Warum sollte ein privates ZDF ausgerechnet den Privatsendern helfen? 

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bringt eine Privatisierung des ZDF ins Spiel und behandelt damit eine Änderung der Eigentumsverhältnisse, als wäre sie eine Antwort auf die Krise der privaten Medien. Wie DWDL berichtet äußerte sich Weimer bei einer nichtöffentlichen Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Nach Teilnehmerberichten kritisierte er Doppelstrukturen, regte Zusammenschlüsse von ARD-Anstalten an und stellte die bisherige Ordnung aus ARD und ZDF infrage. Private Anbieter wie RTL stünden zwischen Big Tech und den beitragsfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen mit dem Rücken zur Wand. Zunächst das Offensichtliche: Weimer ist dafür überhaupt nicht zuständig. Die Rundfunkordnung liegt bei den Ländern, nicht beim Kulturstaatsminister im Bundeskanzleramt. Das verbietet ihm selbstverständlich keine Gedanken. Es erhöht aber die Erwartung, dass ein derart weitreichender Vorschlag wenigstens gedanklich trägt. Kritik hagelt es prompt. Zukunftsrätin Julia Jäkel wirft ihm auf LinkedIn vor, „populistisches, oberflächliches Zeug“ zu verbreiten und im Kontext der Sachsen-Anhalt-Wahl das Geschäft der AfD zu befördern. Sie verweist auf Stefan Niggemeier, der in der SZ daran erinnert, dass konkrete Reformvorschläge des Zukunftsrats längst vorliegen. Gerade die weitreichenden habe die Politik nicht umgesetzt. Weimers Äußerungen wertet er als „Blinken nach rechts.“

Mein Einwand beginnt jedoch noch vor jeder politischen Absicht. Denn: Schon die wirtschaftliche Logik erschließt sich nicht. Wie genau sollte ein privates ZDF RTL und ProSiebenSat.1 helfen? Ohne Beitragsfinanzierung müsste es erhebliche kommerzielle Einnahmen erzielen. Mehr Werbung wäre naheliegend. Zusätzliche Werbeplätze schaffen allerdings keine zusätzlichen Werbebudgets. Solange kein Geld von den Plattformen zurückgewonnen wird, müssten die bestehenden Sender ihren ohnehin unter Druck stehenden Werbekuchen schlicht mit einem neuen Konkurrenten teilen. Und: Dieser Konkurrent hätte seine Bekanntheit, Zuschauerbindung und Marktführerschaft beim Gesamtpublikum über Jahrzehnte überwiegend beitragsfinanziert aufgebaut. Zwar lässt sich diese Position nicht unmittelbar in Werbeerlöse übersetzen. Dennoch würde hier eine öffentlich finanzierte Ausgangsstärke umfassender kommerziell genutzt. Imre Grimm kritisiert im RND den Vorstoß entsprechend scharf und warnt vor weiterer Fernsehmacht in den Händen privater, politisch interessierter Eigentümer. Bemerkenswert ist seine Alternative: eine behutsame Fusion von ARD und ZDF. Auch darüber lässt sich streiten. Immerhin unterscheidet er zwischen Strukturreform und Privatisierung. Genau diese Unterscheidung fehlt bei Weimer. Ein Eigentümerwechsel sagt noch nichts darüber aus, wie groß das ZDF künftig wäre und welches Programm es anbieten würde. Ein Käufer dürfte schließlich daran interessiert sein, die erworbene Marktposition auszubauen. Und selbst wenn das ZDF Publikum verlöre, wäre natürlich keineswegs sicher, dass dieses bei RTL oder Sat.1 landete. Sollte die eigentliche Absicht sein, das ZDF deutlich zu verkleinern, müsste Weimer außerdem sagen, welche Programme, Produktionsaufträge und publizistischen Leistungen entfallen sollen. Dann ließe sich über Nutzen und Preis dieser Veränderung reden. Bislang steht jedoch nur ein Eigentümerwechsel im Raum. Ich finde, wer den Privaten helfen will, sollte besser erklären können, wodurch.

Was bedeutet es, wenn ausgerechnet Donald Trump entdeckt, dass Filmförderung Industriepolitik ist?

Der US-Präsident fordert den Kongress auf, möglichst umgehend einen nationalen Produktionsanreiz für Film und Fernsehen zu beschließen. Im Gespräch ist eine Steuergutschrift von zunächst 20 Prozent auf in den USA anfallende Produktionslöhne, ergänzt um mögliche Zuschläge und kombinierbar mit den Programmen einzelner Bundesstaaten. Ein fertiges Gesetz gibt es derweil noch nicht. Aber Trumps Rückendeckung verleiht einem seit Längerem vorbereiteten Vorschlag von Studios, Gewerkschaften und seinem Hollywood-Beauftragten Jon Voight plötzlich erhebliche politische Durchschlagskraft. Für mich wirkt das wie ein zusätzliches Instrument von Trumps Filmpolitik. Bereits 2025 hatte er mit Zöllen von 100 Prozent auf im Ausland produzierte Filme gedroht. Zölle und Steueranreize folgen derselben protektionistischen Logik. Ausländische Produktion soll verteuert, amerikanische Produktion verbilligt werden. Neu ist, dass Trump nun dem konstruktiveren Teil dieser Strategie politische Priorität gibt und ganz offen von „big subsidies and big credits“ spricht. Noch erstaunlicher ist der politische Konsens. Ausgerechnet der demokratische Senator Adam Schiff, einer von Trumps schärfsten Gegnern, unterstützt die Initiative. Wo es um Arbeitsplätze und internationale Wettbewerbsfähigkeit geht, finden selbst diese beiden zusammen.

Der Vorgang erinnert an Frankreich, über das ich hier vergangene Woche schrieb. Emmanuel Macron macht die Zukunft der europäischen Filmindustrie zur Chefsache, weil er in ihr nicht nur einen Wirtschaftszweig, sondern einen Bestandteil kultureller Souveränität erkennt. Trump argumentiert völlig anders. Ihn interessieren amerikanische Jobs und das Zurückholen abgewanderter Produktionen. Doch beide gelangen von entgegengesetzten Ausgangspunkten zur gleichen Erkenntnis: Film und Fernsehen sind ein strategischer Sektor, dessen Zukunft ein Land nicht allein dem Markt überlassen sollte. Und beide Präsidenten verleihen diesem Thema persönlich Gewicht. Sie setzen es auf ihre politische Agenda, schaffen ein öffentliches Narrativ und zwingen andere Ressorts, Parteien und Interessengruppen zur Positionierung (ich erspare mir hier einen weiteren Seitenhieb auf die deutsche Filmpolitik). Interessant wird Trumps Vorhaben für den internationalen Standortwettbewerb. Bislang konkurrierten die amerikanischen Bundesstaaten untereinander, während Großbritannien, Kanada, Australien und europäische Länder Hollywood-Produktionen mit nationalen Anreizen anlockten. Sollte nun eine bundesweite Förderung hinzukommen, die sich mit den Programmen Kaliforniens, New Yorks oder Georgias kombinieren lässt, steigt der mächtigste Produktionsmarkt der Welt mit voller Kraft in dieses Rennen ein, mit unvorhersehbaren Folgen für den Rest der Welt. Ausgerechnet das Land, das den globalen Unterhaltungsmarkt geprägt hat wie kein zweites, erklärt nun von höchster Stelle, dass selbst Hollywood dem freien Markt nicht mehr gewachsen ist.

Was passiert, wenn ein Geheimdienst nicht mehr nur Drehbücher prüft, sondern selbst zum Produzenten wird?

In China kann man die Antwort gerade zur besten Sendezeit sehen. „Jiaofeng“, international „The Long Watch“, heißt ein neuer 40-teiliger Spionagethriller über den seit Jahrzehnten andauernden Geheimdienstkonflikt zwischen China und Taiwan. Die chinesischen Staatsschützer sind die Helden, die feindliche Infiltration und den Diebstahl militärischer Geheimnisse verhindern. Reale historische Ereignisse treffen auf erfundene Figuren. Nach Angaben der Autoren wurden 27 freigegebene Geheimdienstakten ausgewertet. Produziert wurde die Serie unter Beteiligung des chinesischen Ministeriums für Staatssicherheit. Seit dem Start am 6. September stand sie mehrfach an der Spitze der Primetime-Quoten von CCTV und erreichte innerhalb einer Woche mehr als 50 Millionen Abrufe im Netz. Man stelle sich kurz vor, der BND stünde offiziell als Koproduzent eines ARD-Thrillers über russische Spione im Abspann. Ganz unbekannt ist die Nähe zwischen Geheimdiensten und Unterhaltungsindustrie allerdings auch im Westen nicht. Die CIA unterhält seit Jahrzehnten eine eigene Hollywood-Verbindungsstelle, berät Produktionen und gewährte den Machern von „Zero Dark Thirty“ so weitreichenden Zugang, dass anschließend intern wegen der möglichen Weitergabe geheimer Informationen ermittelt wurde.

Der entscheidende Unterschied: Westliche Dienste versuchen, Darstellungen durch Beratung und privilegierten Zugang zu beeinflussen. In China tritt der Geheimdienst selbst als Koproduzent der gewünschten politischen Wirklichkeit auf und macht aus einer solchen Konstellation ein Fernsehereignis. Propaganda also? Gewiss. Aber eine bemerkenswert professionell verpackte. Die Staatsmacht erklärt nicht nur, wer der Feind ist. Sie lässt die Zuschauer mit den „Guten“ fiebern und gegen die „Verräter“ hoffen. Das Gegenstück lief zuvor in Taiwan. Die zumindest ebenfalls staatlich geförderte Serie „Zero Day Attack“ entwarf letztes Jahr das Szenario einer chinesischen Blockade und Invasion und wurde dort zur meist gesehenen Dramaserie des Jahres. Das autoritäre China und das demokratische Taiwan darf man dabei natürlich nicht gleichsetzen. Und doch machen beide Seiten das Wohnzimmer zum geopolitischen Schauplatz, einer Art Kriegssimulation. Eine weitere Pointe: Ausgerechnet Chinas Ministerium für Staatssicherheit warnte nun vor dem Einsatz generativer KI durch feindliche Mächte zur „kognitiven Kriegsführung“ (hört, hört). Der Geheimdienst weiß offensichtlich, wovon er spricht und beschreibt damit ziemlich präzise, welche strategische Bedeutung er selbst Bildern, Geschichten und Emotionen beimisst. Es geht also nicht mehr „nur“ darum Informationen zu kontrollieren. Wer die menschliche Vorstellungskraft beherrschen will, produziert besser gleich die passende Unterhaltung dazu.

Wer bremst ein Wettrüsten, bei dem niemand als Erster bremsen will?

Vergangene Woche war mein Ausgangspunkt hier noch die Kündigung des Anthropic-Forschers Jacob Coxon. Er warf seinem Arbeitgeber und OpenAI vor, auf dem Weg zu einer sich selbst verbessernden Superintelligenz unverantwortlich um die Führung zu kämpfen. Innerhalb einer Woche ist daraus ein weltpolitisches Machtthema geworden. Anthropic-Chef Dario Amodei forderte in seinem Essay „We Must Pace the Frontier“, die Entwicklung leistungsfähigerer Modelle zu verlangsamen, damit die Sicherheitsforschung Schritt halten kann. Er will unabhängigen Prüfern weitreichenden Zugang zu Anthropic gewähren. Sam Altman stimmte zu, kündigte Ähnliches für OpenAI an und verschob den erwarteten Börsengang. Elon Musk schlug zudem vor, führende amerikanische und chinesische KI-Unternehmen sollten ihre Modelle vor der Veröffentlichung gegenseitig testen, statt weiterhin ihre „eigenen Hausaufgaben zu benoten.“

Das kann alles Ausdruck echter Sorge sein (wobei die Frage unbeantwortet bleibt, wie man es überhaupt so weit kommen lassen konnte). Es kann aber zugleich das wirkungsvollste Produktmarketing der Technologiegeschichte sein. Schaut her, unsere Modelle sind so mächtig, dass selbst wir Angst vor ihnen haben. Die Warnungen steigern auch die strategische Bedeutung und den Wert ihrer Entwickler. Strenge Zulassungsregeln könnten den etablierten Konzernen darüber hinaus einen Burggraben verschaffen, der kleinere Wettbewerber außen vor läßt. Wahrscheinlich sind die Motive altruistisch und ökonomisch zugleich. Donald Trump hat sich unterdessen klar gegen ein langsameres Entwicklungstempo gestellt. Amerika führe vor China, erklärte er, und „whoever wins AI, wins.“ Die chinesische Regierung wiederum warf Amodei „Panikmache“ vor. Seine Forderung nach globaler Kooperation verbindet er nämlich mit dem Wunsch, China weiterhin von den leistungsfähigsten Chips abzuschneiden. Peking erkennt darin ein amerikanisches „cold War playbook.“

Und Europa? Es versucht immerhin sich einzuschalten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte sich hinter ein „Pacing“ und lud die führenden Frontier-Labs zu Gesprächen ein. Mit dem AI Act besitzt die EU ein regulatorisches Fundament. Das ist löblich, ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Geschwindigkeit weiterhin in den USA und China bestimmt wird, und Europa keinen eigenen relevanten Player im KI-Game hat. Meine Generation kennt die Logik eines solchen Wettrüstens. In den achtziger Jahren schien der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion manchmal zwangsläufig in einen Atomkrieg zu führen. Keine Seite wollte abrüsten, solange die andere weiter rüsten konnte. Verhindert wurde die Katastrophe bislang nicht durch freiwillige Zurückhaltung, sondern durch Abschreckung, direkte Kommunikationskanäle, Verträge, gegenseitige Kontrollen. Und gelegentlich vielleicht auch schlicht durch Glück. Eine wirksame Begrenzung der KI-Entwicklung müsste deshalb international, verbindlich und überprüfbar sein. Der für den 24. September geplante Gipfel zwischen Trump und Xi böte die Gelegenheit, Gespräche hierzu zumindest zu beginnen. Meine Hoffnung ist klein, aber sie bleibt. Vielleicht erkennen beide, dass man bei diesem Wettrennen nicht nur darüber reden sollte, wer gewinnt, sondern auch darüber, wie wir alle überleben. Reagan und Gorbatschow wussten das.

Und kann aus einer Notlage eine ziemlich gute Industriestrategie entstehen?

Manchmal zwingt eine schlechte Bilanz zu einer guten Strategie. Highlight Communications braucht Geld. Ende November wird ein hoher zweistelliger Millionenbetrag zur Refinanzierung fällig. Gleichzeitig hat die Tochter Constantin Film gerade ziemlich präzise die Voraussetzungen dafür geschaffen, einen neuen Investor an Bord zu holen. Eine Aktiengattung statt bisher zwei, neues genehmigtes Kapital, Bar- oder Sacheinlage möglich, erweiterter Aufsichtsrat. Rechnerisch könnte ein neuer Partner künftig ein Drittel der Constantin halten. Torsten Zarges hat für DWDL nun einen Namen ins Spiel gebracht, der die Sache interessanter macht. Beta Film. Deren Chef Moritz von Kruedener bestätigt zwar keine Gespräche, sagt aber bemerkenswert offen: Constantin und Beta hätten „komplementäre Geschäftsfelder“. Und: „Wir beobachten die Situation.“ Das kann man als das übliche Spiel mit Branchengerüchten abtun. Man kann aber auch einmal durchspielen, was da eigentlich zusammenkäme.

Beta ist längst mehr als ein Weltvertrieb. Rund 60 Beteiligungen und Töchter, Produktion, Distribution, Sender, FAST-Channels, Werbevermarktung, Mediaagentur, Branded Content. Von Kruedener nennt das Ziel ein „integriertes Contenthaus“ zu werden. Constantin könnte dazu ziemlich interessante fehlende Teile liefern: Kinoproduktion und -verleih, starke deutsche Film-IP, Entertainment-Produktion und ein Standbein in den USA. Normalerweise bin ich skeptisch, wenn Unternehmen auf strukturelle Probleme mit M&A antworten. Zwei Probleme ergeben zusammen schließlich noch keine Strategie. Hier liegt der Fall möglicherweise anders. Bei Beta und Constantin würde nicht einfach Größe zusammen kommen, sondern Fähigkeiten. Und dann ist da noch die hübsche historische Pointe: Beide gehörten einmal zum Kirch-Imperium. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dessen Zusammenbruch könnten Teile dieses Erbes wieder zusammenfinden. Nicht als nostalgische Wiederauferstehung eines deutschen Mediengiganten, sondern unter völlig anderen Vorzeichen. Denn während Banijay, Fremantle und Mediawan längst europäische Produktionsgruppen bauen, ist Deutschland zwar zunehmend Standort solcher Konzerne, aber selten ihr Zentrum. Beta plus Constantin könnte zumindest die Idee eines privat kontrollierten deutschen Contenthauses mit europäischem Anspruch entstehen lassen. Ob Beta tatsächlich einsteigt, wissen wir nicht. Vielleicht kommt ein ganz anderer Investor. Vielleicht kommt gar keiner. Interessant ist deshalb weniger das Gerücht als die Möglichkeit, die darin sichtbar wird. Ausgerechnet eine Refinanzierungskrise könnte etwas anstoßen, was der deutsche Produktionsmarkt seit Jahren vermissen lässt. Nicht einfach nur mehr Konsolidierung, sondern eine industrielle Idee dahinter.