Als Vox vor rund zehn Jahren seine erste eigenproduzierte Serie ins Programm nahm, war das auf Anhieb ein großer Erfolg. In der Spitze sahen beim "Club der roten Bänder" mehr als drei Millionen Menschen zu - eine Reichweite, die selbst ein Format wie "Wer wird Millionär?" heutzutage nur noch an sehr guten Tagen erreicht. Keine Frage: Das Nutzungsverhalten der Menschen hat sich im Vergleich zu 2015/16 grundlegend verändert, gleich geblieben ist aber die Tatsache, dass der Bedarf nach guten Serien und Filmen hoch ist - egal ob im klassischen Fernsehen oder bei Streamingdiensten. 

Und damit wären wir im Jahr 2026 angekommen. Vox hat vor wenigen Wochen die Neuauflage von "Club der roten Bänder" gestartet, wobei "Neuauflage" dafür eigentlich das falsche Wort ist. Es ist eine Neuinterpretation, bei dem zwar das grundlegende Setting das gleiche ist, sich alle anderen Dinge wie Figuren und Storylines jedoch erkennbar von denen des Originals unterscheiden. Doch genau wie damals geht "Club der roten Bänder - Die neue Generation", wie Vox die Serie getauft hat, tief unter die Haut. 

Headautor Adrian Spring sowie Autorin Kirsten Loose erzählen mit viel Feingefühl und Tiefgang von den Krankheiten der jugendlichen Hauptfiguren. Die Themenpalette reicht dabei von Krebserkrankungen über plötzliche Erblindung bis hin zu Bipolarität. Und natürlich geht es immer auch um die Freundschaft zwischen Elias, Nora, Yannik, Charlie und Philipp - bzw. die Schwierigkeiten, überhaupt Freundschaften aufzubauen.

Serie bricht mit mehreren Tabus

Anders als beim Original kommen die fünf Jugendlichen nämlich nicht unter ähnlichen Voraussetzungen ins Krankenhaus. Philipp (Jona Levin Nicolai) hat an der Schule Yannik (Yoran Leicher) gemobbt, sodass diese beiden zunächst nur schwer miteinander auskommen. Das liegt auch daran, dass Philipp unter allen Umständen vermeiden will, dass seine anderen Freunde mitbekommen, wieso er überhaupt im Krankenhaus ist. Die Serie leistet hier einen kleinen Beitrag, um psychische Erkrankungen generell und Angststörungen im Speziellen zu enttabuisieren. 

Die Figur des Philipp ist aber auch fernab seiner Erkrankung die vielleicht interessanteste, macht er im Laufe der sechs Folgen doch die größte Veränderung durch. Und mit Philipp gelingt dem Autoren-Duo etwas, das sonst eine Seltenheit in deutschen Serien ist: Ein selbstverständlicher Umgang mit homosexuellen Charakteren. 

Philipp hat einen harten Kern und es fällt ihm schwer, andere Menschen an sich heran zu lassen. Dass er irgendwann Gefühle für Elias (Voicu Dumitras) entwickelt, ist eine der überraschenden Entwicklungen, die "Club der roten Bänder - Die neue Generation" nimmt. Das Besondere daran: Es gibt weder von Philipp noch von Elias ein großes Outing. Ihr Schwulsein wird zunächst nicht thematisiert. Dann sind es erste kurze Blicke, später Berührungen. Und irgendwann setzen sich die beiden, aber auch die anderen Charaktere, wie selbstverständlich mit der aufkommenden Liebe auseinander. 

Club der roten Bänder - Die neue Generation © RTL / Martin Rottenkolber Philipp (links; Jona Levin Nicolai) und Elias (Voicu Dumitras) führen die vielleicht überraschendste Serien-Liebesbeziehung des Jahres.

Das klingt vielleicht banal, ist in deutschen Serien und Filmen aber alles andere als normal. Noch immer erfüllen homosexuelle Figuren bestimmte Stereotype und dürfen nicht einfach so existieren. Auf der Seriesly Berlin gab es dazu zuletzt ein ganzes Panel - mit "Club der roten Bänder - Die neue Generation" gibt es nun immerhin eine Serie, die zur Normalisierung von queeren Personen im Fernsehen beiträgt. 

Happy End nicht garantiert

Die Vox-Serie geht auch deshalb unter die Haut, im Mittelpunkt stehen aber natürlich die Erkrankungen der Jugendlichen und ihr persönlicher Umgang damit. Die Stimmung von Elias, Nora, Yannik, Charlie und Philipp (und ihrem Umfeld) schwankt immer stark - von großer Verzweiflung bis hin zu hoffnungsvoll und wieder zurück. Nora (Mariama Jobe) muss sich erst langsam an den Gedanken gewöhnen, dass die Pläne, die sie mit ihren Freundinnen gemacht hat, so viel nicht einzuhalten sind. Und Charlie (Greta Krämer) sabotiert ihre private Zukunft bewusst, um nicht noch mehr Enttäuschungen zu erleben. 

Das alles sorgt auch bei den Zuschauerinnen und Zuschauern für eine Achterbahnfahrt der Gefühle und es kann vorkommen, dass man weint, nachdem man kurz zuvor noch herzhaft über einen Witz gelacht hat. Dafür sorgt auch die Tatsache, dass man nicht davon ausgehen kann, dass alle Figuren der Serie ein Happy End erleben. Die Vox-Serie ist auch deshalb starker Tobak, weil es ganz explizit um den Wunsch eines Jugendlichen geht, selbstbestimmt zu sterben. Es ist noch so ein Tabu, mit dem die Serie bricht. 

Altes Team, frischer Wind

Mit der Neuinterpretation schafft Vox das ganz spezielle "Club"-Gefühl, das man schon vor rund zehn Jahren zustande brachte. Dass man das jetzt wieder so gut umgesetzt bekommt und es dabei schafft, mindestens so relevant zu sein wie das Original, ist auch dem Regie-Duo zu verdanken. Felix Binder ("Club der roten Bänder" Serie & Kinofilm) und Aki Wegner ("Tonis Welt") kennen sich mit dem Stoff bestens aus und sorgen für eine Inszenierung irgendwo zwischen Leichtigkeit und emotionaler Wucht. 

Und auch sonst hat die Konstanz hinter den Kulissen sicherlich nicht geschadet, um die Serie so gut zu machen. Gerda Müller produziert erneut mit Bantry Bay Productions und neben Producerin Lisa Bayer ist auch Nick Julius Schuck als Junior Producer mit an Bord. Schuck gehörte einst als Schauspieler zum Original-Cast der Serie, als Hugo spielte er das jüngste Mitglied des Clubs, das in Staffel eins noch im Koma lag. 

Es sind darüber hinaus aber vor allem die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler, die auch die neue Generation zu einem ganz besonderen Erlebnis machen. Jona Levin Nicolai, Yoran Leicher, Voicu Dumitras, Mariama Jobe und Greta Krämer spielen nicht nur ihre Krankheiten authentisch - soweit man das als Außenstehender eben beurteilen kann. Sie zeigen verschiedene Ebenen ihrer Figuren und schaffen es, als Ensemble stimmig zu wirken. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle Greta Krämer, die für ihre Rolle als bipolare Charlie sicherlich die größte Bandbreite abzudecken hatte. 

Diese Geschichte ist noch nicht auserzählt!

Und damit sind wir wieder bei den linearen TV-Quoten. Die ersten vier Folgen der Serie waren bei Vox zwar keine Flops, taten sich aber dennoch schwer. Von einstigen Quoten-Höhen ist die Serie entfernt. Es war nicht damit zu rechnen, dass die "Club der roten Bänder"-Neuinterpretation diese wiederholt, zu sehr haben sich die Nutzungsgewohnheiten verändert. Und dennoch: Es braucht genügend Publikum, damit Vox bzw. RTL die Serie fortsetzt. Und man kann wohl davon ausgehen, dass weniger als eine halbe Million Zuschauerinnen und Zuschauer nicht reichen werden für eine zweite Staffel. Unklar ist aktuell, wie die Serie bei RTL+ performt. 

Mit dem "Club der roten Bänder" hat Vox ein Serien-Juwel geschaffen, das neuerlich Maßstäbe setzt, sei es bei der einfühlsamen Thematisierung von Krankheiten oder der Selbstverständlichkeit, mit der queere Charaktere erzählt werden. Nun haben die Macherinnen und Machern, das jungen Ensemble und letztlich auch das Publikum eine zweite Staffel verdient. Nicht nur, damit noch mehr so guter Serienstoff entsteht. Sondern auch schlicht deshalb, weil die Geschichten rund um Elias, Charlie & Co. noch nicht auserzählt sind. Vox und Bantry Bay haben hier viele Cliffhanger gelassen, die nach einer zweiten Staffel schreien. 

Vox zeigt die letzten beiden Folgen von "Club der roten Bänder - Die neue Generation" am heutigen Dienstag, den 22. September, ab 20:15 Uhr im linearen TV-Programm. Schon jetzt stehen alle Folgen bei RTL+ zum Abruf bereit.