Jubel war seinen Worten nicht entnehmen, als sich Peter Boudgoust vor fast genau zwei Jahren zu Wort meldete, nachdem die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten ARD und ZDF überraschend festlegten, dass beide Anstalten ihren gewünschten Jugendkanal ausschließlich im Netz zu betreiben haben. "Obwohl unser Konzept von vielen gesellschaftlichen Gruppen unterstützt wurde, wird es nun schwerer, das Jugendangebot zum Fliegen zu bringen", erklärte der SWR-Intendant damals und sein Chefredakteur Fritz Frey ließ ausrichten, man habe eine "Riesenchance verschenkt".

Es waren Worte, wie sie nur aus dem Munde alter Fernsehhasen stammen konnten, die nicht so recht wahrhaben wollen, dass sich in den vergangenen Jahren abseits der althergebrachten Glotze ein neuer Stil des Fernsehmachens etabliert hat. Einer, für den es eben keine aufgeplusterte Anstalt mit unzähligen Entscheidungswegen braucht, weil es den Zuschauern im Zweifel reicht, wenn ein Nerd im Jugendzimmer die Kamera anschmeißt und seine Clips bei YouTube hochlädt. Da kommen schnell ein paar Hunderttausend Zuschauer zusammen – mehr, als EinsPlus in der Regel mit seinem linearen Programm erreichte.

Fast drei Millionen Abonnenten zählt etwa Florian Mundt, der bei seinen Fans vor allem unter dem Namen LeFloid bekannt ist und im vorigen Jahr einige Schlagzeilen machte, als er der Bundeskanzlerin ein paar harmlose Fragen stellen durfte. Dass Mundt inzwischen zusammen mit zwei weiteren YouTubern in den Diensten des SWR steht und sein Format "1080Nerd Scope" fortan zusammen mit Marie Meimberg für das öffentlich-rechtliche Jugend-Angebot funk realisiert, zeigt, dass seit den enttäuschten Aussagen von einst im Südwesten ein Umdenken stattgefunden hat.

Eine Chance für Kreative und die Öffentlich-Rechtlichen

Und tatsächlich ist funk in der Art und Weise, wie es nun umgesetzt wird, eine echte Chance für junge Kreative. Mundt und seine Mitstreiter betonten schon vor über einem Jahr, dass es ihnen mit Unterstützung der Öffentlich-Rechtlichen möglich sei, ein Format unabhängig von Werbegeldern umzusetzen. Was für große Namen wie LeFloid gilt, gilt für die vielen eher unbekannten Gesichter, denen funk eine Plattform geben möchte, umso mehr. Eine Chance ist funk aber auch für die Öffentlich-Rechtlichen selbst, weil das Junge Angebot, das sich als "Content-Netzwerk" versteht, ohne das starre Korsett in Form eines Programmschemas auskommen muss.

20:15 Uhr gibt es hier ebenso wenig wie einen Audience-Flow. Genau das macht das schon zum Start recht facettenreiche Angebot mit seinen rund 40 Produktionen, zu denen in den nächsten Monaten 30 weitere hinzukommen sollen, so spannend – auch wenn klar ist, dass nicht jede von ihnen gelingen wird. Möglich wird die erstaunliche Vielfalt, weil die "Funker" viele Freiräume erhalten und eben nicht unter den Fittichen der Boudgousts und Freys dieser Welt stehen. Anders als im klassischen Fernsehen, wo es viel zu oft die Alten sind, die vermeintlich junges Programm machen wollen, haben bei funk die Jungen das Sagen.


Auf diese Weise ist ein Format wie "Jäger & Sammler" möglich, in dem die Journalisten Ronja von Rönne, Nemi El-Hassan und Friedemann Karig wöchentlich kurze gesellschaftspolitische Reportagen liefern möchten. Oder "Y-Kollektiv", das sich sehr subjektiv mit brisanten Themen auseinandersetzt. Da ahnt man schon, dass das auf dem klassischen YouTube-Markt eher schwer zu kapitalisieren ist. Hinzu kommt, dass sich funk mit Formaten wie der Sketch-Comedy "Gute Arbeit Originals" mit Florentin Will und Katjana Gerz oder der Mysteryserie "Wishlist" klar unterscheidet von dem, was ARD und ZDF bisher für gewöhnlich als Unterhaltung erachteten.

"Ich muss aufhören, Fernsehmacher zu sein", sagt funk-Programmgeschäftsführer Florian Hager und grenzt sich mit wenigen Worten maximal ab von dem, was man sechs Jahrzehnte lang bei den Öffentlich-Rechtlichen gedacht und gemacht wurde. Freilich wird sich erst noch zeigen müssen, wie die stattliche Anzahl an Konzepten in der so schwer zu greifenden Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ankommen wird. Und doch scheint es, als sei die Entscheidung der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, das Junge Angebot ausschließlich fürs Netz zu genehmigen, das beste, was ARD und ZDF passieren konnte. Auch wenn Peter Boudgoust das zunächst nicht wahrhaben wollte.

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