Junges Angebot © Miguel Robitzky
Erwartungen aus der Zielgruppe

Was wird das bloß für 1 junges Angebot?

 

Am Tag bevor ARD und ZDF endlich das Geheimnis um das junge Angebot lüften wollen, das am Wochenende starten soll, macht sich Miguel Robitzky Gedanken: Was erwartet er eigentlich von dem so lange geplanten Angebot? Welchen Hunger soll es stillen?

von Miguel Robitzky
28.09.2016 - 16:15 Uhr

Seit Monaten beherrscht kaum ein anderes Thema die Gespräche auf den angesagtesten Halfpipes dieses Landes so sehr wie das neue Jugendangebot von ARD und ZDF. Nun soll es in den nächsten Tagen nach vier langen Jahren voll ausgiebiger Diskussionen, Debatten und öffentlich-rechtlicher Herumdruckserei online gehen - und wird mutmaßlich 5,36 Sekunden nach dem Release in der Luft zerrissen.

Ja, das junge Angebot von ARD und ZDF hat es schon vor dem Start alles andere als leicht. Ein einfaches Opfer. Macht Spaß draufzuhauen. Die Wörter „jung“ in einem Satz mit ARD und/oder ZDF klingen ja schon allein amüsant: Zwei klapprige Sender, deren Publikum im Durchschnitt über sechzig Jahre alt ist, versucht sich schmierig an die entgleiten zu drohende, junge Zielgruppe zu hängen.

Dazu dann noch die unnötige, ellenlange öffentliche Diskussion um die Form des neuen Senders, die enttäuschten Intendanten-Gesichter als bei der Ministerpräsidentenkonferenz 2014 beschlossen wurde, das Ganze würde „nur“ im Internet stattfinden, das bereits stark etablierte Netflix als Konkurrenz im Specknacken und überhaupt die berechtigte Frage: Warum schmeißen die Sender nicht einfach ein paar alte „Magnum“-Folgen aus ihren eingestaubten Programmen und füllen diese mit Inhalten, die Menschen unter dreißig gefallen könnten, ohne gleich einen neuen Sender aus der Taufe zu heben?

Im Prinzip hat das junge Angebot von ARD und ZDF bereits verloren, bevor es überhaupt an den Start gehen durfte. Deutschlands Twitter-Elite hat seit Jahren böse Posts im Entwürfe-Ordner vorbereitet und für den Start vordatiert. Eigentlich ist es für ARD und ZDF unmöglich zu überzeugen. Und das wissen die Verantwortlichen. Seit geraumer Zeit gibt es für das Angebot einen Blog.

Dort will der Sender Fragen rund um sich selbst beantworten, macht selbst halbironische Witze über die ungünstigste aller Ausgangssituationen, versucht schon im Vorfeld zu retten, was zu retten ist und verstrickt sich hierbei rechtfertigend vor allem in Aussagen, die hauptsächlich beschreiben, was sie alles nicht machen wollen: „Wir versteifen uns nicht auf eine bestimmte Zielgruppe“, „Vermutlich werden wir nicht alles schaffen, was wir uns vorgenommen haben“, „Nicht jede Debatte können wir führen“, „Wir posieren nicht vor Graffitis“ und so weiter. Man solle bloß keine Revolution erwarten.

Angestrengt unangestrengt. Da tun mir die Verantwortlichen fast leid. Doch bedauerlicherweise ist Mitleid allein keine überzeugende Emotion, die ausreicht, um mich dauerhaft dazu bewegen, meine Lebenszeit für Inhalte zu investieren, die mich nicht interessieren. Was muss dieses sagenumwobene Angebot liefern, um uns zufrieden zu stellen? Was sollen ARD und ZDF mit den vorgesehenen sage und schreibe 45 Millionen Euro Gebühren anstellen, damit ich einschalte ohne sofort Nasenbluten zu bekommen?

Wo liegen die Erwartungen bei mir, als Konsument aus der Zielgruppe? Einer muss sich diese Frage ja stellen. Doch je länger ich darüber nachdenke, umso weniger möchte mir in den Sinn kommen, was mich eigentlich in meinem Content-Hunger noch sättigen könnte. Ich habe jetzt schon nicht genügend Zeit, um meine Netflix-Watchlist abzuarbeiten. ARD und ZDF wollen eine komplette Bandbreite bestehend aus Information, Fiktion, Comedy und Satire, Jugendkultur, Wissen und Wissenschaft und Service bieten.

Nun gut. Nach Unterhaltungsformaten hat noch nie jemand gefragt und dennoch wurden die meisten dankend angenommen (außer das „Auswärtsspiel“) und beweint, als sie wieder in der Versenkung verschwanden. Da kann man also im Vornherein kein abzudeckendes Bedürfnis erkennen und daran einen bevorstehenden Erfolg oder Misserfolg abschätzen.

Das steht und fällt mit individuellen Projekten, der Authentizität der Protagonisten, die aus dem Content-Meer hervorstechen müssen. Erst letzte Woche waren die kompletten Sendungen von „heute show“ sowie „Neo Magazin Royale“ in den YouTube-Trends. Allerdings illegal hochgeladen von den sicherlich vertrauenswürdigen Freunden des ZDF „Maru’s World“ und „sonnenmond8“. Das heißt also: Es schaffen schon Inhalte aus dem vermeintlich verwelkten Programm den Weg dorthin, wo das junge Angebot hin will.

Nur halt nicht auf dem Wege, der von den Öffentlich-Rechtlichen vorgesehen ist. Doch wie sollen die Formate an den Mann gebracht werden? Eine App will das Programm kompakt zusammenbringen, verschiedene YouTube-Channels in Umlauf gebracht werden. Im Idealfall jubeln ARD und ZDF den Öffentlich-Rechtlich-Verdrossenen ein paar Virale-Hits unter, ohne, dass sie merken von wem diese eigentlich stammen und jeder sich nur fragt, woher plötzlich reichweitenarme YouTuber von Anfang an so viel Produktionsgeld haben.

Für mich liegt die Stärke des jungen Angebots allerdings bei der Information. Das ist erstens der Grund warum die Öffentlich-Rechtlichen nicht aufgrund von bloßem Zuschauerschwund irgendwann komplett frei von Berechtigung sind und zweitens ein total aktuelles Bedürfnis nach einer unabhängigen Instanz, in einer Zeit, in der man im Internet zugemüllt wird mit Falschinformationen, Verschwörungstheorien und Meinungen, Meinungen, Meinungen. (Hey ihr Alliierten, war keine so schlechte Idee damals mit den unabhängigen Medien! Probs an euch!)

Ich könnte mir eine Informationssendung zum aktuellen Tagesgeschehen durchaus interessant vorstellen, wenn sie mir die abstrakten Sachverhalte, die ich in der „Tagesschau“ nicht verstanden habe, zugänglich macht und nicht einfach nur Nachrichten in einem dümmerem Sprache ausdrückem tuht. Aber bitte, bitte, bitte: Lasst euch nicht von aufstrebenden WDR-Volontären erzählen, Snapchat sei ein illustres Tool, um Journalismus zu betreiben!

Pflichtinfo: Snapchat-Reportagen sind erst ernst zu nehmen, wenn Tom Buhrow sie höchstpersönlich mit süßem Hundeschnauzen-Filter moderiert und ihr einziger Mehrwert liegt darin, dass der Reporter mitten im Satz unterbrochen wird. Und wehe, wir bekommen unter der Kategorie „Service“ nur aufwändiger gefilmte Schminktipps!

Die Formate könnten noch so handwerklich perfekt gemacht werden, das Grundproblem wird bleiben: Hier soll eine ohnehin schon übersättigte Generation gefüttert werden, aber wenn wir dem Ganzen keine Chance geben, können wir auch nicht überrascht werden. Und sobald einmal unironisch das Wort „ein“ durch eine 1 ersetzt wird, werden wir noch genug Zeit haben, es im Kollektiv scheiße zu finden. Und noch zum Schluss ein kleiner Tipp zur Güte für den größten Notfall: Falls es alles nichts wird, liebe ARD, liebes ZDF, versucht es einfach mal mit Pornografie. Das kommt im Internet immer gut an.

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