TEAMWORK - Spiel mit deinem Star © ProSieben
TV-Kritik zu "Teamwork"

Raabs Erben? ProSieben wird das Ding schon schaukeln

 

Mit einem neuen Promi-Wettkampf will sich ProSieben auf die Raab-lose Zeit im kommenden Jahr einstellen. Die Premiere ist inhaltlich schon mal gelungen: "Teamwork" hat durchaus das Zeug, ein würdiger "Schlag den Raab"-Nachfolger zu werden.

von Peer Schader
22.11.2015 - 07:23 Uhr

Seit Jahren arbeitet ein großer deutscher Privatsender mit großer Hartnäckigkeit daran, die durchschnittliche Sehdauer deutscher Fernsehzuschauer im Alleingang zu verdoppeln. Mit der Ausstrahlung von Samstagabendshows, die im Grunde genommen "Bissonntagmorgenshows" heißen müssten. Dass sich der Erfinder dieses Rituals in vier Wochen in Frührente verabschiedet (DWDL.de berichtete), ist bereits stark bedauert worden. Aber seit diesem Wochenende ist absehbar, dass die Definition des Begriffs "abendfüllend" weiterhin ProSieben-Hoheit bleiben könnte.

Am Ende der neuen Show "Teamwork" dauerte es zwar nur läppische drei Minuten, bis ein Lokführer-Azubi mit Angler-Hobby und eigener Ska-Punkband einen Gewinn in Höhe von 111.000 Euro einstecken durfte. (Oder wie Stefan Raab sagen würde: "Taschengeld".) Bis dahin allerdings waren unfassbare fünf Stunden vergangenen, in denen ProSieben ganz unbedingt zeigen wollte, dass mit "Schlag den Raab" keineswegs die Absicht aus dem Programm verschwindet, das Wochenende nicht kampflos Dieter Bohlen zu überlassen.

Und was soll man sagen? Zum Auftakt hat das aus qualitativer Sicht schon mal ziemlich gut geklappt.

Wie sehr sich "Teamwork" dabei in den Raab'schen Kosmos hineinlehnt, ist unübersehbar – alleine schon durch den Untertitel "Spiel mit deinem Star", mit dem ProSieben vermutlich Zuschauer locken will, denen das irgendwie vertraut vorkommt. Vor allem ist aber der Wettbewerbscharakter derselbe wie beim Original. ProSieben hat bloß aus der Not eine Tugend gemacht. Ein Irrer wie Raab, der sich über Stunden selbst malträtiert, um seinem Herausforderer das Preisgeld streitig zu machen, wird so schnell nicht mehr zu finden sein. Also hat ProSieben einfach mehrere Irre aufgetrieben, die den Großteil der Arbeit für die Kandidaten erledigen, um denen ein paar schöne Tausender zu erspielen.

Smudo hat das Zeug zum Riesenschaukler

Es ist ein Abend geworden, an dem die teilnehmenden Herrschaften zahlreiche neue Talente entdecken konnten, und für Smudo von den Fantastischen Vier gehört Keyboardspielen schon mal nicht dazu. Beim Musiktitelraten musste sich der "Voice-of-Germany"-Coach Spielgegner Joko Winterscheidt geschlagen geben, der davon genauso überrascht war wie Moderatorin Jeannine Michaelsen: "Mit drei Tönen und 'ner halben Idee im Kopf!" – "Naja, so funktioniert mein ganzes Leben." Smudo schaffte dafür im Anschluss in einer Riesenschaukel fünf Überschläge, entschied das Spiel für sich und versuchte Joko von einem spontanen Jobwechsel zu überzeugen: "Du singst bei den Fantas und ich geh zum Zirkus Krone."

Dass "Teamwork" auch schwächere Spiele (Songtitel an Emojis erkennen) aushält, liegt daran, dass die Sendung auch auf einer zweiten Ebene funktioniert. Mit jedem gewonnenen Spiel steht dem Kandidaten des siegreichen Promis ein kleines Sümmchen zur Verfügung, das entweder direkt aufs Sparkonto wandert – oder als Einsatz mit ins nächste Spiel, das dann aber wieder gewonnen werden muss. Sonst ist die Kohle komplett weg. Zwischendurch versucht der Sender die Kandidaten in Versuchung zu führen, indem er die potenzielle Gewinnsumme großzügig aufrundet, wenn sie ins Risiko gehen.

Wer Pech hat, geht leer aus, obwohl sein Star gerade noch gewonnen hat. So wie Marcel mit Team-Kumpel Klaas Heufer-Umlauf, der trotz vollem Einsatz bis zum vorletzten Spiel komplett mit leeren Händen dastand – weil ausgerechnet Joko auf der Riesenwippe unterm Studiodach trotz Höhenangst schneller Klettbänder von der einen Seite zur anderen sortieren konnte.

Ein Abend mit vielen Flüchen

Um Marcel trotzdem eine Chance auf ein paar Euro zu geben, wählten die übrigen Teams Klaas immer wieder als Gegner – bis der sich tatsächlich durchsetzte und die Situation nach einem niederschmetternden Abend und vielen Flüchen ("Ich bin dumm und unsportlich geworden, das kann doch wohl nicht wahr sein!") im letzten Moment um 180 Grad drehte.

Einen besseren Auftakt hätte sich ProSieben kaum wünschen können. Zumal sich schon in der ersten Hälfte bereits die Erkenntnis bestätigte, dass es keine komplizierten Spiele braucht, um spannendes Fernsehen zu machen – Joko und Klaas dabei zuzusehen, wie sie immer höher werdende Türme aus Kisten von einer Studioseite zur anderen balancieren, ohne sie umkippen zu lassen, reicht völlig aus. Weil nicht nach fünf oder sechs Stapelkisten Schluss war, sondern erst nach acht, neun, zehn – und unten zwei festhielten, bei denen der Ehrgeizregler auf Anschlag gestellt war.

Das ist zugleich das größte Problem der neuen ProSieben-Show: Es wird schwierig, diese sehr gute Besetzung (zu der auch Sänger Sasha gehörte) beim nächsten Mal zu wiederholen. Zumal die vier sich zwischendurch hervorragend anzufrotzeln wussten. "Wenn man wirklich gar nix weiß, ist's megascheiße", spottete Joko über Smudo; dessen Team hatte zuvor schon getönt: "Wir suchen Opfer!". Klar, dass es die Kandidaten da schwerer hatten, sich bemerkbar zu machen.

"We love to entertain you, boah" 

Trockener Humor wie von Bahn-Azubi Marcel war da definitiv von Vorteil: "Hätt' mir das einer gesagt, hätt' ich Stoppersocken angezogen", keuchte der auf der Riesenwippe in fieser Schräglage und bilanzierte: "We love to entertain you, boah." Das war allerdings auch einer der wenigen Einsätze, bei denen die Kandidaten tatsächlich selbst gefragt waren. Echtes "Teamwork" boten die meisten Spiele nämlich nicht. Es wäre aber eine Überlegung wert, das zu ändern, weil es den Zuschauern sonst schnell egal ist, ob da eine oder einer was gewinnt, die oder den man den ganzen Abend kaum wahrgenommen hat.

In jedem Fall ist's lobenswert, dass ProSieben gar nicht erst abwartet bis Raab weg ist, sondern mit ordentlichem Aufwand versucht, seinem Samstagabendruf weiter gerecht zu werden. Wenn die Zuschauer gnädig sind, kann das mit "Teamwork" gerne so weitergehen. Und falls noch jemand der Moderatorin sagt, dass Spielregeln nicht mehr als drölf Mal pro Sendung erklärt werden müssen, dauert's beim nächsten Mal sicher auch nur noch viereinhalb Stunden.

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