Es werde Stadt © WDR/megaherz
"Es werde Stadt"

Ein Nachruf auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen

 

Zur heutigen Verleihung des 50. Grimme-Preises in Marl liefern Dominik Graf und Martin Farkas einen nostalgisch-pessimistischen Nachruf auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland. Warum der Film sehenswert ist und sich doch völlig am Thema verhebt

von Thomas Lückerath
04.04.2014 - 11:26 Uhr

Die Politik habe das wunderbare Kunst-Medium Fernsehen dem Kommerz geopfert. Die Einführung des Privatfernsehens sei der Anfang vom Ende gewesen. Mitten in ihrem 105-minütigen Dokumentarfilm offenbart sich die Haltung der Filmemacher Dominik Graf und Martin Farkas. Sie erklärt auch die tunnelartige Sicht der Dinge die sich als roter Faden durch diesen Jubiläumsfilm zieht, der anlässlich der Verleihung des 50. Grimme-Preises auf die Geschichte der Auszeichnung, die Stadt Marl und das deutsche Fernsehen zurückblickt.

Sehenswert ist der Film, weil er aufklärt über die faszinierende Geschichte des einzigen verbliebenen deutschen Fernsehpreis mit wirklicher Relevanz und die Stadt Marl, Heimat des Grimme-Instituts. Jeder der schon einmal in Marl war - ob zum Grimme-Preis oder aus Versehen - kennt den beinahe morbiden Charme dieser Stadt, die mit manchen Bausünden wie aus der Zeit gefallen wirkt. Hier liefert der Essayfilm einen interessanten Rückblick. Kritisch jedoch wird es, wenn der Eindruck erweckt wird, es gäbe einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Niedergang der Industrie im Ruhrgebiet mit dem Niedergang des Fernsehen.

Zu Wort kommen zwischendrin immer wieder auch Fernsehmacher von damals und heute. Allesamt öffentlich-rechtlich. Was die Filmemacher vom Privatfernsehen halten, haben wir ja schon erfahren. Aber nicht nur das: Auch die Unterhaltung hat für Graf und Farkas offenbar keinen Stellenwert. Ein kurzer Ausschnitt aus der letztjährigen Diskussion über die Nominierung von „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ wirkt schon unkommentiert wie eine Diskreditierung der Fernsehunterhaltung. Und immer wieder geht es um die schönen Erinnerungen von früher, wo alles so viel besser war.

Manch älterer Zuschauer wird sich bei „Es werde Stadt!“ natürlich über ein Wiedersehen mit geliebten Figuren und Filmen freuen. Dass der Dokumentarfilm jedoch im Wesentlichen in den 80er Jahren stecken bleibt und sich den letzten 20 Jahren des Grimme-Preises nur rudimentär widmet, verstärkt jedoch das Gefühl, dass hier einfach viel Frust verfilmt wurde über die heutige Fernsehwelt. Man könnte in der Tat viel kritisieren am heutigen Fernsehen. Doch das geschieht allenfalls kurz, dafür aber erschreckend entlarvend in einigen der von Graf geführten Interviews für diesen Film.

Da sagt beispielsweise Barbara Buhl, Leiterin der Programmgruppe Fernsehfilm im WDR, über den aktuellen Zustand des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: „Ich glaube, wir können uns gar nicht mehr so viel selber helfen. Ich glaube, man muss uns von außen dazu zwingen.“ Man möchte an dieser Stelle gleichzeitig applaudieren und weinen. Applaudieren ob der erfrischenden Ehrlichkeit und weinen aufgrund der Wahrheit die darin liegt. Es sind diese Momente in denen „Es werde Stadt!“ sehr sehenswert ist. Leider jedoch will der Film zu viel. Verzettelt sich immer wieder in wirren Vergleichen mit der Entwicklung der Stadt Marl - springt thematisch ausgehend von der 25. Verleihung des Grimme Preises im Jahr 1989 hin und her. Zeitlich und thematisch.

Der Dokumentarfilm lohnt das Einschalten, auch wenn man nicht gerade sagen kann, dass er unterhält. Er macht am Ende eigentlich eher wütend. Wütend auf die verfilmte Resignation mancher Fernsehmacher von heute, die kaum Hoffnung aufkommen lässt, dass jemand bei den Öffentlich-Rechtlichen sein Privileg, außerordentliches Fernsehen machen zu können, auch zeitnah als solches begreifen wird und ausleben kann. Wütend aber auch über die Arroganz von Graf und Farkas, das Fernsehen nicht als das begreifen zu wollen, was es ist: Ein Medium. Für Graf und Farkas wäre die Welt besser, wenn es keinen Wettbewerb gäbe. Wenn es keine Vielfalt gäbe, sondern weiterhin nur einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Fernsehen als Kunst begreift.

Es ist ein befremdliches Verständnis von medialer Vielfalt. Und man muss nun einmal erwähnen: Weltweit gefeierte Serien wie zuletzt „Breaking Bad“, „Game of Thrones“ oder „House of Cards“ sind dem Kommerz entsprungen. Wieder einmal wird das Fernsehen allein als Kunstform, sozusagen öffentlich-rechtliche Avantgarde, betrachtet. Das kann man tun, nur fehlt dann die nötige Sachlichkeit, die man von einem öffentlich-rechtlich geförderten Dokumentarfilm doch erwarten können sollte. Kein Roman-Autor würde per se das Gedruckte in Frage stellen, nur weil auch viel Schund gedruckt wird. Er würde sich wohl eher fragen: Gibt es noch genügend Gutes?

Diese Frage stellt der Film leider nicht. Völlig verloren in Nostalgie übersieht er eins: In einer x-fach größeren Fernsehwelt von heute gibt es wenig überraschend auch x-fach mehr schlechtes Fernsehen, doch darunter findet sich weit mehr gutes Fernsehen als damals vor drei Jahrzehnten ohne Wettbewerb. Man muss es nur finden. Weil jedoch offenbar weniger Menschen nach diesem besseren Fernsehen suchen als sie öffentlich bekennen (Stichwort: „Ich guck nur Arte“) und die großen Sender leider einen erschreckend wenig dazu beitragen, weil Gutes gerne auch versteckt wird, ergibt sich unser ernüchterter Blick auf das Fernsehen.

Wenn wir uns dank Dominik Graf und Martin Farkas am Ende mal wieder mit dem Medium beschäftigen, das inzwischen eben Kunst und Kommerz ist, dann hat der Film etwas erreicht. Auch wenn er einen holprigen Weg nimmt.

"Es werde Stadt - 50 Jahre Grimme-Preis in Marl" läut am 4.4. um 23:15 Uhr im WDR Fernsehen und wird am 8.4. um Mitternacht im NDR Fernsehen und am 9.4. um 23:30 Uhr im SWR Fernsehen wiederholt.

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