen. Handschlag-Deals – der Kleber unserer Branche – gibt es nur noch selten."
© Joyn
Creator beim Dating: Mit "Love Hunter" geht Leonine neue Wege
Ob Kogel in der momentanen Lage schon über weitere Zukäufe nachdenkt? Immerhin weist die Mediawan-Dachgesellschaft HoldCo Breteuil in ihrem jüngsten veröffentlichten Geschäftsbericht noch nicht in Anspruch genommene Kreditlinien in dreistelliger Millionenhöhe aus. Und vor der eigenen Haustür könnte bekanntlich in Kürze der Wettbewerber Constantin Film ganz oder teilweise auf den Markt kommen. Mit ihm vebindet Kogel eine enge persönliche Historie: 2003 folgte er dort Bernd Eichinger als Vorstandsvorsitzender nach und verdoppelte innerhalb von sechs Jahren den Umsatz. Als er 2016 CEO der damaligen Muttergesellschaft Constantin Medien wurde, kam es zum Zerwürfnis mit Bernhard Burgener, dem Chef der Highlight-Gruppe, die heute die Constantin Film allein kontrolliert.
"Ihre Frage stellt sich erst, wenn die Constantin tatsächlich auf den Markt käme", wischt Kogel alle Überlegungen rund um ein mögliches Übernahmeinteresse vom Tisch. Zuvor hatte sich Beta-Film-Chef Moritz von Kruedener unter Verweis auf die gemeinsame Kirch-Historie und die komplementären Geschäftsfelder deutlich interessierter geäußert (DWDL.de berichtete). Abseits historischer Animositäten zwischen Kogel und Burgener würde es für Leonine strategisch wohl kaum Sinn ergeben, mit einem Minderheitsanteil bei der Constantin einzusteigen. Kogel dürfte erst dann hellhörig werden, wenn sich eine Gelegenheit ergäbe, wesentliche Aktivitäten der Constantin komplett in die Leonine-Struktur zu integrieren.
Unabhängig davon verfolgt er durchaus klare Wachstumsambitionen. "Leonine wird seit Einführung der DWDL-Analysereihe 'Produktionsriesen im Umbruch' ab dem Jahr 2022 als Nummer eins gelistet, also mittlerweile zum fünften Mal in Folge", sagt Kogel. "Unser Ziel ist es, in der aktuellen Aufstellung – also mit organischem Wachstum – mittelfristig einen Jahresumsatz von 500 Millionen Euro zu erreichen." Diese Größenordnung sei "manageable" und sichere eine starke Stellung, so dass man auch in den kommenden Jahren "zu den führenden Playern gehören" und ein "stabiler Partner auf dem Markt" sein werde. Kogels Fazit: "Wir sind also überhaupt nicht unter Druck zu konsolidieren."
Produktionsriesen im Umbruch – bisher erschienen
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